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Wie fühlt sich das Vieh? Der schwierige Weg zu besserem Tierwohl

Für die meisten Verbraucher gehören Milch, Eier oder Fleisch einfach zur Ernährung. Gleichzeitig hat in der Gesellschaft aber die Diskussion darüber begonnen, wie die Tiere gehalten werden, die uns Nahrungsmittel liefern. Tierschützer und auch immer mehr Verbraucher wünschen sich mehr Tierwohl. Was aber ist Tierwohl? Wann fühlen sich Rinder, Schweine oder Hühner tatsächlich wohl? Ganz eindeutig lässt sich das nicht beantworten. Allerdings lassen sich Rückschlüsse ziehen.

Von: Ludwig Gruber, Landwirtschaft und Umwelt

Stand: 13.03.2018

Eine Kuh: Wie sie sich wohl fühlt? | Bild: BR/Max Hofstetter

Kann man Tierwohl messen?

Exakt messen lässt sich Tierwohl nicht. Es gibt aber Anhaltspunkte, die zumindest Rückschlüsse zulassen. Experten unterschiedlichster Disziplinen haben anhand dieser Anhaltspunkte sogenannte Tierschutzindikatoren entwickelt und als Leitfaden veröffentlicht. Mit Hilfe dieses Leitfadens können Landwirte das Wohlbefinden ihrer Schweine, Rinder und Hühner besser beurteilen.

Tierwohl, ein dehnbarer Begriff

Die meisten Wissenschaftler und Praktiker konzentrieren sich beim Thema Tierwohl darauf, die Haltungsbedingungen so zu verbessern, dass sie den natürlichen Bedürfnisse der Tiere entsprechen. Dazu gehören unter anderem genug Wasser und Futter, ausreichend Platz und eine Haltung, die Krankheiten vorbeugt. Was das aber konkret bedeutet, hängt vom jeweiligen Standpunkt ab.

Beispiel Anbindehaltung bei Kühen
Nach den gesetzlichen Vorschriften ist es konventionell wirtschaftenden Landwirten erlaubt, Kühe das ganze Jahr angebunden im Stall zu halten. Solange die Tiere gesund bleiben und Leistung bringen, gilt das als akzeptabel. Gerade kleine Betriebe können die großen Investitionen für einen neuen Laufstall, in dem die Kühe frei herumlaufen können, oft nur schwer oder gar nicht aufbringen. Die Gegner der Anbindehaltung halten dagegen die ganzjährige Anbindehaltung nicht vereinbar mit den Vorstellungen von Tierwohl, weil sich Rinder von Natur aus bewegen wollen.

Tierschutzindikatoren als Leitfaden

Mit Hilfe eines Leitfadens können Landwirte das Wohlbefinden ihrer Schweine, Rinder und Hühner besser beurteilen. Schon nach den gesetzlichen Bestimmungen müssen Landwirte routinemäßig darauf achten, dass es ihren Tieren gut geht. Doch Routine ist der Tod der Sorgfalt, wie es treffend heißt, und es besteht immer die Gefahr, dass sich schleichend Missstände in den Ställen einstellen. Der Landwirt hat also seinen Tierbestand sorgfältig in Augenschein zu nehmen - also nicht nur so nebenbei während der Stallarbeit.

Das Wohl der Tiere hängt viel vom Betriebsmanagement ab

Tierschutzindikatoren helfen bei der Kontrolle
Es gibt unterschiedliche Anzeichen dafür, dass es Tieren nicht gutgeht. Stimmt die Haltung nicht, dann treten häufig Krankheitssymptome auf. Allein in der Schweinehaltung gibt es gut ein Dutzend solcher Symptome. Viele kann der Landwirt mit bloßem Auge erkennen. Verletzte Tiere mit blutig verkrusteten Schwänzen, Ohren und Hautpartien, stark verkotete oder lahmende Schweine, Kümmerer, also untergewichtige Exemplare im Bestand. All das sind Anzeichen für Haltungsfehler. Die einzelnen Symptome lassen auf unterschiedlichste Ursachen schließen: etwa Platzmangel, sozialer Stress unter den Tieren, Fütterungsfehler oder zu harte, verschmutzte oder rutschige Bodenflächen. Auch aus Daten, die routinemäßig erfasst werden, lassen sich wichtige Rückschlüsse ziehen. Ist zum Beispiel der Antibiotikaeinsatz im Betrieb überdurchschnittlich hoch, kann das an einem schlechten Stallklima oder unzureichender Hygiene liegen.

Auch beim Milchvieh gibt es jede Menge Indikatoren
Sind einzelne Kühe schlecht ernährt? Zeigen Gliedmaßen oder Klauen auffällige Veränderungen? Sind die Euter entzündet? Kommen gehäuft Schwergeburten vor? Studien haben gezeigt, dass das Tierwohl stark vom Management des einzelnen Betriebs abhängt. In über hundert untersuchten Bauernhöfen haben Wissenschaftler beispielsweise festgestellt, dass der Anteil lahmer Kühe im Tierbestand zwischen null und fast siebzig Prozent liegt. Verantwortlich dafür sind zum Beispiel geschädigte Klauen, weil der Landwirt die Klauenpflege zu selten oder nicht fachgerecht durchführt, die Tiere zu wenig Bewegung haben oder die Bodenbeläge im Stall feucht, verschmutzt und nicht trittsicher sind. Auch für den Landwirt ist das schlecht, denn in der Konsequenz kann das dazu führen, dass Kühe weniger Milch geben.

Mehr Tierwohl im Stall - trotz vieler Reden tut sich politisch wenig

Weil Schweine anderen Schweinen die Schwänze bebeißen, wird Ferkeln üblicherweise der Ringelschwanz gekürzt

Oft sind es schon kleine bauliche, technische oder organisatorische Änderungen, mit denen sich das Wohlbefinden von Rindern, Schweinen oder Hühnern verbessern lässt. Verantwortlich dafür sind die Landwirte selbst. Den großen Rahmen aber setzt die Politik. Sie entscheidet, wie viel Platz die Tiere im Stall mindestens haben müssen, ob Ferkeln die Schwänze abgeschnitten und Kühe ganzjährig in Anbindehaltung gehalten werden dürfen. Politisch hat sich in den letzten Jahren trotz vieler Reden wenig getan. Der nennenswert letzte große Schritt in puncto Tierwohl war das EU-weite Verbot der Haltung von Legehennen in Käfigen mit weniger als einer DIN-A4-Seite Platz pro Legehenne. Aber das liegt schon Jahre zurück.

Mehr Tierwohl im Stall - Fakten schaffen

Die Agrar- und Ernährungsbranche wartet nicht auf politische Entscheidungen, sondern verlangt von den Bauern einfach mehr Tierwohl im Stall. Moderne Technik wie Computer und Smartphone wird auf Höfen auch zunehmend fürs Tierwohl genutzt, einzelne Landwirte bauen besonders tierfreundliche Ställe. Die Geflügelwirtschaft verzichtet freiwillig auf Hennen, denen die Schnäbel gekürzt werden. Verbraucher können Fleisch von Masthähnchen kaufen, die unter besonderen Tierschutzauflagen erzeugt wurden. Große Discounter haben Milch im Sortiment, die ausschließlich von Laufstall-Kühen stammt.

Der Gesetzgeber ist am Zug

Der Lebensmittelhandel kann mit solchen Produkten sein Image aufpolieren, Bauern bekommen für den zusätzlichen Aufwand ein wenig mehr Geld. Das ist aber nur ein Schritt zu mehr Tierwohl in einzelnen Betrieben. Soll sich insgesamt in der Landwirtschaft etwas ändern, ist für entsprechende Veränderungen aber der Gesetzgeber verantwortlich. Nur dadurch lassen sich Mindeststandards setzen, die für alle Tiere in allen Ställen beachtet werden müssen.

Notizbuch Hörtipp! Tierwohl im Rinderstall

Gespräch mit Tierarzt Siegfried Moder
Tierwohl im Rinderstall - welche Voraussetzungen müssen gegeben sein, damit Rinder sich wohlfühlen und möglichst gesund bleiben? Welche Rolle spielen dabei unterschiedliche Haltungsformen wie Anbindehaltung oder Laufstall? Und nicht zuletzt: Worauf sollten Landwirte besonders achten, damit sich ihre Kühe wohlfühlen? Dr. Siegfried Moder ist Tierarzt und Präsident des Bundesverbandes praktizierender Tierärzte (bpt). Siegfried Moder war am Aufbau der vor kurzem gegründeten "Tierärztlichen Plattform Tierschutz" beteiligt.


Kontakte & Linktipps:

Tierschutzindikatoren bei Rind, Schwein, Geflügel
Kuratorium für Technik und Bauwesen in der Landwirtschaft e. V. (KTBL)
Bartningstraße 49, 64289 Darmstadt
Leitfaden für die Praxis: www.ktbl.de

Tierwohl im Rinderstall
Bundesverband praktizierender Tierärzte (bpt)
Dr. Siegfried Moder
Hahnstr. 70, 60528 Frankfurt am Main
Internet: www.tieraerzteverband.de

Technik in der Tierhaltung
Leibniz-Institut für Agrartechnik (ATB)
Abteilung Technik in der Tierhaltung
Potsdam-Bornim
Max-Eyth-Allee 100, 14469 Potsdam
Internet: www.atb-potsdam.de 


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