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DTM-Chef Gerhard Berger sprach im Interview über die Zukunft des Motorsports. Dabei steht vor allem das Thema Nachhaltigkeit im Fokus.

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Motorsport im Umbruch: Wie Gerhard Berger die DTM neu aufstellt

Nachhaltigkeit, Verantwortung, Klima - Stichworte, die bislang selten mit Motorsport in Verbindung gebracht werden. Das wird notwendig, so Ex-Formel-1-Pilot Gerhard Berger. Mit der DTM will er Antworten geben und treibt einen rigorosen Wandel an.

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Von
  • Oliver Fenderl

Neongelb mit matt grauen Applikationen, einer sehr stromlinienförmigen Form des Chassis und unter der "Haut" ein rein elektrischer Antriebsstrang – so sieht die Zukunft des Tourenwagenmotorsports aus, zumindest wenn es nach DTM-Chef Gerhard Berger und seinem Team im Hintergrund geht.

Alle Stecker ziehen und einmal zurück zum Startpunkt

Im Hier und Jetzt hat Berger als Verantwortlicher der traditionsreichen DTM erst mal 2021 – das sogenannte Transformationsjahr – abgeschlossen. Erstmals ging die DTM losgelöst von den übermächtig gewordenen Herstellern nun mit privaten Teams und deutlich günstigeren GT-Rennwagen an den Start.

Kritiker der Motorsportszene haben dies als Rückschritt bezeichnet. "Ich finde das spaßig, schließlich kann man zu Themen unterschiedliche Meinungen haben. Wichtig ist doch nur, dass man die Bestätigung von den Fans, ich nenne sie unsere Kunden, bekommt." Und der Saisonverlauf, die Zuschauerbegeisterung an der Strecke und ein Titelkampf bis zur allerletzten Runde beim Finale entkräfteten zumindest teilweise diese Sichtweise eben jener Kritiker.

Mit klarer Linie und offene Ohren zur Veränderung

Doch wenn es nach dem visionären Österreicher Berger geht, ist das nur ein Zwischenschritt hin zum Motorsport der Zukunft. "Meine Vorgehensweise ist sowieso, nicht nach links und rechts zu schauen. Ich versuche mein Ding durchzuziehen." Und das ist bezogen auf die DTM eine Ausrichtung hin zu jungen Zielgruppen und Zukunftstechnologien.

"Die Welt verändert sich und der Motorsport wird sich verändern müssen. Antriebstechnologien verändern sich und wir müssen diese Dinge aufnehmen. Wir müssen auch das Thema Nachhaltigkeit in unserem Geschäft in den Mittelpunkt rücken."

An Elektromobilität im Motorsport wird es nicht gänzlich vorbeigehen

Konkret heißt das: DTM electric. 2023 soll es soweit sein. Dann soll das vollelektrische Fahrzeug fertig entwickelt und einsatzfähig sein. Zum Saisonfinale am Norisring wurde nun die nächste Entwicklungsstufe präsentiert. Dabei geht die DTM zusammen mit ihren Partnern einen Weg, der bei Autokonzernen mit der E-Mobilität Einzug gehalten hat: das Plattform-Prinzip.

Es wird ein Einheitsmodell produziert, bei dem dann jeder interessierte Hersteller sein Chassis, also die Form des Serienmodells, angepasst an die Reglementvorgaben der DTM einfach draufsetzt. Das spart Kosten, Ressourcen und schafft Einheitlichkeit. Die Randdaten: ein reiner Elektroantriebsstrang mit über 1.000 PS und über 300 km/h Topspeed – Leistungs- und Belastungsgrenzen für Technik und Material sollen hier wieder ausgetestet werden.

Motorsport muss wieder mehr zur Leistungsschau werden

Motorsport ist nach Ansicht von AvD-Geschäftsführer Lutz Leif Linden ein "Prüffeld, in dem Hersteller und auch Zulieferer modernste Technologien unter höchsten Belastungen testen.“ Auch deshalb habe sich der Verband mit Berger zusammengetan, um die DTM als Innovationsplattform zu entwickeln.

Erste Früchte dieser Kooperation waren im September zu sehen. Damals fuhr bereits das Vorgängermodell des jetzt präsentierten DTM Electric Autos auf der Rennstrecke von Spielberg. Nur: Im Fahrzeug saß niemand drin. Bergers Team hat den Rennwagen in Realität auf der Strecke fahren lassen, gesteuert wurde er aber von einem Fahrer in einem Simulator rund 60 Kilometer entfernt.

Emotionen dürfen trotz notwendiger Veränderungen nicht verloren gehen

Die Faszination der Zuschauer war riesig – und genau auf diese Emotionalität baut Berger mit seiner Zukunftsvision. "Diese neuen Antriebstechniken müssen so in den Event eingespielt werden, dass der Fan entscheiden kann: mag ich oder mag ich nicht. Doch wir kommen alle nicht drum herum, diese Themen zu bearbeiten." Man kann diese Ansicht radikal nennen – oder notwendig. Die Antwort wird am Ende der Fan an der Strecke geben.

Bei allem Vorpreschen und allen Risken: Bergers Sicherheitsnetz ist vorhanden, falls die Elektro DTM nicht sofort emotionalisiert. Ein fünf Säulen-Modell, mit dem er das System – oder wie er es nennt – die Plattform DTM in ihrer Selbständigkeit weiter stärken will. "Die DTM bleibt die Kernmeisterschaft, es gibt die DTM Trophy als Juniormeisterschaft, es gibt die Klassik mit den historischen Fahrzeugen, es gibt eSport und es wird die DTM Electric geben.

Zukünftiges kann nur mit Erkenntnissen aus der Vergangenheit gelingen

Und selbst bei den DTM-Fahrzeugen der Vergangenheit ist der Visionär und Ex-Formel-1-Pilot, bei dem diese Begeisterung für historische Fahrzeuge ebenso zu spüren ist wie für Neuentwicklungen, auch daran, Neues auf den Weg zu bringen. Konkret betrifft das den Kraftstoff, der in Form von eFuels – also natürlichem Benzin - künftig eine Option sein soll. "Auch das werden wir machen müssen. Momentan ist es aber noch schwierig, eFuel in ausreichender Menge am Markt zu erhalten."

Netzwerkgedanke ist im Motorsport heutzutage unerlässlich

Aber auch das soll mit Industriepartnern gelöst werden. Porsche hat beispielsweise Anfang Oktober eine eigene Raffinerie angekündigt und setzt jetzt schon für seine Rennsportserien Testmengen eFuel ein. Es sind genau diese Beispiele, die das Zusammenspiel von Partnern, Herstellern und Motorsport zeigen - hier existiert das genannte Prüf- und Testfeld für Entwicklungen.

Doch es ist eben auch über das reine Thema Racing hinweg zu betrachten, weshalb Berger mit der DTM wie auch der ADAC mit seinen Rennserien sich die Leitthemen CO2-Neutralität wie auch Plastik- und Müllreduktion auf die Agenda geschrieben haben. Auch hier gibt es bereits erste Schritte: 2021 starteten beispielsweise das ADAC GT Masters mit dem österreichischen Wasseraufbereiter BWT die Initiative, alle Plastikflaschen von der Rennstrecke zu verbannen. Eine Initiative, auf die beispielsweise auch Vierfach-Formel-1-Weltmeister Sebastian Vettel aufmerksam macht.

Vertrauensgrundlage: Visionen mit Ergebnissen unterlegen

Die Aufgaben und Herausforderungen, nicht nur in der DTM, sind umfassend, die Liste lang. Doch nach Jahren der Selbstinszenierung, der Marketingveranstaltungen durch Hersteller scheint im Motorsport nun die Notwendigkeit des Umdenkens angekommen zu sein – und durch Visionäre wie Berger auch eine Ernsthaftigkeit in Sachen Maßnahmen zu kommen. "Man kann nicht immer richtig liegen. Aber man soll wenigstens mehr als die Hälfte richtig haben", kommentiert der DTM-Chef seine geradlinige Art.

Dass diese Herangehensweise goutiert wird, zeigt zumindest das Finalwochenende mit über 20.000 Zuschauern pro Renntag, die zu wesentlichen Teilen mit der S-Bahn anreisten.

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