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Olympia-Boykott vor 40 Jahren: Wessinghage erinnert sich | BR24

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Der Westen boykottiert 1980 die Olympischen Spiele in Moskau. Die Eröffnungsfeier am 19. Juli sowie die Wettkämpfe finden ohne deutsche Sportler statt. Thomas Wessinghage wäre einer von ihnen gewesen. Im Interview mit BR24Sport blickt er zurück.

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Olympia-Boykott vor 40 Jahren: Wessinghage erinnert sich

Der Westen boykottiert 1980 die Olympischen Spiele in Moskau. Die Eröffnungsfeier am 19. Juli sowie die Wettkämpfe finden ohne deutsche Sportler statt. Thomas Wessinghage wäre einer von ihnen gewesen. Im Interview mit BR24Sport blickt er zurück.

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Der Medaillenkandidat über 5.000 Meter war bereits für die Spiele nominiert. Dann aber gab das Deutsche NOK dem Ansinnen der Politik nach und entschied, keine Sportler zu den Olympischen Spielen in Moskau zu schicken. Stattdessen wehte bei der Eröffnungsfeier im Leninstadion nur die schwarz-rot-goldene Fahne mit Hammer, Zirkel und Ährenkranz, denn die DDR musste ihren sowjetischen Klassenbrüdern die Treue halten.

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Einmarsch der Athleten der DDR

Diskussionsrunde mit Bundeskanzler Helmut Schmidt

Bundeskanzler Helmut Schmidt lud daraufhin ausgewählte Athleten zu einer Diskussionsrunde ein. Wessinghage war dabei. "Natürlich haben wir versucht, unsere Positionen zu erläutern, aber mir war völlig klar, dass es nicht gelingen konnte". Angesichts der politischen Lage damals mit der "großen Verbindung USA, Europa, USA, Deutschland, Nato" konnte er die Beweggründe der Politiker durchaus verstehen. "Wenn da jetzt ein Athlet kommt und sagt: Ich möchte aber gern in Moskau bei den Olympischen Spielen an Start gehen. Da sind die Wertigkeiten und die Bedeutung der Argumente natürlich höchst unterschiedlich", erklärt der heute 68-Jährige.

Wessinghage: "Fernbleiben hat nichts gebracht"

Im Nachhinein ist er aber der Meinung: "Gleichwohl hätte der deutsche Sport anders entscheiden können." Der erste Schluss sei derjenige, "dass ich mich dahingehend bestätigt sehe, dass das Fernbleiben der Athleten Nichts gebracht hat", so Wessinghage. Außerdem ist er der Meinung, dass "viele Entscheidungen, auch in der Politik, auch in der Sportpolitik, von individuellen, zum Teil sogar egoistischen Interessen geleitet werden". Und drittens sei der Sport "kein freies Feld, eine neutrale Ebene, auf der nur nach dem olympischen Gedanken höher, schneller, weiter gehandelt wird". Stattdessen, sagt er: "Der Sport ist Politik". Diese beiden Bereiche voneinander zu trennen, sei "ein vergebliches Bemühen. Beide müssen miteinander leben, und manchmal gelingt es, das ganz gut zu harmonisieren und zu synchronisieren. Und manchmal weniger gut", erzählt der 68-Jährige.

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Leonid Breschnew (2. v. Re.), Staatsoberhaupt der Sowjetunion

"Gute Chancen" im Oskau verpasst, aber den "Frieden" gefunden

Aus sportlicher Sicht sagt er heute über seine entgangenen Olympischen Spiele: "Es wäre schön gewesen, und ich glaube im Nachhinein, dass ich sehr gute Chancen gehabt hätte, auch erfolgreich zu sein. Aber nun ist es eben mal nicht so gekommen". Inzwischen habe er seinen "Frieden gemacht. Meine berufliche Laufbahn war aus meiner Sicht auch sehr erfolgreich".

EM-Gold und weitere Titel statt Olympischem Edelmetall

Eine olympische Medaille blieb Wessinghage zwar verwehrt. Aber in seiner 20-jährigen Karriere als Mittel- und Langstreckenläufer wurde er 22-mal Deutscher Meister, insbesondere über die 1.500 Meter. Seinen größten Erfolg feierte er über die 5.000 Meter. Bei den Europameisterschaften 1982 in Athen gewann er in dieser Disziplin Gold.

1977 schloss er zudem sein Medizinstudium mit dem Staatsexamen ab. Unter anderem ist er heute an der Deutschen Hochschule für Prävention und Gesundheitsmanagement als Professor Dr. med. tätig. Zudem ist er als Autor und Gesundheitsfachmann in den Medien präsent.

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Wessinghage mit seiner Goldmedaille bei den Europameisterschaften 1982 in Athen

Ehrungen für den vorbildlichen Leichtathleten

Ein Jahr zuvor war er als Leichtathlet des Jahres ausgezeichnet worden. 1985 erhielt er den Rudolf-Harbig-Gedächtnispreis. Dieser wird nur verliehen "an einen „würdigen und verdienten Leichtathleten, der in Haltung und Leistung als Vorbild für die Jugend gelten kann." Im Jahr 2013 erhielt er den Bayerischen Sportpreis in der Kategorie "Hochleistungssportler plus".

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Thomas Wessinghage konnte an den Olympischen Spielen von Moskau im Jahr 1980 nicht teilnehmen, diese wurden boykottiert. Im Interview mit BR24Sport erzählt er, wie er diese Entscheidung miterlebt hatte und wie er heute darüber denkt.

Der Hintergrund: Olympia-Boykott auf Druck der USA

Ende Dezember 1979 hatten sowjetische Truppen Afghanistan besetzt. Am 20. Januar 1980 forderte US-Präsident Jimmy Carter, dem als Drohmittel für seinen Gegenspieler Leonid Breschnew nur der Sport einfiel, die Absage der Moskauer Spiele. Am 12. April beschloss das NOK der USA auf immensen Druck aus dem Weißen Haus den Olympia-Boykott - 33 Tage später zog das deutsche NOK in Düsseldorf nach. Das Votum lautete 59:40 für eine Nicht-Teilnahme.

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Eröffnungsfeier der Olympischen Spiele 1980 in Moskau