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Innenministerium verbietet Rockergang Was den "Osmanen Germania" vorgeworfen wird

Bundesinnenminister Seehofer hat heute die Rocker-Gruppierung Osmanen Germania BC deutschlandweit verboten. Anders als bei alteingesessenen Gruppierungen geht es bei den türkischen Rockern nicht um Motorbikes und Lagerfeuerromantik, sondern um Boxsport. Und um einen neuen türkischen Nationalismus.

Von: Claudia Gürkov, Lisa Wreschniok

Stand: 10.07.2018

Archiv: Schriftzug "Osmanen Germania" auf der Jacke eines Mannes | Bild: picture-alliance/dpa/Paul Zinken

Sie inszenieren sich martialisch: Muskeln, Waffen, Rocker-Kutten, darauf der Kopf eines vermummten osmanischen Kriegers. "Wir kommen und übernehmen das ganze Land", heißt es in einem Musikvideo der Osmanen Germania. Sie hetzen gegen Erdogan-kritische Landsleute und schüren Nationalismus. Viele der meist türkischstämmigen Mitglieder arbeiten in der Türsteher- und Securityszene.

Heute wurden 16 Ortsverbände der Rocker verboten und bundesweit Razzien durchgeführt. Auch in Bayern, im Landkreis Günzburg.

"Es handelt sich um eine radikale Gruppierung, die sich Straftaten zum Ziel gesetzt hat. Wir haben eine Reihe von Delikten festgestellt, verbotener Waffenbesitz. Es geht um Zwangsprostitution und um andere Formen der organisierten Kriminalität." Joachim Herrmann, CSU, Bayerischer Innenminister

"Osmanen Germania" - türkischer Nationalismus gepaart mit Gewaltbereitschaft

Die Strukturen sind mit denen herkömmlicher Rockergruppierungen wie den Bandidos oder Hells Angels vergleichbar. Doch die Osmanen Germania sind ungewöhnlich schnell gewachsen – das hatte eine bundesweite Umfrage von BR Recherche unter den Landeskriminalämtern gezeigt: Innerhalb weniger Monate entstanden von 2015-2017 in fast allen Bundesländern neue Gruppierungen, sogenannte Chapter. 2.500 aktive Mitglieder sollen es 2017 gewesen sein, vor allem im Westen Deutschlands sind die Osmanen Germania vertreten.

Die Kriminologin Dorothee Dienstbühl weist auf eine weitere Besonderheit hin:

"Das Interessante bei denen ist, dass, wenn man das verbindet mit dem Bereich des türkischen Nationalismus, dann ist es einfach diese Gewaltbereitschaft, die sie haben. Und die kann natürlich auch dazu genutzt werden, um andere Personen, die anderer Meinung sind und die nicht viel vom türkischen Nationalismus halten, mundtot zu machen. Und es ist ja auch kein Zufall, dass die entsprechend mannstark auftreten und sich martialisch positionieren." Prof. Dorothee Dienstbühl, Fachhochschule für öffentliche Verwaltung in Nordrhein-Westfalen

"Osmanen Germania" vermutlich von Ankara aus unterstützt

Vor gut drei Jahren wurden die ersten Ortsvereine, sogenannte Chapter, gegründet. Als Boxclubs, die Jugendliche von der Straße holen sollen. Doch das, so vermuten Ermittler, ist nur Tarnung. Denn die Mitglieder treten rasch politisch in Erscheinung. Sie bedrohen Kurden und Kritiker des türkischen Präsidenten, auf Pro-Erdogan-Demonstrationen sind sie als Ordner im Einsatz. Ein Facebook-Video zeigt die beiden Chefs der nationalistischen Rocker in der Nacht des Putschversuchs 2016 in der Türkei. Vor dem türkischen Generalkonsulat in Frankfurt rufen sie ihre Landleute dazu auf, türkische Vertretungen in Deutschland zu "beschützen".

Kurz darauf wird einer der Osmanen von einem hochrangigen Erdogan-Berater im Präsidentenpalast in Ankara empfangen: Ilnur Cevik. Er posiert lächelnd im Osmanen-T-Shirt mit dem Rocker-Chef.

Auf Anfrage von BR Recherche erklärt der Politiker damals, er habe die Osmanen wegen ihrer "guten Jugendarbeit" empfangen. Auf das "Welttreffen" der Osmanen Germania vergangenen Sommer im türkischen Antalya kamen zahlreiche türkische Politiker zur Unterstützung der Rocker. Experten der Sicherheitsbehörden schließen nicht aus, dass die Osmanen Germania von Ankara aus unterstützt, vielleicht sogar gesteuert werden.

Anführer der "Osmanen Germania" schon vor Gericht

In den vergangenen Monaten wuchs hierzulande der Druck auf die Osmanen Germania. Bei zahlreichen Razzien wurden Drogen und Waffen gefunden. Heute folgte das Verbot der Gruppierung.

Längst überfällig – meint Sevim Dagdelen, türkischstämmige Bundestagabgeordnete und als Erdogan-Kritikerin selbst immer wieder im Visier von Nationalisten.

"Das Verbot der Osmanen Germania darf nur ein Anfang sein, auch um zu verhindern, dass jetzt die Verbotsverfügung, die Auflösung dieser Vereinigung zu einer Neubildung von Umgehungsstrukturen führt." Sevim Dagdelen, Die Linke, Bundestagsabgeordnete

Die Führungsriege der Rocker steht bereits seit März vor Gericht – es ist ein Prozess unter Hochsicherheitsvorkehrungen im Gefängnis Stammheim. Politik spielt keine Rolle im Verfahren. Es geht um Gewalt, Menschenhandel und versuchten Mord.


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