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Hoher Investitionsstau Viele Schulen in Deutschland in schlechtem Zustand

Schimmel an den Wänden, undichte Dächer, eine Decke, die herabstürzt - viele Schulen in Deutschland sind in einem maroden Zustand. Fast 35 Milliarden Euro, so schätzt eine bundeseigene Bank, seien notwendig, um die Gebäude zu sanieren.

Von: Ulrike Schweizer

Stand: 16.04.2018

Umkleide in einer Schulturnhalle in Berlin-Lichtenberg | Bild: picture-alliance/dpa

Viele Schüler, ein kleiner Klassenraum, die Fenster oft geschlossen - ergibt: zu wenig Sauerstoff! Die Konzentration ist dahin. Das passiert den Schülern am Robert-Koch Gymnasium in Deggendorf nicht. 

Seit Juli 2017 lernen die Kinder hier in neuen, intelligenten Räumen. Unter anderem erkennt das hier eingebaute Belüftungssystem, wenn die Luft im Klassenzimmer zu  "dick wird" - sprich: wenig Sauerstoff enthält. Dann bläst das System Frischluft nach.

Freiluftklassenzimmer, digitale Technik und auch Chillout-Zonen gibt es in dem neu gebauten Schulkomplex. Smartboards, Medienterminals, Computer und Dokumentenkameras in jedem Klassenzimmer.

"Ein langer Weg bis dahin: Sieben Jahren lang haben wir erstmal nur verhandelt, mit der Kommune und dem Freistaat - ursprünglich sollte das alte Schulgebäude ja nur saniert werden. Am Ende hat sich herausgestellt, dass eine Sanierung viel teurer gekommen wäre als ein kompletter Neubau."

Hans Peter Meidinger, Direktor des Robert Koch-Gymnasiums in Deggendorf

 Zwei Jahre wurde gebaut - 25 Millionen hat das neue Gymnasium gekostet. 

"Eine Million allein die Technik", sagt Schulleiter Meidinger. Das IT-System am Robert-Koch-Gymnasium ist so umfassend, dass es von einer externen Firma professionell betreut werden muss.

"Ein Modellversuch! Der Deggendorfer Landrat ist da vorangegangen und hat gesagt: Wir machen das!"

Heinz-Peter Meidinger

"Für manche Schulen muss man sich schämen in Deutschland"

Das Robert-Koch-Gymnasium in Niederbayern ist ein Vorbild für viele Schulen in Bayern und Deutschland! "Was die dort haben, davon träumen wir nur", sagt ein Lehrer vom benachbarten Comenius Gymnasium in Deggendorf.

Meidinger ist Schuldirektor, Bundesvorsitzender des Deutschen Philologenverbandes und Präsident des Deutschen Lehrerverbandes. Beruflich ist er viel unterwegs in Deutschland. Meidinger kennt fast jede Schule. 

"Wir haben teilweise dramatische Vorfälle an Deutschlands Schulen. Vor ein paar Monaten ist in Berlin eine Aula eingestürzt. Gott sei Dank waren keine Schüler darin. Wir haben Fälle, da hat sich der Schimmel mittlerweile so in Schulwände gefressen, dass gesundheitliche Schäden nicht nur befürchtet, sondern wahrscheinlich auch die Folge sein würden, wenn hier weiter unterrichtet wird. Wir haben teilweise energetisch unhaltbare Zustände. Kälteschleusen - Räume werden teilweise gar nicht mehr richtig warm. Wir haben Schulen, in die es hinein regnet. Für manche Schulen muss man sich schämen in Deutschland."

Heinz-Peter Meidinger

Investitionsstau in zweistelliger Milliardenhöhe 

Angesichts zahlreicher maroder Schulen in Deutschland hat der deutsche Lehrerverband im Oktober 2017  bundesweite Investitionen von mindestens zehn Milliarden Euro gefordert. Der Koalitionsvertrag der künftigen Regierung müsse Gelder für Schulrenovierungen und Sanierungen enthalten, sagte Philologenverbandes-Vorsitzender Meidinger im Oktober der "Bild"-Zeitung. Und weitere zehn Milliarden Euro für die Digitalisierung der Klassenzimmer.

Die Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) hatte die Gesamtkosten für Instandsetzung maroder Schulen in Deutschland auf 34 Milliarden geschätzt.   

Gelder vom Bund für Digitalisierung

Die Bundesregierung will in dieser Legislaturperiode 3,5 Milliarden Euro in Digitalisierung an Schulen investieren. Extra Gelder für Schulsanierungen gibt es nicht. Das soll weiter Ländersache bleiben.

Zwar hat die alte Bundesregierung noch im Februar 2017 das sogenannte "Schulhaussanierungsprogramm" mit 3,5 Milliarden Euro auf den Weg gebracht - mit Neuregelung bei Bund-Länder-Finanzbeziehungen: Demnach kann der Bund finanzschwache Kommunen unterstützen. Aber seit die Regelung in Kraft getreten ist, seien gerade einmal 600 bis 700 Millionen davon abgerufen worden.

Das liege an der rechtlichen Einschränkung für finanzschwache Kommunen, so Meidinger. Im neuen Koalitionsvertrag wurde deshalb vereinbart, die Einschränkung "finanzschwach" zu streichen und dadurch das Kooperationsverbot an dieser Stelle deutlich zu lockern, erklärt Heinz-Peter Meidinger.  Wenn die Bundesländer nicht selbst kräftig investieren, heißt das, "... dass bei Fortsetzung dieses Tempos noch 30 Jahre ins Land gehen, bis der alte Sanierungsstau abgebaut ist. Bis dahin kommen aber sicher weitere zehn bis 20 Milliarden Euro an neuem Sanierungsstau dazu", ärgert sich der Bundesvorsitzende des Deutschen Philologenverbandes Meidinger.

Dass der Neubau des Robert-Koch-Gymnasiums in Deggendorf samt Digitalisierung so gut geklappt hat, bezeichnet Schuldirektor Meidinger als Glücksfall.

"Der Investitionsstau in Bayern fällt nicht ganz so dramatisch aus wie in anderen Teilen Deutschlands. Aber auch hier warten Schulen seit Jahrzehnten auf Sanierungen. Wenn der neue Kultusminister hier seinen Teil tut, anzuschieben, würde ich mich darüber sehr freuen."

Heinz-Peter Meidinger

 


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