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Schmähplakate gegen Hopp: Was die Bayern-Ultras bezwecken wollen | BR24

© picture-alliance/dpa

FC-Bayern-Fans in Hoffenheim.

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Schmähplakate gegen Hopp: Was die Bayern-Ultras bezwecken wollen

Die Fan-Gruppierungen Red Fanatic und Schickeria München haben sich zu den Plakaten gegen Dietmar Hopp beim Spiel des FC Bayern in Hoffenheim bekannt. Ihre Dachorganisation Club Nr. 12 distanziert sich - offenbart aber die Hintergründe des Protests.

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Ihren größten Triumph erlebte die Schickeria München im Jahr 2014. Damals wurde die Vereinigung von Bayern-Fans bundesweit bekannt, als sie den Julius-Hirsch-Preis des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) erhielt – für ihre Aufarbeitung der Geschichte des früheren Bayern-Präsidenten Kurt Landauer mit zahlreichen Aktionen.

Der Jude Landauer wurde in der NS-Zeit von den Nazis verfolgt und musste emigrieren. Er ist auch auf Betreiben der Schickeria hin Ehrenpräsident des FC Bayern München. "Die Schickeria hat ein deutlich sichtbares Zeichen gegen jede Art der Diskriminierung gesetzt", sagte der damalige DFB-Präsident Wolfgang Niersbach.

Rummenigge fordert Berichten zufolge, Schickeria Fanclub-Status zu entziehen

Am Sonntag nun hat sich der Verein deutlich von der Gruppierung distanziert. Der Vorstandsvorsitzende Karl-Heinz Rummenigge forderte Medienberichten zufolge, ihr den Fanclub-Status zu entziehen. Die Dauerkarten der Mitglieder würden damit gesperrt und die Vergabe von Auswärtstickets würde untersagt.

Es ist eine Reaktion der Schmähungen Münchner Fans beim 6:0-Auswärtssieg bei Hoffenheim gegen deren Mäzen Dietmar Hopp am Samstag, zu denen sich die Schickeria bekannt hat. Neben der Schickeria übrigens auch Red Fanatic München, das sich für das Spruchband, das zur zweiten Unterbrechung der Partie führte, verantwortlich zeigte. Doch was wollten die Anhänger mit den Plakaten bezwecken?

© BR Fernsehen

Die Ultra-Fangruppierung Schickeria wurde gerade mit dem renommierten Julius-Hirsch-Preis des DFB geehrt. Grund dafür ist vor allem ihr Engagement für den ehemals in Vergessenheit geratenen Kurt Landauer.

Auch die Ultras lieben genauso den Fußball. Und es ist wichtig, das wieder zusammenzubringen. Hans-Georg Stocker

Es sind nämlich gerade die Fans, die in der Südkurve der Münchner die lauteste Stimmung machen, die Rummenigge bestrafen will. Die Fans also, die im Normalfall am engsten hinter dem Klub stehen. Die Schickeria, 2002 gegründet, war jedoch nicht immer beliebt unter den Anhängern, auch weil sie in der Vergangenheit durch Ausschreitungen oder Schlägereien aufgefallen ist. Sie ist auch verantwortlich für die berühmt gewordenen "Koan-Neuer"-Plakate, als sie sich 2011 gegen die Verpflichtung des Nationaltorwarts Manuel Neuer aussprach. Neuer war ehemaliger Schalker Ultra – der FCB holte ihn trotzdem. Neuer ist mittlerweile einer der respektiertesten Münchner. Die Schickeria fiel jüngst aber auch mit einer gesellschaftspolitischen Kritik der Vereinsführung auf, die weite Teile der Fans unterstützen: der Kritik an der alljährlichen Trainingslager-Reise der Profis nach Katar.

"Auch die Ultras lieben genauso den Fußball. Und es ist wichtig, das wieder zusammenzubringen", sagte Hans-Georg Stocker von den Backstage Red Hearts zum BR. Dem sogenannten "modernen Fußball" stehen die Ultra-Gruppierungen mehrerer Vereine nicht nur im Fall Katar skeptisch gegenüber. Ein Dorn im Auge ist ihnen etwa auch, dass der Hoffenheimer Mäzen Hopp ihrer Meinung nach die sogenannte 50+1-Regel "ausgehöhlt" habe, die die Stimmenmehrheit für einen Fußballverein und gleichzeitig die –minderheit für Investoren garantiert.

Stellungnahmen der Fan-Vereinigungen

Nach Angaben der "Süddeutschen Zeitung" sieht die Schickeria die Schmähungen daher auch als "politisches Statement, weniger als persönliche Beleidigung": Der Wortlaut, erklärte ein Mitglied der Schickeria, sei deshalb gewählt worden, weil Dortmunder Ultras für diesen bestraft worden seien. Führe man mit dem DFB sachliche Diskussionen, dann "verhungert man am ausgestreckten Arm".

Der Club Nr. 12, der sich als Dachorganisation der Bayern-Fans sieht und sich von den Beleidigungen distanzierte, stimmte mit seinem Statement daher auch in Teilen Schickeria und Red Fanatic zu: "Es ist aus unserer Sicht durchaus zu hinterfragen, aus welchen Gründen nun aufgrund Beleidigungen einer einzelnen Person Exempel statuiert und sogar die vom DFB noch vor wenigen Monaten aufgehobenen Kollektivstrafen wieder eingeführt werden (Dortmunder Fans sind für mindestens zwei Jahre aus Hoffenheim verbannt)."

© BR

Schockiert sind viele über die Hass-Plakate, den unüberhörbaren Aufschrei aus der Bayern-Kurve in Hoffenheim. Überrascht kann niemand sein, der den Fußball aufmerksam beobachtet. Ein Kommentar von Thomas Klinger.

Vorwürfe an den DFB

Diese Kollektivstrafe ist auch der Grund, wieso sich Ultras anderer Vereine in den vergangenen Wochen gegen Hopp und den DFB wandten, wenn auch nicht immer in der beleidigenden Art und Weise wie die Münchner am Samstag. Der Club Nr. 12 führte weiter aus: "Gerade in den letzten Wochen hätte es genug rassistische und sexistische Vorfälle in deutschen Fußballstadien gegeben, bei denen man ein Exempel hätte statuieren können."

Sie sprechen damit auf die rassistischen Beleidigungen gegen Hertha-BSC-Verteidiger Jordan Torunarigha im DFB-Pokal gegen Schalke an sowie auf die gegen den Würzburger Leroy Kwadwo in Münster. "In beiden Fällen gab es aber gerade keine Spielunterbrechungen, auf Schalke noch nicht einmal eine Stadiondurchsage", fügten sie an. "Sollten DFB und DFL künftig mit gleicher Konsequenz gegen jedwede diskriminierende, beleidigende, rassistische, homophobe, antisemitische und sexistische Äußerungen vorgehen, hätte der gestrige Tag – neben dem fantastischen Fußball unserer Mannschaft in den ersten 75 Minuten – einen weiteren positiven Aspekt."

Die Frage ist jedoch schon noch immer (auch für den Club Nr. 12), ob die Verhältnismäßigkeit des Protestes stimmt. Die Aktion mit Schmäh-Spruchbändern gegen Hopp spaltet die Bayern-Fans. "Wir waren richtig sauer, weil wir es auch nicht verstanden haben, wie man ein solches Spiel kaputtmachen kann", sagte Anton Wald von den FC Bayern Mackems zum BR. "Die Grenze ist dort, wo man beleidigt, Gewalt ausübt oder sich rassistisch zeigt." Aber genau das ist ja auch in Teilen ein Vorwurf der Bayern-Fans an die Deutsche Fußball Liga und den DFB, der die Schickeria einst für sein Zeichen gegen die Diskriminierung auszeichnete.