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Vorwürfe gegen Stefan Lurz: "Nur die Spitze des Eisbergs" | BR24

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Amélie Ebert vom Verein "Athleten Deutschland" fordert eine unabhängige Stelle, an die sich Opfer sexualisierter Gewalt wenden können.

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    Vorwürfe gegen Stefan Lurz: "Nur die Spitze des Eisbergs"

    Die Vorwürfe gegen den Würzburger Schwimmtrainer Stefan Lurz sind nicht die ersten wegen sexualisierter Gewalt im Spitzensport. Amélie Ebert, Präsidiumsmitglied im Verein "Athleten Deutschland", fordert im BR24-Gespräch eine unabhängige Anlaufstelle.

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    Von
    • BR24 Redaktion
    • Pirmin Breninek

    Immer wieder gab es in den vergangenen Jahren Berichte über sexualisierte Gewalt im Spitzensport. Aktuelles Beispiel: der Fall Stefan Lurz. Die Vorwürfe gegen den Würzburger Schwimmtrainer wiegen schwer. Im "Spiegel" hatten fünf Sportlerinnnen von ihren Erlebnissen berichtet. Es geht um sexuelle Belästigung und Nötigung. Lurz ist daraufhin von seinem Amt als Bundestrainer zurückgetreten. Er selbst hatte die Vorwürfe im "Spiegel" bestritten. Die Staatsanwaltschaft Würzburg ermittelt.

    Selbstverständlich gilt auch in diesem Fall die Unschuldsvermutung. Dass es jedoch zuletzt immer wieder vergleichbare Berichte gab, dafür macht der Verein "Athleten Deutschland" auch die Strukturen in den Verbänden verantwortlich. Es handele sich um ein "weithin tabuisiertes Thema". Die gebürtige Würzburgerin Amélie Ebert ist Präsidiumsmitglied bei "Athleten Deutschland". Die Medizinstudentin und ehemals aktive Synchronschwimmerin fordert eine gesonderte Stelle, an die sich Athletinnen und Athleten zukünftig wenden können.

    BR24: In Würzburg sind nun zum wiederholten Mal im deutschen Spitzensport Vorwürfe sexualisierter Gewalt bekannt geworden. Kam das überraschend?

    Amélie Ebert: Jeder Bericht, der von Betroffenen aufkommt, macht traurig, betroffen und auch wütend, dass es passiert. Gleichzeitig muss man sagen: Es ist uns bekannt, dass es Gewalt im Sport gibt. Es ist ein gesamtgesellschaftliches Problem, wobei es im Sport Strukturen und Risikofaktoren gibt, dass es noch öfter passiert. Von daher wissen wir, dass es nur die Spitze des Eisbergs ist. Trotzdem muss man jeden Fall ernst nehmen – und jeder Fall macht einen natürlich betroffen.

    Es gab in den vergangenen Jahren immer wieder Berichte über sexualisierte Gewalt im Spitzensport: beim Fechten, beim Turnen oder beim Boxen. Ist das ein systematisches Problem?

    Wir sehen auf jeden Fall ein strukturelles und kulturelles Problem. Es ist einfach so, dass es im Spitzensport viele familiäre Verstrickungen und viele Abhängigkeitssituationen gibt. Das ganze soziale Umfeld ist miteinander verwoben. Jeder kennt jeden. Es ist einfach nicht unabhängig. Deshalb fördert es solche Strukturen. Wichtig ist, dass man es nicht als Einzelfälle darstellt und mit dem Finger auf eine Person zeigt, die sich falsch verhalten hat. Um es nachhaltig zu verändern, muss man eben auch an der Kultur und der Struktur etwas verändern. Es braucht eine "speak-up-culture". Man muss darüber sprechen. Die Verbände und der ganze Sport sind in der Verantwortung hinzusehen und nicht wegzusehen.

    Der Deutsche Schwimm-Verband hat bereits eine Beauftragte für sexualisierte Gewalt. "Athleten Deutschland" fordert jedoch eine zusätzliche, unabhängige Anlaufstelle für Athleten. Warum?

    Ich denke, es ist ganz wichtig, dass es solche Beauftragte gibt. Es ist wichtig, dass es im Sport bereits ein Bestreben gibt, sich des Themas anzunehmen. Gleichzeitig muss man sagen, dass aus dem Sport heraus immer eine subjektive Sicht auf die Dinge herrscht. Es braucht deshalb unbedingt eine unabhängige Stelle, die das Ganze begleitet. Die dann eben auch Prozesse einleitet, die jemand, der Abhängigkeiten oder eine subjektive Sichtweise hat, anders treffen würde.

    Im Fall Stefan Lurz gab es schon einmal einen Verdacht. 2010 hatte ihm eine Athletin vorgeworfen, sie unter anderem während eines Trainingslagers vergewaltigt zu haben. Das Verfahren wurde eingestellt. Die Schwimmerin hatte die Vorwürfe größtenteils zurückgezogen. Hat die Aufarbeitung des Schwimm-Verbands in Folge versagt?

    Ich sehe das auf jeden Fall als Versagen. Es hat meines Wissens keine Aufarbeitung stattgefunden. Was geklärt wurde, wurde vor Gericht geklärt. Ich bin nicht in dem Team – aber ich weiß von keiner Situation, in der interne Aufarbeitung stattgefunden hat. Dafür wäre es erstmal wichtig zu klären, was passiert ist. Dann muss Einsicht her von allen Seiten. Dann muss über die Kultur gesprochen werden. Es ist gut, dass da nun etwas im Sport passiert und Aufarbeitung angestoßen wird. Aber es ist ganz wichtig, dass es von einer unabhängigen Stelle begleitet wird, weil das sonst nie umfangreich, objektiv erfolgen kann.

    Stefan Lurz war als Bundestrainer tätig. Wie groß sind die Abhängigkeiten von Spitzensportlern zu ihren jeweiligen Bundestrainern?

    Die Abhängigkeit ist extrem. Es ist so, dass man einen alternativlosen Beruf hat. Ich selbst komme aus der Medizin, bin fast fertig mit meinem Studium. Im Sport kann man aber nicht einfach das Krankenhaus, den Arbeitgeber wechseln. Es gibt nur eine Nationalmannschaft. Wenn ich da raus falle und nicht im Kader bin, habe ich keine Alternative. Nur wenn ich im Kader bin, habe ich eine Förderung. Ich kann nicht einfach in ein anderes Land gehen. In dem Fall war es nicht nur so, dass er Bundestrainer war. Viele Bundestrainer übernehmen Heim-Training. Oft gibt es eine Verstrickung in andere Bereiche: Studium, Ausbildung, Schule, Sportinternate. Meistens gibt es eine vielschichtige Abhängigkeit.

    💡 Was will "Athleten Deutschland" erreichen?

    Der Verein "Athleten Deutschland" will mehr Mitsprache für Athletinnen und Athleten im nationalen und internationalen Sportsystem ermöglichen. Der Verein tritt nach eigenen Angaben für "fairen und sauberen Sport, frei von Missbrauch und Gewalt, Manipulation und Misswirtschaft" ein. Auf Beschluss des Bundestages wird "Athleten Deutschland" vom Bundesinnenministerium gefördert. Die Vereinigung hat kürzlich ein Konzeptpapier gegen Gewalt und Missbrauch im Sport veröffentlicht. Darin wird ein unabhängiges Anlaufzentrum für Opfer psychischer, physischer und sexualisierter Gewalt gefordert.

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