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John W. Henry, Chef der Fenway Sportsgroup (FC Liverpool) und protestierende englische Fußballfans

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Super League - die Gier der Strippenzieher

Aus der geplanten europäischen "Super League" wird erstmal nichts. Die Strippenzieher im Hintergrund haben die Macht der Fans unterschätzt. Die Gründe dafür sind bei den Klubeignern zu suchen, für die der Fußball längst nur noch ein Geschäft ist.

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Von
  • Wolfram Porr
  • Jonas Bedford-Strohm

Die Wucht, mit der die Fans aus ganz Europa - und insbesondere der aus England - auf die Pläne der "European Super League" reagierten, hat am Ende nahezu alle Initiatoren mit voller Härte getroffen. Zwölf europäische Topklubs - sechs aus England sowie je drei aus Spanien und Italien - wollten über die Köpfe ihrer Anhänger hinweg eine neue Liga schaffen, mit der sie noch mehr Geld verdienen wollten, in der sich der Kreislauf des Geldes nur noch um immer die gleichen Vereine drehen sollte, ohne sportliche Qualifikation. Die US-Großbank JP Morgan hatte sich bereits bereiterklärt, erst einmal 3,5 Milliarden Euro Anschubfinanzierung zur Verfügung zu stellen.

Die Macher sind nun aus dem Schatten getreten. Was bislang immer wie ein Verschwörungs-Mythos, eine Drohung aus dem Off klang, ist endlich ans Licht getreten. Wie der Kaiser auf dem hohen Ross wollten sie einmarschieren und die Super League verkünden. Doch die Fans haben entblößt: der Kaiser hat gar keine Kleider an. Was zunächst wirkte wie von langer Hand geplant, war am Ende mit heißer Nadel gestrickt. Und ist atemberaubend kollabiert. Vorerst.

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"Super Greed" (Supergeiz) statt Super League: Fanprotest in England

Gier und Panik im "Club der Super-Verschuldeten"

Aber was steckt dahinter? Kurz gesagt: Gier gepaart mit Panik, weil mit den Corona-Verlusten ein schon auf Sand gebautes Schuldensystem bei manchen Klubs jetzt wie ein Kartenhaus in sich zusammenzufallen droht.

In einer Liga, in der nicht mehr die UEFA die Gelder verteilt, sondern die teilnehmenden Klubs alle Erlöse nach Belieben unter sich aufteilen, hätte sich manch überschuldeter Klub schneller gesundstoßen können, als das in der UEFA Champions League möglich ist. Real Madrids Präsident Florentino Perez gab dies unumwunden zu. Angesichts der beschlossenen Champions-League-Reform, die ab 2024 greifen soll, sagte er den entlarvenden Satz: "Sie sagen, das neue Format kommt 2024. 2024 sind wir alle tot."

"Wenn ich das Zitat von Florentino Perez höre, dieser Schritt sei alternativlos und dass es 2024 wegen Corona die ganzen Vereine nicht mehr geben würde, dann weiß ich nicht, ob das der Club der Super-Reichen oder eher der Club der Super-Verschuldeten ist." Max Eberl, Sportdirektor Borussia Mönchengladbach
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Die Schals der englischen Klubs, die sich der Super League anschließen wollten

Symptom eines Strukturproblems

Die Super League war selbst gar nicht das Problem. Sie war nur ein Symptom des Strukturproblems. Und das haben die Fans geschafft: Das Symptom ist besiegt. Die Krankheit aber bleibt. Und sie liegt in der internationalen privatwirtschaftlichen Eigentümer-Struktur, die keinerlei Kontakt zu den Vereinen in unseren Dörfern und Städten haben, sondern Geschäftsleute und Oligarchen aufs Schild hebt.

Man kann die Eigner in vier Gruppen aufteilen:

  • die Dealmaker mit dem Investoren-Ideal des amerikanischen Sport-Modells (FC Liverpool, Manchester United, AC Mailand)
  • die Verschuldeten, die jahrelang über ihre Verhältnisse gelebt haben (FC Barcelona, Real Madrid, Juventus Turin, Tottenham Hotspur)
  • die Getriebenen, die Angst hatten zu kurz zu kommen (FC Arsenal, FC Chelsea, Atletico Madrid)
  • die Staats-Vermarkter, die über den Sport ihr Land stärken wollen (Manchester City, Inter Mailand)
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Zwölf große Klubs hatten für den europäischen Fußball eine Revolution geplant. Doch die Super League wurde zum größten Flop der Fußball-Geschichte. Ein Kommentar von Jonas Bedford-Strohm.

"Sonnenkönige" und Oligarchen: "Too big to fail"?!

Man versteht die Krankheit hinter dem Symptom der Super League, wenn man den Geldflüssen folgt: Milliardär Joe Lewis etwa hält seine Anteile an Tottenham Hotspur über die Firma Tavistock auf den Bahamas. Um Steuern zu sparen. Was schert Lewis, was eine Super League mit dem Fußball macht – während Tottenham über 600 Millionen Euro Schulden angehäuft hat?

Übertroffen wird das nur von Real Madrid und FC Barcelona, die - mit den "Sonnenkönigen" Florentino Perez und Joan Laporta an der Spitze - jahrelang über ihre Verhältnisse gelebt haben und jetzt in Panik geraten. Gleiches gilt für Andrea Agnelli, Chef des FiatChrysler-Konsortiums und starker Mann bei Juventus Turin. Corona war nur der Trigger. Die Schulden haben sie über Jahre angehäuft. Und jetzt sollen alle anderen dafür bezahlen, wie bei einem Bailout der Finanzindustrie: "too big to fail". Aber sie haben den Bogen überspannt.

Die hoch-verschuldeten Klubs wollen sich retten

Zu den "Verschuldeten" muss man auch Tottenham Hotspur zählen. Die Londoner verteidigten selbst in der Rückzugs-Erklärung noch die Initiative, was darauf hinweist, dass sie den treibenden Klubs zuzurechnen sind. Das ist auch ein Ergebnis der Eigentümer-Politik der ENIC Group hinter dem Klub, die in der Steuer-Oase Bahamas registriert ist. Profit-Optimierung um jeden Preis ist das Motto. Neben Juventus Turin, Real Madrid und dem FC Barcelona hat Tottenham die größten Schuldenberge angehäuft. Diese Klubs sind am verletzlichsten, ihr Erfolg der letzten Jahre scheint finanziell auf Sand gebaut.

Die Staatsvermarkter wollen ihr Portfolio stärken

Nochmal anders verhält es sich bei Manchester City und Inter Mailand, bei denen Staatsinteressen im Hintergrund stehen. Widerspruch? Das kennen Sheik Mansour, seines Zeichens Mitglied der Herrscherfamilie von Abu Dhabi in den Vereinigten Arabischen Emiraten (VAE), oder die chinesische Suning Holding nicht.

Interessant ist, dass Inters chinesische Eigentümer nicht felsenfest zu den Plänen standen. Neben den 20 Prozent Anteilen, die der chinesische eCommerce-Riese Alibaba hält, sollte nun auch der chinesische Staat mit 23 Prozent über die Regionalregierung von Shenzen einsteigen. Hier steht also die Reputation eines Staates mit auf dem Spiel.

Gleiches bei Manchester City: Der Klub ist über die City Football Group von der Herrscherfamilie der VAE kontrolliert, auch wenn Sheikh Mansour selten in die Alltagsgeschäfte eingreift. Die City Football Group besitzt auch Klubs in den USA, Australien, Indien, Japan, Spanien, Uruguay, China, Belgien und Frankreich. Dass dieser Staats-Konzern in die "Super League" einsteigen wollte, hat daher wenig überrascht. Dass er auch schnell wieder ausgestiegen ist, überrascht genau so wenig, denn die Reputation eines ganzen Staates steht auf dem Spiel.

Deswegen ist übrigens auch verständlich, dass Paris St. Germain mit ihrem Eigentümer Qatar entschieden hat, der "Super League" nicht beizutreten. Kontroversen hat Qatar bereits genug.

FC Arsenal: Wohlklingender Name, keine Titel

Und schließlich sind da dann auch noch Klubs, die einfach nicht abgehängt werden wollen. Obwohl Titel seit Jahren ausbleiben, hatte sich der FC Arsenal den Plänen angeschlossen. Mit einem guten Namen, so dachte man wohl, kommt man eben auch ohne sportlichen Erfolg an die großen Fleischtöpfe. Der FC Chelsea hat zwar hier und da einen Titel gewonnen: In England haben aber die Klubs aus Manchester und der FC Liverpool noch bessere Möglichkeiten. Trotzdem wollen die "Blues" wie auch Roman Abramovich immer zu den Besten gehören.

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Anfield - Heimat des FC Liverpool

US-Modell als Vorbild

Dass die Befürworter der neuen Liga von den Protesten überrascht wurden, hat auch damit zu tun, dass die "Spielregeln" im US-Profisport andere sind. In den USA sind alle großen Ligen organisiert wie dies auch in der "Super League" sein sollte. So sind in der NFL alle Teams gesetzt und werden durch ein Eigentümer-Kartell vertreten, das die übergreifenden Fragen wie die Vermarktung der Liga im TV organisiert. Es gibt eine noch engere Verzahnung von Klubs und Liga als in Europa, weil die Liga nichts als die Gruppe der Klubs selbst sind. Die Eigentümer haben gemeinsam die Macht. Kein Verband steht im Weg. Alle Einnahmen gehen an die Klubs direkt.

In den letzten Jahren wurden immer mehr europäische Klubs von amerikanischen Investoren übernommen. Manche von ihnen haben Teams in US-Ligen: Arsenal-Eigentümer Stan Kroenke besitzt neben Arsenal auch die Denver Nuggets in der NBA, Colorado Avalanche in der NHL, Colorado Rapids in der MLS und die LA Rams in der NFL, die er vor einigen Jahren kurzerhand von St. Louis nach Los Angeles umzog, weil dort der TV-Markt lukrativer war. Fans, Spieler und Trainer wurden nicht gefragt.

Profitorientierte Sportmodelle an der Tagesordnung

Dieses Modell nutzt auch die Fenway Sports Group, die sich bei Liverpool eingekauft hat. Sie besitzt die Boston Red Sox in der MLB. Die Spieler wurden nicht gefragt und haben sich versammelt gegen die Super League ausgesprochen. Auch Teammanager Jürgen Klopp wusste nicht Bescheid. Die Macht der Fans hatte die FSG ebenfalls unterschätzt. Aus den USA kennen sie das so nicht. Das ist ein Kultur-Unterschied, der ein solches Drama nun plausibel macht.

Die Eigentümer-Familie der Glazers in Manchester United kommt aus Florida und besitzt dort die Tampa Bay Buccaneers, die gerade den Super Bowl gewannen. Der AC Mailand wurde von einem amerikanischen Hedge-Fond, der Elliot Management Corp., gekauft. Diese Allianz an amerikanischen Investoren hat die Pläne der Super League maßgeblich geprägt und mutmaßlich auch beim Finanzierungs-Deal mit J.P. Morgan Chase geholfen. Eine Verbands-Struktur auf Basis eingetragener Vereine sind dieser Allianz fremd. Sie kennen nur profitorientierte Sportmodelle. Deswegen wurden sie von der Wucht der Fans überrascht.

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Karl-Heinz Rummenigge und Hans-Joachim Watzke

Wohin geht nun die Reise im europäischen Fußball?

Das Beispiel "Super League" zeigt: Hier hat sich eine unheilige Allianz aus amerikanischen Sport-Investoren, hochverschuldeten Klubs aus Südeuropa und globalen Sport-Konzernen zusammengetan. Deutsche Vereine scheinen auch durch die 50+1 Regel geschützt gewesen zu sein. Wie in der Finanz- und Schuldenkrise von 2008 scheinen sie durch konservativeres Wirtschaften gegen den finanziellen Corona-Schock besser gewappnet zu sein als Real, Barcelona, Juventus oder Tottenham. Deswegen hatten der FC Bayern und Borussia Dortmund weniger Druck, dem Konstrukt beizutreten.

Bayern-Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge zeigte sich daher auch "überzeugt, dass die aktuelle Statik im Fußball eine seriöse Basis garantiert“. Mit einer unmissverständlichen Spitze in Richtung Real-Boss Perez sagte er weiter: "Ich glaube nicht, dass eine 'Super League' die finanziellen Probleme der europäischen Klubs lösen wird, die durch Corona entstanden sind. Vielmehr sollten alle Vereine in Europa solidarisch daran arbeiten, dass die Kostenstruktur, insbesondere die Spielergehälter und die Honorare für die Berater, den Einnahmen angepasst werden, um den gesamten europäischen Fußball rationaler zu gestalten.“

Die deutschen Klubs haben im internationalen Vergleich kleinere Brötchen gebacken – das hat sie vor dem Fiasko "Super League" bewahrt.

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Es war ein Geheimplan einiger europäischer Spitzenfußballclubs: Eine Super-Liga, um noch mehr Sponsoren- und Fernsehgelder einzunehmen. Als die Pläne jetzt bekannt wurden, liefen auch die Fans Sturm dagegen.