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Bildrechte: picture-alliance/dpa

Armin Hary gilt als bester deutscher Sprinter aller Zeiten. Vor 60 Jahren, am 1. September 1960, gewann er Olympiagold über 100 Meter in Rom. Knapp zwei Monate zuvor hatte er in Zürich mit 10,0 Sekunden einen neuen Weltrekord aufgestellt.

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Olympiagold vor 60 Jahren - die "Rache" des Armin Hary

Am 1. September 1960 sprintete Armin Hary in Rom zu 100-Meter-Gold bei den Olympischen Sommerspielen. Für den heute 83-jährigen Wahl-Bayern eine Genugtuung. Nicht nur einmal zoffte er sich mit Leichtathletik-Funktionären und Kampfrichtern.

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Von
  • Bernd R. Eberwein

10,2 Sekunden zeigten die Stoppuhren der Wettkampfrichter am 1. September 1960 im Olympiastadion von Rom, als Armin Hary die Ziellinie überquerte. Der 23-jährige Sprinter aus dem Saarland hatte sich mit seinem Sieg in den Olympischen Geschichtsbüchern verewigt.

Der Kanadier Harry Jerome, der erst im Juli Harys Weltrekord egalisiert hatte, war schon im Halbfinale ausgeschieden. Der ehemalige Weltrekordler Ray Norton aus den USA kam im Finale als Sechster und Letzer an, den Mitfavoriten Dave Sime (USA) und Peter Radford (Großbritannien) blieben nur die Plätze zwei und drei.

Armin Hary: "Ich wollte mich für alles rächen"

"Der Olympiasieg über 100 Meter war die sportliche Krönung meines Lebens", sagte Hary einmal rückblickend. Gleichzeitig blickte er auch stets etwas verbittert auf seine eigentlich glanzvolle Karriere zurück. "Rom waren meine Spiele, und das konnte mir niemand nehmen. Ich wollte mich für alles rächen, was sie mir angetan haben", sagte er in einem Interview 2007.

Der deutsche Verband verhindert Harys ersten Weltrekord

Denn Harys Weg nach ganz oben verlief nicht immer unkompliziert. Vor allem mit den Funktionären des Deutschen Leichtathletikverbands (DLV) hegte er kein inniges Verhältnis.

Am 6. September 1958 war Hary in Friedrichshafen am Bodensee erstmals die 100 Meter in 10,0 Sekunden gesprintet - als erster Mensch der Welt. Zwei der drei Stoppuhren sollen sogar 9,9 Sekunden gezeigt haben. Doch der vermeintliche Weltrekord zählte nicht: Das Bahngefälle war zu groß.

"Unter sieben Bahnen waren sechs Bahnen, die alle unter zehn Zentimeter Gefälle hatten, und nur die mittlere Bahn, auf der ich gelaufen bin, hatte elf Zentimeter Gefälle, ein Zentimeter mehr, als was zugelassen war, und da war ich meinen Weltrekord wieder los." Armin Hary in einem Deutschlandfunk-Interview 2008

Der Nicht-Weltrekord sorgte dafür, dass sich Harys Verhältnis zum Verband weiter verschlechterte: "Ich glaube in keinem anderen Land der Welt wäre jemand auf die Idee gekommen, die Bahn nachzumessen, aber bitte, im eigenen Land, da war ich endgültig sauer auf den Deutschen Leichtathletik Verband."

Weltrekord im Züricher Letzigrund

Knapp zwei Jahre im Juni 1960 später schnappte sich Hary, der in seiner Karriere vor allem von seiner herausragenden Reaktionsgeschwindigkeit am Start profitiert, dann doch den Weltrekord bei einem Leichtathletik-Meeting im Züricher Letzigrund-Stadion.

Auch diesmal hätte der Verband den Triumph fast verhindert. Die Funktionäre wollten Hary für die bevorstehenden Olympischen Spiele schonen und nicht starten lassen.

Die Starterlaubnis bekam Hary dann direkt vom Veranstalter, erst wenige Stunden vor dem Rennen kam er mit einem Frachtflieger in Zürich an. Dort stand Hary der zweiten Nemesis seiner Karriere gegenüber: den Wettkampfrichtern.

Zwei Mal zehn Sekunden in 35 Minuten

Die Bahn in Zürich war allgemein als schnell bekannt, Hary stürmt in 10,0 Sekunden ins Ziel - Weltrekord! Doch die Kampfrichter bremsten ihn ein. Es war ein Fehlstart, so deren Fazit. "Das war kein Fehlstart – da bin ich ganz sicher“, erinnerte sich dagegen Hary. Der unerfahrene Startrichter hatte auf den vermeintlichen Fehlstart nicht einmal reagiert.

Was folgte, war ein Leichtathletikabend für die Geschichtsbücher. Gustav Schwenk war der einzige deutsche Sportjournalist an diesem Abend in Zürich. "Du kannst einen zweiten Lauf verlangen, wenn Du zwei Läufer findest, die im ersten Rennen dabei waren", motivierte er Hary.

Gesagt, getan: Nur 35 Minuten nach dem ersten Rennen standen wieder drei Läufer auf der Bahn. Hary stürmte erneut in 10,0 Sekunden ins Ziel - und diesmal zählte der Weltrekord.

Der mitunter unbequeme Hary, der "James Dean der Leichtathletik" (Deutschlandfunk), hatte es seinen kritischen Beobachtern gezeigt: den Funktionären und den Kampfrichtern.

Die Krönung: zwei Mal Olympiagold 1960

Auch bei seinem Olympiatriumph benötigte Hary mehrere Versuche. Drei Fehlstarst, einer davon durch Hary. Erst im vierten Versuch ging es für die sechs Finalteilnehmer um Gold, Silber und Bronze. Der Ausgang ist bekannt. Eine Woche nach seinem Goldlauf sicherte sich Hary auch noch den Olympiasieg mit der deutschen 4x100-Meter-Staffel.

Nur ein Jahr nach dem Olympiasieg beendet Hary, der heute in Niederbayern lebt, nach erneuten Querelen mit den deutschen Funktionären und Knieproblemen seine Karriere.