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Sport außer Kontrolle: Corona legt Anti-Doping-Kampf lahm | BR24

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Die Corona-Krise hat den Kampf gegen Doping weltweit lahm gelegt. Wegen Ansteckungsrisiken sind Dopingtests ausgesetzt. Sportler befürchten, Konkurrenten könnten sich durch verbotene Substanzen Vorteile verschaffen.

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Sport außer Kontrolle: Corona legt Anti-Doping-Kampf lahm

Während der Corona-Krise sind Dopingtests weltweit ausgesetzt. Sportler befürchten, Konkurrenten könnten sich jetzt durch verbotene Substanzen Vorteile verschaffen. Die Kritik richtet sich gegen die Welt-Anti-Doping-Agentur WADA.

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Die Corona-Krise hat den Kampf gegen Doping weltweit lahm gelegt. Könnten Sportler die Situation jetzt ausnutzen und zu verbotenen Mitteln greifen? Auf jeden Fall, sagt Jörg Jaksche, der ehemalige Radprofi und Kronzeuge im Dopingskandal 2006 um den spanischen Arzt Fuentes.

Im Interview mit dem Bayerischen Rundfunk sagt Jaksche, auf dem Höhepunkt seiner Karriere sei Doping Teil des Systems gewesen. "Man wurde ja sogar im Team als unprofessionell gesehen, wenn man das nicht gemacht hat", so Jaksche.

Längerfristig Vorteile durch verbotene Substanzen

Lässt sich das auf heute übertragen? Jaksches Einschätzung: Die Leute, die damals dieses System mitgetragen und forciert hätten, seien ja immer noch im Sport. Und aus eigener Erfahrung weiß der frühere Radprofi: Es gibt Dopingmitteln mit Langzeit-Wirkung. Sportler könnten die Substanzen jetzt einnehmen, und später, wenn die Wettkämpfe wieder losgehen, einen Vorteil haben.

“Wenn ich jetzt einen oder zwei Monate Epo nehmen würde oder Wachstumshormone oder irgendwelche Anabolika - natürlich haben die einen Effekt auf den Körper, auch noch im Wettkampf nach zwei Monaten.” Jörg Jaksche, ehemaliger Radprofi

Doping-Sünder durch aufwändige Tests aufspüren

Prof. Mario Thevis, vom weltweit renommierten Doping-Kontrolllabor in Köln sagt: Die Sportler, die jetzt dopen würden, werde man im Nachhinein nur mit großem Aufwand erwischen können.

Um auch den Zeitraum abzudecken, in dem keine Kontrollen stattfanden, müsste man dann mehr als eine Probe nehmen und breit testen. Im Idealfall, so Thevis, nicht nur Blut oder nur Urin, sondern beides gemeinsam.

Das könnte eine Herausforderung werden, denn wann die üblichen Dopingkontrollen national und international wieder flächendeckend durchgeführt werden können, weiß niemand. Das hängt auch von der jeweiligen Entwicklung der Corona-Infektionen ab.

Deutsche Sportler testen sich freiwillig selbst

In Deutschland jedenfalls wollen einige Athleten auch in Corona-Zeiten zeigen, dass sie sauber sind. Sie machen freiwillig einen alternativen Dopingtest, den die Nationale Antidopingagentur, kurz NADA, anbietet.

Es ist ein Bluttest, den die Sportler zuhause selbst durchführen können. Vor laufender Kamera nehmen sie sich ein paar Tropfen Blut ab und schicken die Probe per Post ins Labor.

Nadine Apetz, aktuell eine der besten deutschen Boxerinnen, hat bei dem freiwilligen Bluttropfentest mitgemacht und die Erfahrung gemacht, dass es dank ausführlicher Anleitung "eigentlich problemlos ging".

Selbsttest ist noch nicht weltweit anerkannt

Allerdings: Von der Welt-Anti-Doping-Agentur WADA wird der Bluttropfentest derzeit nicht anerkannt. Das heißt, sollte eine verbotene Substanz nachgewiesen werden, wird der Sportler nicht sanktioniert.

Er macht sich aber natürlich verdächtig und gerät ins Visier der Dopingfahnder. Zielkontrollen bei späteren Wettkämpfen könnten folgen.

Für die Boxerin Nadine Apetz war es selbstverständlich, eine solche Probe abzugeben. Dass in anderen Ländern wie in Russland seit Wochen überhaupt nicht mehr kontrolliert wird, findet die Boxerin nicht in Ordnung.

“Gerade bei Russland wird man da so ein bisschen hellhörig. Was bringt es, dass Deutschland vorbildlich ist, wenn die Konkurrenz quasi macht, was sie möchte.“ Nadine Apetz, Boxerin

Nadine Apetz wünscht sich, dass die Welt-Anti-Doping-Agentur WADA entsprechend durchgreift.

Auf Anfrage beschwichtigt die WADA, man sehe die Gefahr nicht größer als sonst. Viele Sportler könnten momentan nicht richtig trainieren, und Doping ohne Training habe kaum einen Effekt.

Kritik an Welt-Anti-Doping-Agentur wächst

Aber die Kritik wächst. Die nationalen Anti-Doping-Agenturen fühlen sich in einigen Ländern von der WADA im Stich gelassen. Sie wünschen sich Unterstützung, wie sie Sportler jetzt in der Corona-Krise trotzdem kontrollieren können.

Weil aber von der WADA keine Hilfe komme, machen viele Anti-Doping-Agenturen eben gar keine Kontrollen. Deutschland geht mit dem Bluttropfentest voran.

Warum der noch nicht anerkannt ist? Dazu schreibt die Welt-Anti-Doping-Agentur, sie sei zwar vom Potenzial des Tests überzeugt, die Methode befinde sich aber noch in der Entwicklungsphase. Ziel sei es, den Bluttropfentest bei den Olympischen Winterspielen 2022 in Peking vollwertig einzusetzen.

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