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Corentin Tolisso bei seiner Auswechslung mit FC-Bayern-Betreuern

Die bitteren Diagnosen veröffentlichte Rekordmeister FC Bayern München am Samstagabend (15.09.2018) auf seiner Homepage. Weltmeister Corentin Tolisso "erlitt einen Kreuzband- und Außenmeniskusriss im rechten Knie" und werde "somit mehrere Monate ausfallen." Bereits am Sonntag wurde Tolisso in München operiert und demonstrierte zumindest nach außen Humor im Umgang mit der Verletzung.

Außenverteidiger Rafinha wird dem FC Bayern dagegen "nur" einige Wochen fehlen. Er hat sich "einen Teilriss des Innenbandes am linken Sprunggelenk zugezogen." Beide Spieler haben sich bei gegnerischen Fouls beim 3:1-Bundesliga-Heimsieg gegen Bayer Leverkusen verletzt.

Den Bayern-Verantwortlichen war schon unmittelbar nach der Partie der Kragen geplatzt. "Das ist nicht nur Rot, das ist Doppel-Rot", schimpfte Trainer Niko Kovac über das Foul des Leverkuseners Karim Bellarabi an Rafinha nach 80 Minuten. Bellarabi war von hinten in die Beine des Brasilianers gerauscht. Präsident Uli Hoeneß wetterte: "Das Foul von Bellarabi war natürlich geisteskrank. Das ist vorsätzliche Körperverletzung. So einer gehört drei Monate gesperrt - und zwar für Dummheit."

Insgesamt wollte Hoeneß den Leverkusenern aber "nicht vorwerfen, überhart gespielt zu haben." Das Foul an Tolisso, bei dem es zur unglücklichen Knieverletzung kam, erinnerte in der Tat an einen recht normalen Mittelfeldzweikampf zwischen dem Franzosen und Leverkusens Kevin Volland.

Audio: FC-Bayern-Präsident Uli Hoeneß zu den Verletzungen im Spiel gegen Leverkusen

Audio: FC-Bayern-Präsident Uli Hoeneß zu den Verletzungen im Spiel gegen Leverkusen

Kovac muss früh in der Saison improvisieren

Das ändert aber nichts daran, dass Coach Kovac schon nach drei Bundesligaspieltagen vor neue und so nicht vorhergesehene Aufgaben gestellt wird. Nach dem Ausfall von Kingsley Coman, der ebenfalls noch länger fehlen wird, hat Kovac mindestens zwei, eigentlich sogar drei Baustellen, die er früh in der Saison bearbeiten muss. Fast schon verständlich, dass er unmittelbar nach dem Spiel drastische Worte wählte.

"Ich habe das Gefühl, dass wir Freiwild sind." FC-Bayern-Trainer Niko Kovac nach dem 3:1-Sieg mit zwei schweren Verletzungen im Spiel gegen Leverkusen

Baustelle eins: Die Flügel

Eigentlich sollten Kingsley Coman und Serge Gnabry in dieser Saison peu à peu in die freilich sehr großen Fußstapfen von Arjen Robben und Franck Ribéry treten. Coman muss sich nach seiner Verletzung gedulden, auch Gnabry zeigte sich immer wieder anfällig für Verletzungen. Den Saisonauftakt gegen Hoffenheim verpasste er mit Muskelproblemen, gegen Leverkusen feierte er sein Startelfdebüt auf der linken Seite, weil Ribéry geschont wurde. Sein Potential war allerdings nur selten zu sehen, ein Debüt der Kategorie "Unauffällig".

Wie Kovac in Zukunft auf den Flügeln spielen könnte, wenn Robben oder Ribéry einmal eine Pause bekommen, zeigte er schon gegen Leverkusen. Nach Gnabrys Auswechslung in der 60. Minute rutschte der Kolumbianer James Rodríguez auf die Ribéry-Planstelle, sorgte für ordentlich Wirbel und belohnte sich am Ende sogar noch mit einem Tor. Ein Nebeneffekt, der Kovac sicher gerne mitnimmt: James könnte so deutlich mehr Spielzeit bekommen, denn zufrieden war der Kolumbianer mit seinen bisherigen knappen Einsatzzeiten in dieser Saison angeblich nicht.

Baustelle zwei: Das Mittelfeld

Kovac hat Probleme im Mittelfeld? Bei diesem Überangebot an Stars? Probleme sicherlich nicht. Aber nach dem Ausfall von Tolisso wird es tatsächlich schon etwas eng wenn es darum geht, eine Art "Aggressive Leader" im Bayern-Mittelfeld zu finden. Tolisso, der Weltmeister, der mit unendlich breiter Brust aus Russland zurückgekehrt war ("Zu Bayern kam ich als junger Spieler, den keiner kannte. Ich wurde Meister mit Bayern, jetzt Weltmeister. Das ändert viele Dinge"), war die erste Wahl für die Rolle des Arturo-Vidal-Nachfolgers. "Er verkörpert den modernen Mittelfeldspieler. So wollte ich auch immer sein und spielen. Er verteidigt gut und schießt viele Tore", sagte Tolisso erst im August über den Chilenen, sein Vorbild, den er nur zu gerne im Bayern-Mittelfeld beerben würde.

Die Alternativen um die attraktiven Mittelfeldplätze, die im Fußballjargon verkürzt als "Sechs", Acht" und "Zehn" ausgegeben werden, heißen bei den Bayern Thiago, James Rodríguez, Leon Goretzka, Renato Sanches und Thomas Müller - wobei letzterer kein Kandidat für die defensiven Positionen ist. Thiago spielt an Sahnetagen weltklasse, James ebenso, spielt aber deutlich offensiver und ist - siehe oben - auch eine Option für die Flügel. An schlechten Tagen tauchen beide ab. Leon Goretzka und Rückkehrer Renato Sanches müssen erst noch zeigen, wie sie sich auf Dauer in Bayerns Schaltzentrale schlagen.

Zwar wäre auch Tolisso nicht von heute auf morgen der unumstrittene Leader im Bayern-Mittelfeld gewesen. Der Franzose ist allerdings tatsächlich der Spielertyp, der ein gesamtes Spiel zwischen der Sechs und Zehn pendelt, Bälle holt, Bälle verteilt, ab und zu (wie gegen Leverkusen) trifft und einem Arturo Vidal am nächsten kommt. Vor allem Thiago, Goretzka und Sanches dürften in den nächsten Wochen auf dem Prüfstand für die Vidal-Rolle stehen.

Baustelle drei: Die Außenverteidiger

Glücklich ist, wer einen Rafinha im Kader hat. Der Brasilianer gilt als einer der Spaßmacher schlechthin im Spiel, ist seit Jahren zwar "nur" zweite Wahl auf den Außenverteidigerpositionen. Setzte sich aber meist ohne zu murren auf die Bank - weil er am Ende doch immer reichlich Spielzeit bekam. Sein Vorteil: Findet auch nach längeren Bankphasen sofort ins Spiel und ist einer der wenigen auf der gesamten Welt, dem es recht egal ist, ob er auf der linken oder rechten Seite aufläuft.

Doch Rafinha fehlt erst einmal verletzt, Juan Bernat hat die Bayern vor der Saison verlassen, bleiben für die zwei Außenverteidiger-Planstellen mit David Alaba und Joshua Kimmich noch genau zwei Kandidaten. Von allen Nachwuchstalenten, die der FC Bayern vor der Saison mit einem Profivertrag ausgestattet hat, ist nur Lars Lukas Mai ein Kandidat mit Erfahrung für den Außenverteidigerposten. Zwei Mal stand er aber erst bei den Bayernprofis auf dem Platz. Und dass Kovac - ähnlich wie Bundestrainer Joachim Löw - einen Innenverteidiger auf die Außenbahn schiebt, scheint unwahrscheinlich.

Viel Zeit bleibt Kovac nicht, seine drei Baustellen zu beackern: Die englischen Wochen beginnen. Schon am Mittwoch (21.00 Uhr, live auf B5 aktuell) beginnt die neue Champions-League-Saison für die Münchner mit einem Auswärtsspiel bei Benfica Lissabon.

Autoren

Bernd Eberwein

Sendung

Blickpunkt Sport vom 16.09.2018 - 19:45 Uhr