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Uli Hoeneß, ein Elfmeter und der Nachthimmel von Belgrad | BR24

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Uli Hoeneß und sein Elfmeter im EM-Finale 1976 gegen die CSSR - noch heute suchen sie den Ball, wird oft gewitzelt. 44 Jahre später enthüllt Hoeneß: Franz Beckenbauer hat ihn erst zum Elfer überredet.

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Uli Hoeneß, ein Elfmeter und der Nachthimmel von Belgrad

Belgrad, 20. Juni 1976. Im EM-Finale ist Uli Hoeneß als Vierter am Elfmeterpunkt für Deutschland. Hoeneß verschießt, die Tschechoslowakei wird Europameister. Trost gab's von Franz Josef Strauß bis Helmut Kohl.

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Es ist ein Elfmeter, der in die Geschichte einging. Ein 24-jähriger Hoeneß, mit den Kräften am Ende, tritt an, um den nächsten Europatitel der deutschen Nationalmannschaft zu besiegeln. Halb links oben in den Winkel sollte der Ball gehen.

Doch Hoeneß schießt drüber, der Ball segelt himmelhoch über das Tor. “Bei Aufräumarbeiten hör ich, nach dem Krieg, hat man den Ball irgendwann gefunden, so weit war er drüber“, scherzte Uli Hoeneß im Interview mit BR24 Sport.

Körperlich am Ende

Dass der heutige FC Bayern-Ehrenpräsident überhaupt bei der EM dabei war, ist nicht selbstverständlich gewesen. Vorausgegangen war eine böse Verletzung im Jahr zuvor, woraufhin er am Innen- und Außenmeniskus operiert werden musste. Es folgten erst Gipsbein und dann "diese Aufholjagd" (O-Ton Hoeneß).

Für den gebürtigen Ulmer war es das große Ziel, bei der Europameisterschaft dabei zu sein. Nach einer "enormen Kraftanstrengung" schaffte er es. Trotz allem musste Hoeneß seinen Anstrengungen Tribut zollen. Bei der EM war er, wie er selbst sagt, "einfach körperlich total am Ende."

Die Deutschen nach Verlängerung im Finale

Das Turnier selbst ging gut los für die deutsche Fußball-Nationalmannschaft. Ohne Niederlage in der Vorrunde kickte die deutsche Elf erst Spanien im Viertelfinale und anschließend Gastgeber Jugoslawien im Halbfinale raus. Doch ganz entspannt war die Vorstellung nicht.

Schon gegen die Jugoslawen ging es in die Verlängerung. Nach einem 0:2-Pausenrückstand drehte das Team des damaligen Bundestrainers Helmut Schön das Spiel und gewann nach Verlängerung mit 4:2. Der damals 22-jährige Dieter Müller traf in seinem ersten Länderspiel drei Mal.

Im Finale schien sich ähnliches zu wiederholen. Die Tschechoslowakei brachte den amtierenden Europa- und Weltmeister unerwartet in die Bredouille. Bei 2:2 nach Verlängerung stand fest: Die Entscheidung musste anders her - das Elfmeterschießen feierte seine Premiere bei einer Europameisterschaft..

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Weil er Los-Entscheide unsportlich empfand, entwickelte der Penzberger Schiedsrichter Karl Wald das Elfmeterschießen. Vor 50 Jahren, am 30. Mai 1970, gab der Bayerische Fußball-Verband grünes Licht - und Walds Erfindung eroberte die Fußballwelt.

Elfmeterschießen erstmalig dabei

Anstatt durch Wiederholungsspiel, Münzwurf oder Losentscheid wurde in der Nacht von Belgrad der Sieger per Elfmeter gekrönt. Es war die Premiere für das Elfmeterschießen in einem europäischen Großturnier. Den Spielern selbst schien das nicht ganz bewusst gewesen zu sein, erst beim Aufwärmen soll man ihnen gesagt haben, dass es bei einem Unentschieden kein neues Spiel gäbe.

"Eins ist sicher, wir waren nicht darauf vorbereitet, denn sonst hätte man vielleicht Elfmeterschießen geübt", erinnert sich Hoeneß. Sowieso sei man überzeugt gewesen, die Tschechoslowaken auch in 90 bzw. 120 Minuten bezwingen zu können.

Hoeneß: "Franz hat bestimmt, dass ich mitschießen soll"

Nach einem kräftezehrenden Turnier wurden nun willige Elfmeterschützen gesucht. Schießen wollte keiner so richtig, auch Uli Hoeneß nicht. Nach seinen Verletzungen war er "nicht der psychologisch sicherste Schütze."

Als Kapitän Franz Beckenbauer schließlich zu ihm kam und ihm Mut zuredete, gab es kein Zurück: “Der Franz hat mich eigentlich mehr oder weniger überredet und eigentlich am Ende auch bestimmt, dass ich jetzt mitschießen soll.“

Hoeneß schießt drüber - Panenka trifft

Nachdem die Tschechoslowaken vorgelegt hatten, war der Druck immens, als vierter deutscher Spieler zu kontern. "Das Tor wird immer kleiner, der Torwart wird immer größer", beschreibt Hoeneß das Gefühl beim Anlauf zum Elfmeter. Als der Ball schließlich über das Tor flog, schlug er fassungslos die Hände vor das Gesicht.

Danach besiegelte Antonín Panenka das Schicksal der Deutschen, als er mit seinem legendären Lupfer für die Tschechoslowakei traf. Hoeneß wurde zur tragischen Figur des Spiels. Zwei Elfmeter, die in Erinnerungen blieben - mit nur einem Happy End.

Trostbriefe von Strauß und Kohl

Totale Leere hätte er danach empfunden und nachts kein Auge zugedrückt, so Hoeneß. Zimmerkollege Hannes Bongartz leistete ihm abends Gesellschaft und spendete Trost. Selbst im anschließenden Urlaub in der Karibik wären viele Deutsche im selben Hotel gewesen, die ihn an das Spiel erinnerten.

Als er nach der Auszeit zurück nach Hause kam, erwartete ihn eine Welle von Briefen. Neben vielen unbekannten Fans und Freunden hatten ihm auch Franz Josef Strauß und Helmut Kohl geschrieben, "weil ich anscheinend so deprimiert dreingeschaut habe, dass sie das Empfinden hatten, mich zu trösten."

Hoeneß: "Zum Siegen gehört das Verlieren"

Danach sei der Trubel relativ schnell vorübergegangen. Negativ geprägt habe ihn dieser verschossene Elfmeter nicht, denn "zum Fußball und zum Siegen gehört das Verlieren."

Uli Hoeneß ist am Sonntagabend Studiogast in Blickpunkt Sport um 21.45 Uhr im BR Fernsehen.