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Gefährlicher Trend Wenn zu viel Hygiene schädlich ist

Desinfizieren im Alltag - ein gefährlicher Trend. Nach Branchenangaben ist der Umsatz allein bei Handdesinfektionsmitteln um 70 Prozent gestiegen. Die Folge: Allergien, Hautprobleme, Asthma ...

Von: Astrid Halder

Stand: 16.05.2018

Desinfektion der Hände | Bild: Bayerischer Rundfunk 2018

Desinfizieren wird immer beliebter. Dr. Nicola Wagner von der Uniklinik Erlangen sieht das mit Sorge. Die Hautprobleme nehmen zu. 

"Wenn man übermäßig desinfizierende Maßnahmen ergreift, desinfizierende Spüler beim Waschen dazugibt, oder sich zu Hause die Hände desinfiziert mehrmals täglich, das ist natürlich nicht notwendig, und das kann dazu führen, dass derartige Hautschäden leichter auftreten können."

Dr. Nicola Wagner, Hautklinik Universität Erlangen

Nicola Wagner ist auch Allergologin. Beim Thema Allergien macht sie sich Sorgen. Eine zunehmend keimfreie Umgebung führt zu mehr Allergien, wie Studien belegen.

"In den letzten Jahrzehnten erleben wir eine deutliche Zunahme von Allergien, sprich Heuschnupfen, Asthma, Neurodermitis. Es kristallisiert sich zunehmend heraus, dass wir mit den Keimen, die in unserer Umgebung leben, einen sehr großen Einfluss darauf haben."

Dr. Nicola Wagner, Hautklinik Universität Erlangen

Antibiotikaresistenzen durch zu viel Desinfektionsmittel befürchtet

Die Zunahme von Allergien durch Desinfektionsmittel im Haushalt und kaputte Haut - das ist noch nicht alles. Die Wissenschaftler vom Bundesinstitut für Risikobewertung befürchten sogar Antibiotikaresistenzen.

"Wir warnen, weil wir nicht wirklich wissen, welche Auswirkungen das hat, wenn man es sehr breit anwendet. Wissen Sie, wenn Sie eine gezielte Anwendung haben, - zum Beispiel im Krankenhaus versuchen, krankheitsmachende Erreger zu zerstören - dann tun Sie das mit einer hohen Konzentration. Dann sind Sie sicher, dass sie abgetötet sind. Wenn Sie aber in niedrigen Konzentrationen arbeiten, wie es im Haushalt zu erwarten ist, dann gewöhnen sich die Bakterien dran."

Sascha Al Dahouk, Bundesinstitut für Risikobewertung

Hartnäckige Bakterien bleiben trotz Hygienereinigern beim Putzen übrig

Eine Handdesinfektion im Krankenhaus funktioniert zum Beispiel so: Jedes Hautteil wird intensiv eingerieben, das Ganze dauert mindestens 30 Sekunden. Der Laie ist normalerweise viel schneller und ungenauer. Auch beim Putzen im Haushalt. Die Folge: Gerade die hartnäckigen Bakterien bleiben übrig und können sich besser ausbreiten. Die Wissenschaftler am Bundesinstitut für Risikoforschung fürchten nicht nur Antibiotikaresistenzen.

"Es kommt sehr viel schneller zu einer Verbreitung von Resistenzen gegenüber Desinfektionsmitteln und wir sind dann, wenn wir die Desinfektionsmittel wirklich benötigen - also im Krankenhaus oder in der Lebensmittelproduktion - ohne diese 'Waffe in der Hand'."

Sascha Al Dahouk, Bundesinstitut für Risikobewertung

Triclosan in der Kritik

Ein Wirkstoff, der in einigen Hygieneprodukten vorkommt, steht besonders in der Kritik: Triclosan - es wirkt antibakteriell und lässt sich nicht einmal von Kläranlagen aus dem Wasser filtern. Die Wissenschaftler von der Technischen Universität München nehmen für uns eine Probe im oberbayerischen Garching. Im Becken ist das Wasser frisch geklärt.

"Eine Vielzahl von Studien haben gezeigt, dass Triclosan negativ wirkt auf das Hormonsystem in Organismen. Die Spermienzahl wird beeinträchtig. Es gibt auch Hinweise, dass eine erhöhte Krebsrate auftreten kann."

Professor Jörg Drewes, Technische Universität München

Verbot von Triclosan?

Mit anderen Wissenschaftlern setzt er sich für ein weltweites Verbot des Wirkstoffes ein. Einige Hersteller in Deutschland verzichten mittlerweile schon freiwillig auf Triclosan. Trotzdem zeigt unsere Probe, dass es noch im Garchinger Abwasser zu finden ist: Es sind noch immer zehn Nanogramm Triclosan pro Liter enthalten. Eine geringe Konzentration, aber sie sei immer noch hoch genug, dass sie potentiell auch negativ wirken könne, sowohl für Organismen in der aquatischen Umwelt als auch für die menschliche Gesundheit, sagt Professor Drewes.

Ein Übermaß an Hygiene hat oft ungewollte Folgen und ist auch gar nicht nötig. Die Wissenschaftler vom Bundesinstitut für Risikobewertung raten zu Seifen- und Essigreiniger beim Putzen. Und für die Körperpflege reicht  ganz normale Seife.


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