BR24 Logo
BR24 Logo
Startseite
© BR24 Sport
Bildrechte: imago images / Martin Hoffmann

Fanforscher Harald Lange geht davon aus, dass Keller als Präsident zurücktreten muss.

1
Per Mail sharen
  • Artikel mit Video-Inhalten

Nach Nazivergleich: Muss DFB-Präsident Keller gehen?

Bei seiner Wahl zum DFB-Präsidenten stand Fritz Keller für Aufbruch. Nun droht ihm ein ähnlich skandalöses Ende wie manchem Vorgänger. Fanforscher Harald Lange geht davon aus, dass Keller als Präsident zurücktreten muss.

1
Per Mail sharen
Von
  • BR24 Sport

Um Fritz Keller ist es sehr schnell recht einsam geworden. Nur eineinhalb Jahre nach einem Traumstart ohne Gegenstimme ist der DFB-Präsident nach einem Nazi-Vergleich an einem derartigen Tiefpunkt angelangt. Der 64 Jahre alte Winzer hatte seinen Vizepräsidenten Rainer Koch bei einer Präsidiumssitzung am vergangenen Freitag nach übereinstimmenden Medienberichten mit Nazi-Richter Roland Freisler verglichen. Der DFB äußerte sich nicht zu Einzelheiten, bestätigte allerdings eine Entschuldigung Kellers. Nun stellt sich die Frage: Wie lange kann Keller den öffentlichen Druck aushalten?

Nicht lange, glaubt Fanforscher Harald Lange von der Uni Würzburg: "Ich denke, das war es. Keller wird zurücktreten müssen, zumal die Gegenseite diese Aussagen jetzt benutzt, um auf seinen Rücktritt zu pochen", sagte er im Gespräch mit BR24 Sport. Keller selbst schließt derzeit zwar noch einen Rücktritt aus, aber die Lage wird sich in den nächsten Tagen zuspitzen, wie Forscher Lange erklärt: "Es ist ein ausgewiesener Machtkampf, der sich schon in den letzten zwei Jahren enorm zugespitzt hat."

© BR24 Sport
Bildrechte: BR

Fanforscher Harald Lange glaubt, dass DFB-Präsident Fritz Keller nach seinem Nazi-Vergleich zurücktreten muss. Er fordert die Vereine und Landesverbände auf, mehr Druck auf den Deutschen Fußball-Bund auszuüben.

DFL: Klare Distanzierung von Keller

Für den als Fußball-Reformer angetretenen Keller ist der Fehltritt ein schwerer Schlag, der ihn das Vertrauen und den Rückhalt derer kosten könnte, die ihn bisher gestützt haben. Unisono verurteilten mehrere Landesverbände sowie die Deutsche Fußball Liga, die im Machtkampf mit Generalsekretär Friedrich Curtius eher dem Lager des Präsidenten zugerechnet werden, die Aussagen. 

Rücktrittsforderungen gab es hingegen kaum, was weniger an der Schwere der Aussagen, sondern mehr an der Gesamtsituation des DFB liegen dürfte. Viele Vertreter wollen erst recht nicht, dass die andere Seite um Koch und Curtius als Sieger aus dem öffentlich und eifrig ausgefochtenen Duells hervorgehen. Das Duo ist beim größten nationalen Sportfachverband der Welt schon lange in der Verantwortung und blieb es auch stets, wenn an der Spitze Präsident um Präsident ins Aus stolperte. "Das alles sieht mehr nach einer schlechten Telenovela als nach der Führung eines so wichtigen Verbandes aus", meint Fanforscher Lange. Er fordert mehr Druck von der Basis: "Die Fans sind schon lange aufgewacht und protestieren. Inzwischen macht sich der Unmut auch an der Basis der Vereine und Landesverbände fest. Die müssen mutiger werden und Wahlen fordern", damit das "riesige Potenzial" des Verbandes endlich zur Entfaltung komme.

Freitag: "Nicht aus der Welt zu schaffen"

Eine wagte sich dennoch hervor - die Vorsitzende des Sportausschusses im Deutschen Bundestag, Dagmar Freitag. Sie ließ wissen: "Unabhängig davon, dass ich den Kontext nicht kenne, in dem die wohl unbestrittene Äußerung von DFB-Präsident Keller gefallen ist: Vergleiche mit einem der furchtbarsten Richter der Nazi-Zeit sind nicht entschuldbar. Man muss Rainer Koch weder als Person mögen noch sein sportpolitisches Agieren, das er nach meiner Wahrnehmung wahrlich nicht mit Samthandschuhen austrägt, gutheißen. Aber eine wie auch immer geartete Gleichsetzung seiner Person mit einem Menschen, der für den Tod unzähliger Unschuldiger verantwortlich ist, ist nicht hinnehmbar und auch durch eine Entschuldigung nicht aus der Welt zu schaffen.”

© imago images / DFB-Poolfoto
Bildrechte: imago images / DFB-Poolfoto

Kellers Gegenspieler, DFB-Generalsekretär Friedrich Curtius

Gegenspieler Curtius reagierte schnell

Für Curtius, der in der Verbandszentrale in Frankfurt über eine gewisse Hausmacht verfügt, war Kellers bislang schwerster Fehler eine Art Steilvorlage. Der Generalsekretär zeigte die Verfehlung nach "Spiegel"-Informationen direkt der DFB-Ethikkommission an und legte am Dienstag in einem gemeinsamen Statement mit Schatzmeister Stephan Osnabrügge nach.

Man distanziere sich "deutlich" und habe "großes Vertrauen darauf", dass das Gremium mit der "Entscheidung die Glaubwürdigkeit des DFB wiederherstellen wird". Eine größere Chance, den inzwischen nicht mehr gewollten Präsidenten loszuwerden, dürfte sich für Curtius so schnell nicht wieder ergeben.

Der 1945 gestorbene Freisler, mit dem Keller in der Sitzung vom Freitag den Funktionärskollegen Koch verglich, war als Teilnehmer an der Wannseekonferenz einer der Verantwortlichen für die Organisation des Holocaust und später Präsident des berüchtigten Volksgerichtshofes, wo er etwa 2600 Todesurteile verhängte, darunter auch gegen die Widerstandsgruppe "Weiße Rose" um Sophie Scholl.

Niersbach, Grindel - jetzt Keller?

Keller, der als Präsident des SC Freiburg als großer Hoffnungsträger von Profis, Amateuren und Funktionären galt, droht nun ein ähnlich skandalumtoster Abgang wie seinen Vorgängern Wolfgang Niersbach und Reinhard Grindel, dessen Rücktritt gerade einmal zwei Jahre her ist. So geräuschlos und sauber, wie sich Keller seine Aufräumarbeiten beim DFB vorgestellt hatte, verliefen diese aber auch vor der Entgleisung vom Freitag nicht. 

Als das Patenkind von Fritz Walter im Herbst 2019 antrat und direkt eine Generalinventur ankündigte, hatte Stellvertreter Koch noch gesagt: "Es ist an der Zeit, der Fußballwelt zu zeigen, dass der DFB ein vertrauenswürdiger Partner und Gastgeber der EM 2024 ist." Stattdessen: Weiterer Steuerärger, ständige Machtspielchen, ein Dauerzwist auf Funktionärsebene und nun Kellers Tiefpunkt, der dafür sorgen könnte, dass DFB und DFL schon bald die nächste Einberufung einer Präsidentenfindungskommission bevorstehen könnte.