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Wohnen statt Weizen - Häuser statt Hühner Wie Stadtbauern um ihr Land kämpfen

Sebastian Oberfranz (7) spielt gern mit den Hühnern auf dem Hof seiner Eltern. Übernehmen kann er ihn wohl nicht - die Stadt München plant in der Gegend einen neuen Stadtteil für 30.000 Menschen, wo der Stall steht, soll eine U-Bahnstation hin. Jetzt geht Familie Oberfranz zusammen mit anderen Betroffenen auf die Barrikaden.

Von: Sabine Lindlbauer

Stand: 28.11.2017

"Frühmorgens bin ich zum Semmeln holen gegangen und liegt da a Zeitung: hier kann die Stadt München noch wachsen: Des war so die Überschrift. Dann hab ich die Zeitung mitgenommen und  dann war da  eine Großplanung drinnen ich war wirklich schockiert. Weil ich hab mir gedacht, wenn das wirklich so kommt dann ist es das Aus für die Landwirtschaft im Münchner Osten."

Hans Oberfranz, Landwirt in München-Daglfing

Hans Oberfranz

Hans Oberfranz - seit 25 Jahren ist er Bauer in München-Daglfing, am nordöstlichen Stadtrand von München. Dass hier noch Landwirtschaft und Ackerbau betrieben werden, ist sogar vielen Münchnern unbekannt. Jetzt soll vor seiner Haustür gebaut werden.

Blick auf Daglfing

Die Pläne treffen ihn wie ein Schlag - und dabei sind sie am Anfang noch vergleichsweise bescheiden. Mittlerweile ist die Rede von 30.000 Menschen. Oberfranz sagt: eine Stadt wie Erding auf einem  Bruchteil der Fläche. Den Hof der Familie Oberfranz in Daglfing hat schon der Großvater bewirtschaftet, Sohn Sebastian (7) möchte ihn später übernehmen.

Jetzt ist er in Gefahr. Dass sie davon aus der Zeitung erfahren, macht Hans Oberfranz und seine Frau Barbara wütend.

"Ich hab das Gefühl, die überlegen sich nicht, dass da Leute dahinter stecken, die in der Zeitung lesen: oh, das ist ja mein Grundstück! Was machen die da? An unserer Halle, wo unsere  Hühner laufen, ist die U-Bahn-Station. Ja - ich  kann doch auch nicht in Nachbars Garten planen, hier kommt jetzt der Kindergarten hin."

Barbara Oberfranz

Klotzen statt Kleckern: Die drei großen Bauprojekte der Stadt

Es geht um eine Fläche von 600 Hektar, die die Stadt nicht mit einzelnen Bebauungsplänen entwickeln will, sondern als komplett neuen Stadtteil aus einem Guss.

Neubaugebiet Freiham

München steht unter Druck: Um 300.000 Menschen soll die Stadt in den nächsten beiden Jahrzehnten wachsen - deutlich mehr als man Nachverdichtung und "Briefmarkenbebauungsplänen" unterbringen könnte, sagt Stadtbaurätin Elisabeth Merk. Auf der anderen Seite der Stadt, in Freiham, entsteht auf 350 Hektar schon heute ein Neubaugebiet der Superlative für 25.000 Menschen.

Karte: Geplantes Neubaugebiet rund um Feldmoching

Über Jahrzehnte hinweg hat München in Freiham freie Grundstücke zusammengekauft. Doch diese Zeit ist jetzt nicht mehr da. Daglfing ist seit 2011 im Fokus; seit Anfang 2017 auch der Großraum Feldmoching. Merk wirbt um Verständnis, dass man nicht mit jedem der 500 Einzeltümer im Raum Daglfing sofort persönlich geprochen hat - und hat die Rückendeckung durch OB Dieter Reiter.

SEM: Das schärfste Schwert der Stadtplaner

Die rechtliche Grundlage, auf der die Stadt in Daglfing agiert - und dies für Feldmoching in Erwägung zieht - nennt sich "Städtebauliche Entwicklungsmaßnahme". Mit einer SEM können Kommunen nicht nur komplett neue Stadtteile schaffen. Die Bodenpreise werden eingefroren, es wird eine Vorkaufssatzung erlassen - die  Gewinne durch den günstigen Erwerb der Grundstücke fließen in die Infrastruktur, also in den Bau von Straßen, U-Bahnen und Schulen. Möglich wäre als letzte Konsequenz auch die Enteignung, falls sich ein Eigentümer querstellt. Soweit will es die Stadt indes nicht kommen lassen.

Hans Oberfranz und Martin Zech von "Heimatboden" wollen den "SEM-Wahnsinn" stoppen

Die Landwirte sind dennoch besorgt, sehen sich als Opfer einer jahrzehntelang verfehlten Wohnungsbaupolitik. Martin Zech und 350 andere Betroffene haben daher eine Initiative gegründet: "Heimatboden“ nennt sie sich. Mit verschiedenen Aktionen sind sie bereits in die Öffentlichkeit gegangen, haben Plakate in ihre Felder gestellt oder Radltouren veranstaltet – um die wunderbare Natur zu erkunden, die künftig zugebaut werden soll.

Hier treten auch die Naturschützer auf den Plan, die mittlerweile auf der Suche nach schützenswerten Tieren in der Region sind und fürchten, dass die irgendwqann "zubetonierte" Landeshauptstadt am eigenen Verkehr erstickt. Unterstützung bekommen Oberfranz, Zech und ihre Mitstreiter auch durch

"Mich besorgt, dass München zu sehr wächst und dabei Gefahr läuft, dass es seinen Charakter verliert und des Argument, dass man bauen muss, weils net anders geht, des is für mich net schlagkräftig genug; Es gibt so viele Gemeinden in ganz Bayern, die froh wären, wenn Firmen hingehen.

Natürlich muss man dort die Standortbedingungen schaffen, des is genau die Aufgabe der Landesentwicklung und niemand hat gesagt, dass nur München wachsen soll, nur München gedeihen soll. Des ganze Land soll gedeihen und des is des wofür ich kämpfe."

Präsident der Bayerischen Akademie Ländlicher Raum


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anton m., Mittwoch, 29.November, 18:11 Uhr

4. München und Umland

München strebt, mit Hilfe der CSU , eine Wohnsituation an, wie es bereits in chinesischen Städten Alltag ist. Wohnqualität wird Wirtschaftsflüchtlingen geopfert. Aber wer soll dann bitteschön für Nahrung sorgen, ohne bäuerliche Vielfalt. Letztere ist ja schon durch Entscheidungen aus Brüssel nicht mehr gegeben. Konzerne schreiben vor, was wir essen sollen. Alte Kulturpflanzen sind so (anweisungsgemäs) verschwunden.Es gibt nur noch Regeln und bei zuwiderhandeln Strafen.Die Briten haben die Reissleine gezogen. Fazit ist, Beton ernährt keine Menschen und auch keine für uns so lebensnotwendigen Insekten. Das müsste doch auch den sogenannten Volksvertretern klar sein, ansonsten sind sie fehlbesetzt.

Seppl, Mittwoch, 29.November, 09:55 Uhr

3. Die armen Bauern?

Als der neue Münchner Flughafen gebaut wurde, mussten natürlich auch viele Landwirte ihre Grundstücke oder ganze Höfe aufgeben. Damals sind in ganz Bayern die Preise für landwirtschaftlichen Grund deutlich gestiegen, weil viele der Betroffenen sich anderswo einen neuen Hof gekauft haben.
Ich denke, man kann sagen: es hat keiner draufgezahlt. Die paar, die sich geziert haben, wollten meist nur den Preis nach oben treiben.

Schon lange gilt im Großraum München eine ganz eigene Fruchtfolge: Kartoffeln, Mais, Bauland. Und die meisten Bauern sind ganz glücklich damit.

  • Antwort von Oliver M., Mittwoch, 29.November, 18:02 Uhr

    Da sehen Sie mal, dass auch die hoch gelobte, freie Marktwirtschaft Nachteile hat. Dann nämlich, wenn sich das verselbständigt.
    Bin gespannt, welches System wir bekommen, wenn unser heutiger, von Wachstum und Gewinn Besessener Kapitalismus kollabiert ist. Das ist nur noch eine Frage der Zeit ...
    Wäre schön, wir würden moderat rechtzeitig gegensteuern, anstatt eines Tages schmerzhaft auf die Schnauze zu fallen...

K.Hermann, Mittwoch, 29.November, 09:11 Uhr

2. Grenzenloses Stadtwachstum?

Es geht nicht nur um schützenswerte Landschaft, Tierwelt und städtische Naherholung, was natürlich sehr wichtig ist, sondern auch um die regionale Versorgung mit Lebensmitteln. Die Zeiten müssen nicht immer so golden bleiben wie sie gerade sind! Auch daran muss gedacht werden! Dies betrifft nicht nur München, sondern alle Räume, wo wertvollstes Ackerland zu welchem Zwecke auch immer verschwenderisch überbaut wird.

  • Antwort von Oliver M., Mittwoch, 29.November, 17:49 Uhr

    An sowas wird aber nicht gedacht - die Devise ist Wachstum Gewinn Wachstum Gewinn Wachstum Gewinn ... Die Konsequenzen werden ausgeblendet. Aber keine Sorge, die Folgen von unüberlegtem oder egoistischen Handeln haben uns noch immer eingeholt bisher - nur fürchte ich, dass unsere von Wachstum und Gewinn besessene Gesellschaft besonders schmerzhaft wird auf die Schnauze fallen eines Tages ...

Rose, Mittwoch, 29.November, 06:08 Uhr

1. Wohnraum ist zum Teil vorhanden

Was keiner glaubt: In München gibt es Wohnungen, die leerstehen!!!!!!! Warum? Nun die Vermieter möchten keine Mietnomanden, unmögliche und unhöfliche Mieter oder ähnliches und nehmen dafür den Leerstand in kauf, was ich durchaus verstehen kann.
Ich bin mir ziemlich sicher, dass für min. 500 Personen Wohnraum in München bereits vorhanden ist. Ich weiß, 500 ist nicht viel.
Mehrgenerationenhäuser würden sicherlich auch helfen, das Wohnraumproblem zu minimieren. Und eine Mietbremse, die funktioniert, wäre noch besser. So würde sich das Problem mit dem "neuen" Stadtteil auch nicht so extrem ergeben. Leben in München ist ein Luxus.

  • Antwort von Oliver M., Mittwoch, 29.November, 17:58 Uhr

    Ein Mehrgenerationenhaus funktioniert aber nur, wenn das Verhältnis zwischen den Generationen stimmt - nicht immer einfach und mit zunehmendem Alter noch komplexer.
    Würde schon reichen, wenn in Regionen wie München endlich mal
    - die Preise für Grundstücke und Immobilien eingefroren würden,
    - die Mieten eingefroren würden,
    - mit Grundstücken und Immobilien nicht mehr spekuliert werden darf, bzw. der Gewinn kräftig besteuert würde.
    Aber Wetten, dass nix passiert, weil
    - diejenigen das Sagen haben, welche vermögend sind,
    - Politiker kräftig mit verdienen,
    - Gewerkschaften kräftig mit verdienen? Wäre es anders hätten die längst zu Maßnahmen gegriffen, den Immobilienirrsinn ihren Schützlingen zuliebe zu beenden (z.B. Generalstreik). Aber wer schadet sich schon gerne selber?