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Wo steht die Formel 1 gerade? | BR24

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In der Formel 1 wird überlegt, wie man den Terminkalender in der aktuellen Saison flexibler gestalten könnte, um die Rennverschiebungen durch die Corona-Krise aufzufangen. Ein Gespräch mit unserem Formel-1-Reporter Andreas Troll.

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Wo steht die Formel 1 gerade?

In der Formel 1 wird überlegt, wie man den Terminkalender flexibler gestalten kann, um die Verschiebungen durch die Corona-Krise aufzufangen. Was ist überhaupt noch denkbar in dieser Saison? Ein Gespräch mit unserem Formel-1-Reporter Andreas Troll.

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Wie in vielen anderen Sportarten, ist auch in der Formel 1 der Wettkampfkalender komplett auf den Kopf gestellt worden.

B5 Sport-Moderator Frank Hollmann: Was ist überhaupt noch denkbar in dieser Saison?

Andreas Troll (ARD-Formel-1-Reporter): Entweder alles oder gar nichts. Abgesagt ist ja tatsächlich bislang nur ein Rennen. Es sind so viele Rennen wie nie zuvor vorgesehen. Das ist eine Saison mit sehr hohem Anspruch, aber noch mehr Fallhöhe. Denn die Veranstaltungen können ja auch komplett abgesagt werden. Momentan versucht man die Serie überhaupt am Überleben zu halten. Denn diese Covid-19-Pandemie macht auch nicht vor der Formel 1 halt.

Ich finde das legitim, dass sich die Entscheider dieser Serie Gedanken machen, wohin es noch gehen kann, was sie überhaupt noch retten können. Aber sie haben natürlich alle keine Glaskugel: Die wissen auch nicht, wann es zu Ende ist. Die Überlegungen gehen dahin eine Art Notstandsgesetz einzuführen, um vor allem den Terminkalender flexibler gestalten zu können, dass man zwei Rennen an einem Wochenende fährt, dass man die Trainingsläufe weglässt. Diese Dinge kommen jetzt auf. Das finde ich durchaus legitim.

Zwei Rennen an einem Wochenende, dann natürlich auf derselben Rennstrecke, also weniger Rennstrecken im gesamten Kalender. Und wenn ich die Regularien richtig kenne, muss es mindestens acht Rennen geben, dass eine Formel-1-Saison überhaupt als gefahren gewertet werden kann.

Troll: Als Weltmeisterschaft gewertet werden kann, das ist richtig. Ja, das finde ich, sind schon viele, wenn man die schaffen wollte. Wo soll man sie denn fahren? Es müssten ja quasi permanente Rennstrecken sein. Stadtkurse wie Monaco, das geht nicht. Wie lange möchtest du eine Stadt belagern? Das ist völlig undenkbar. Es müssten permanente Rennstrecken sein. Die Erste, die jetzt so infrage kommt, ist möglicherweise Frankreich. Die wackel aber auch schon ein bisschen. Österreich wird angeboten, da muss man mal schauen. Österreich hat sehr restriktiv diese Pandemie gehandhabt. Großbritannien wäre das Ursprungsland der Serie. Man hätte es gerne dort. Aber die Wunschgedanken bleiben Wunschgedanken momentan. Man muss abwarten, wie sich die Pandemie weiterentwickelt.

Ist es denkbar, dass alle Rennen nur in Europa, also auf relativ engem Raum stattfinden? Und gab es das überhaupt schon mal ein in der Geschichte der Formel 1?

Troll: Nein, das gab es noch nicht. Aber ich glaube, das ist der einzig mögliche Weg. Du kannst nicht mehr reisen nach West oder Ost. Die Länder haben unterschiedliche Restriktionen. Du wirst den einfachsten Weg finden müssen. Vielleicht eine Handvoll Rennstrecken aussuchen, wo das wirklich geht. Du musst das mitreisende Personal, das sind ja normalerweise zwischen 1.500 und 2.000 Menschen, reduzieren auf ein Minimum. Wer muss wirklich vor Ort sein? Und auf wen können wir verzichten? Geisterrennen - ist das denkbar bei einre Sportart, die sich nach den Fans ausrichtet und die wahnsinnig kommerziell aufgestellt ist? Will man auf dieses Geld verzichten? Sicherlich, ja. Denn es geht jetzt ums Überleben.

Wirtschaftlich betrachtet, wie bedrohlich ist diese Situation für die Formel 1 und für die Rennställe?

Ich glaube, diese Situation ist völlig neu. Eine Serie, die hochkapitalistisch angelegt ist, konnte bisher ihre Krisen meistens mit Geld lindern oder gar loswerden. Das ist in diesem Falle nicht mehr so. Eine ganz schwierige Situation für kleine Teams, die natürlich schnell insolvent werden, die möglicherweise die erste Hälfte dieser Saison schon nicht überleben können. Genauso droht aber das Szenario, wie schon nach der Finanzkrise, dass die großen Herstellerteams aussteigen. Damit wäre es das Ende dieser Serie. Es ist wirklich momentan ein Arbeiten am offenen Herzen.

Sie kennen ja viele Verantwortliche in der Formel 1. Diese Woche hatte der Internationale Automobilverband beispielsweise beschlossen, diesen erzwungenen Werksurlaub in der Formel 1 nochmals zu verlängern. Was machen die ganzen Mitarbeiter da gerade im Moment, können die an irgendwas feilen, an irgendwas basteln, zumindest am Computer?

Troll: Not macht erfinderisch. Es gibt zum Beispiel das Mercedes-Team. Die haben sich eingebracht und bringen kleine Antriebe für Beatmungsgeräte auf den Weg. Mercedes hat dafür seine ganze Motorenwerkstatt umgebaut. Im zweiten Schritt haben sie auch das Design offen gelegt, damit andere Firmen es sehr schnell nachbauen können. Das ist die eine Seite für die Formel 1, am Auto ist gar nichts erlaubt. Du kannst du nichts machen. Das betrifft sehr, sehr viele Mitarbeiter, Ingenieure, Mechaniker. Die Marketingabteilungen, die stehen still, werden in Kurzarbeit geschickt. Selbst die Formel 1 Liberty Media hat große Teile ihres Personals in Kurzarbeit geschickt. Sie können nichts machen, genauso wie wir nur abwarten. Abwarten, in welche Richtung sich diese Epidemie weiterentwickelt.

Abschließend, wie eng ist die Verknüpfung der Formel 1 mit solchen Rennställen, mit der eigentlichen Automobilindustrie. Auch die leidet ja im Moment massiv. Die Absatzmärkte China und USA , da geht gar nichts im Moment. Auch in Europa so gut wie gar nichts. Wo sind da die Wechselwirkungen?

Troll: Ich denke, dass die teilweise sehr, sehr eng sind, wenn man sich das Mercedes-Formel-1-Team anschaut. Das ist straff orientiert am Mercedes Unternehmen. Auch dieser Bau von Beatmungsgeräten ist eine Ingenieursleistung. Damit orientiert man sich am Unternehmen Mercedes. Es hat auch einen humanitären Zweck. Aber die Verbindung zu einem Hersteller, zum Automobil letztendlich, ist natürlich eins zu eins gegeben.