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NATO-Treffen in Brüssel Chaos-Gipfel entgeht dem GAU

Erst drohte Trump, das Bündnis zu sprengen - dann lobte er es in den höchsten Tönen. Durch ein ähnliches Wechselbad hatte er die deutsche Kanzlerin geschickt. Was bleibt nach so einem turbulenten Gipfel? Von Kai Küstner

Von: tagesschau.de

Stand: 12.07.2018

Donald Trump, Präsident der USA, äußert sich bei einer Pressekonferenz zum Abschluss des Nato-Gipfels.  | Bild: dpa-Bildfunk/Ye Pingfan

Dass dieser NATO-Gipfel der schwierigste aller Zeiten werden könnte, darüber waren sich die europäischen Alliierten von Donald Trump vorab bewusst. Doch dass er sie in diesen zwei Tagen auf eine derartige Gefühls-Achterbahnfahrt schicken würde, hatten sie dann vielleicht doch nicht erwartet.

Zwischen Lob und Tadel

"Die USA stehen fest zur NATO. Vor allem wegen des Geistes, der herrscht, wegen des Geldes, das sie auszugeben bereit sind. Wegen des zusätzlichen Geldes. Der Geist in diesem Raum ist unglaublich", sagte Trump bei der von ihm einberufenen Pressekonferenz.

Hunderte versammelte Journalisten trauten ihren Ohren nicht so recht: Hatte es nicht eben gerade, wenige Minuten zuvor noch eine außerplanmäßige NATO-Krisensitzung gegeben? Weil der US-Präsident hinter verschlossenen Türen in einem erneuten Wutausbruch lautstark über die mangelnde Zahlungsbereitschaft der Europäer geklagt hatte? Sogar mit einem US-Alleingang drohte Trump. Gerüchte, das 69-jährige Bündnis könnte auseinanderfallen, machten die Runde. Und jetzt das: "Jetzt sind wir sehr, sehr glücklich. Wir haben eine sehr mächtige NATO. Sie ist viel stärker als vor zwei Tagen", sagte der US-Präsident.

Der selbsternannte Fachmann für Deals schreibt sich auf die Fahnen, den anderen NATO-Staaten innerhalb weniger Stunden Zusagen für deutlich höhere Militärausgaben abgerungen zu haben. Dafür lässt er von seinen Verbalattacken auf die NATO ab - so scheint die vorläufige Übereinkunft zwischen Trump und seinen Alliierten auszusehen. Dass die Verbündeten längst mehr investieren und der US-Präsident mit Zahlen für Mehrausgaben operierte, die längst bekannt sind - geschenkt.

Merkel schließt Aufstockung nicht aus

"Wir werden darüber reden müssen, inwieweit wir mehr in die Ausrüstung - ich sage deutlich Ausrüstung, nicht Aufrüstung - geben", mit diesen Worten schloss die deutsche Kanzlerin eine weitere Aufstockung der Verteidigungsausgaben nicht aus.

Die bisherigen Planungen der Bundesregierung sehen vor, bis zum Jahr 2024 insgesamt 1,5 Prozent der Wirtschaftsleistung für das Militär auszugeben. Trump hatte - vor seiner Abschlusspressekonferenz allerdings - seine Forderungen in immer neue Höhen geschraubt: Die Verbündeten sollten sofort auf zwei Prozent kommen, lautete eine. Und langfristig gar auf vier Prozent, lautete eine andere.

Um das anschaulich zu machen: Für den Bundeswehretat würde das eine atemberaubende Vervierfachung auf rund 160 Milliarden Euro bedeuten. Merkel zog nach dem NATO-Treffen denn auch diese Bilanz: "Alles in allem ein sehr intensiver Gipfel, ein Gipfel der Selbstvergewisserung."

Von "sehr ernsten Diskussionen" sprach die Kanzlerin ebenfalls. Merkel war diejenige, der Trump innerhalb weniger Stunden eine ganze Menge zumutete: Hatte das Treffen doch mit einer Schimpftirade von Seiten Trumps auf Deutschland begonnen. Und der Behauptung, das Land werde "komplett von Russland kontrolliert". Unter anderem, weil die Bundesrepublik gemeinsam mit Russland die Gaspipeline Nordstream 2 baue. Was den US-Präsidenten nicht davon abhielt, seine Beziehung zu Merkel als "sehr gut"zu loben.

Nachhaltiger Schaden für NATO?

Nach diesem Gipfel bleiben viele Fragen: Wie wird das Treffen Trumps mit Putin, von dem der US-Präsident sagte, der könne "hoffentlich eines Tages ein Freund sein"? Wieviel Schaden hat das auf Geschlossenheit so dringend angewiesene NATO-Bündnis genommen? Und wie lange hält der vorläufige Frieden?

Er werde jedenfalls nicht per Tweet - wie beim G7-Gipfel geschehen - wieder alles zurücknehmen, so Trump. "Das machen andere, ich nicht. Ich bin sehr beständig. Ich bin ein sehr stabiles Genie", meinte Trump, nachdem er der NATO eines der turbulentesten Gipfeltreffen ihrer Geschichte beschert hatte.


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