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Manipulation bei Sportwetten: Wie die Politik versagt | BR24

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Jedes Jahr werden in Deutschland insgesamt vier Milliarden Euro bei Sportwetten gesetzt. Mehr als die Hälfte davon auf Fußball. Oliver Kahn und Lukas Podolski werben dafür.

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Manipulation bei Sportwetten: Wie die Politik versagt

Oliver Kahn und Lukas Podolski werben für Sportwetten, mit denen in Deutschland jährlich vier Milliarden Euro umgesetzt werden. Auch Betrüger mischen auf dem lukrativen Markt mit. Die kriminellen Netzwerke haben leichtes Spiel.

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Wer einen Eindruck bekommen will, wie viel Einfluss die Anbieter von Sportwetten auf den Fußball haben, wirft am besten einen Blick auf die Trikots der deutschen Drittligisten: Bei sieben von 20 Teams prangt dort diese Saison der gleiche Schriftzug: "sunmaker". Das ist ein Online-Portal für Sportwetten, lizenziert in Malta.

Die Vereine nehmen das Geld gerne, nicht nur in der dritten Liga, sagt Ulf Baranowsky von der Spielergewerkschaft VDV. Problematisch findet er, dass zahlreiche Ligen sehr eng mit Sponsoren aus dem Wettgeschäft zusammenarbeiten.

"Und wir stellen uns daher die Frage, wie soll ein Spieler die nötige Distanz zu Sportwetten aufbringen, wenn er gleichzeitig mit einem Trikot auflaufen muss, auf dem fett das Logo eines Wettsponsors zu sehen ist?" Ulf Baranowsky, Spielergewerkschaft VDV

Milliarden Wetteinsätze auf Fußball

Jedes Jahr werden in Deutschland insgesamt vier Milliarden Euro bei Sportwetten gesetzt. Mehr als die Hälfte davon auf Fußball. Es sind vor allem junge Männer, die wetten, 16- bis 20-Jährige. Wer gewinnt? Wie viele Tore fallen? Welche Mannschaft holt die erste Ecke raus?

Unter den Zockern sind auch Fußballprofis, obwohl die auf ihren Sport eigentlich nicht setzen dürfen. Aber weil sie verhältnismäßig viel Zeit und Geld haben, ist bei ihnen das Suchtpotenzial hoch, sagt Baranowsky. Spielsucht - die Erkrankung sei nicht nur eine enorme Belastung für Betroffene und deren Familien.

"Zudem ist Spielsucht oft der Nährboden für Spiel- und Wettmanipulation." Ulf Baranowsky, Spielergewerkschaft VDV

Schlag gegen die Wettmafia

Der Bochumer Kriminalhauptkommissar Michael Bahrs ist Europas wohl bekanntester Ermittler im Bereich der Sportwettmanipulationen. Er war 2009 maßgeblich am bislang größten Schlag gegen die hiesige Wettmafia beteiligt: damals wurden 200 verschobene Fußballspiele in Europa aufgedeckt. Bahrs' Ermittlungskommission hatte einmal 20 Mitglieder. Jetzt gibt es sie offiziell gar nicht mehr und auch Bahrs muss sich wieder öfter um andere Themen als Sportwettbetrug kümmern. Dabei sagt er:

"Es gibt ja ein bestehendes kriminelles Netzwerk aus Fußballspielern, Trainern, Funktionären, Ganoven. Das ist ja jetzt nicht von der Bildfläche verschwunden, weil wir damals ein paar Haftstrafen generieren konnten." Michael Bahrs, Kriminalhauptkommissar

Der Deutsche Fußballbund und die deutsche Fußballliga arbeiten mittlerweile mit einem Rechtsanwalt als Ombudsmann und einer speziellen App: Über diese Wege sollen sich Spieler melden, die von einem möglichen Wettbetrüger angesprochen wurden.

Aufklärer im Dienst der Wettindustrie

Außerdem hat die DFL den Dienstleister Sportradar verpflichtet, der in den Vereinen der ersten und zweiten Fußballbundesliga Aufklärungsschulungen durchführt. Die Spielergewerkschaft VDV hatte diese regelmäßigen Schulungen gefordert, aber:

"Problematisch ist aus unserer Sicht allerdings, dass der Schulungsauftrag an ein Unternehmen vergeben wurde, das als Dienstleister für die Wettindustrie fungiert, also wirtschaftlich von Sportwetten profitiert. Und das ist im Hinblick auf eine ernsthafte Spielsuchtprävention doch recht unglücklich." Ulf Baranowsky, Spielergewerkschaft VDV

Härteres Vorgehen gegen Wettmanipulation gefordert

Kriminalhauptkommissar Michael Bahrs fordert seit Jahren, dass die Politik dem Kampf gegen Wettmanipulation im Sport mehr Gewicht gibt. 2005 der Skandal mit Schiedsrichter Robert Hoyzer, vier Jahre später 200 manipulierte Spiele auf einen Schlag, seitdem immer wieder Fälle - deren wirtschaftlicher Schaden oft in die Millionenhöhe geht und von denen Deutschland als große Wirtschafts- und Sportnation besonders betroffen ist.

Im Sommer rief das Bundesinnenministerium ein neues Gremium zur Bekämpfung von Wettbetrug im Sport zusammen: Die nationale Plattform für den Austausch zwischen Politikern, Sportverbänden, Ligen, Wettanbietern und vor allem auch den Ermittlungsbehörden.

Es haben jedoch nur aus Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen erfahrene Staatsanwälte teilgenommen. Der für Sport zuständige Staatssekretär im Innenministerium, Markus Kerber, fordert, man müsse noch stärker die restlichen Bundesländer dazu bringen mitzuarbeiten und personelle Ressourcen in den Staatsanwaltschaften für dieses Delikt bereitstellen.

"Das ist ein bislang eher noch unterbelichtetes Kapitel in der Kriminalität." Markus Kerber, Staatssekretär im Bundesinnenministerium

Erst seit zwei Jahren sind Wettbetrug und Spielmanipulation überhaupt als Delikte im deutschen Strafgesetzbuch zu finden. Seitdem sei es einfacher, Sport-Wettbetrüger zur Verantwortung zu ziehen. Und die verstärkte Aufmerksamkeit für das Thema, so hofft Kerber, werde auch Ressourcen mobilisieren für die Bekämpfung des Sport-Wettbetrugs.

Enttäuschung: EU-Initiative stockt

Anfang August ist ein internationales Abkommen in Kraft getreten – initiiert vom Europarat. Es hat zum Ziel, ein weltumspannendes Netzwerk gegen Sport-Wettmanipulation aufzubauen. Doch ausgerechnet in der Europäischen Union wird die sogenannte Macolin-Konvention blockiert. Ein Trauerspiel, findet Sylvia Schenck von Transparency International. Denn die EU-Initiative hätte weltweit Schule machen können.

"Man hatte ursprünglich große Hoffnung, dass mit dieser Konvention jetzt relativ schnell was in Gang gebracht wird, was auch über Europa hinaus strahlt. Weil Kanada, Japan und andere auch Interesse hatten. Das wäre das Referenzdokument weltweit geworden. Und das ist alles ins Stocken geraten durch diesen Prozess innerhalb der EU." Sylvia Schenck, Transparency International

Malta blockiert offenbar aus Eigeninteresse

Malta, das kleinste EU-Mitglied, blockiert die Ratifizierung des Abkommens in den EU-Staaten. Denn auf Malta haben viele Wettanbieter ihren Sitz, dort holen sie sich ihre Lizenzen und zahlen Steuern. Bestimmte Wettgeschäfte könnten durch Details im Abkommen jedoch illegal werden, fürchtet Malta. Problematisch sind die Geschäfte auf jeden Fall, sagt Staatssekretär Markus Kerber vom Bundesinnenministerium.

"Ich glaube, dass Sportwetten anfällig sind für Betrug. Da muss Malta ein gehöriges Maß an Sensibilität entwickeln." Markus Kerber vom deutschen Bundesinnenministerium.

Es könne nicht angehen, dass in Malta angesiedelte Firmen Schaden in anderen EU Mitgliedstaaten verursachen. "Das können und werden wir nicht dulden", so Kerber.

Portugal und Italien haben das Abkommen trotz Maltas Blockade einfach ratifiziert. Doch Deutschland will nicht gegen die EU-Grundsätze verstoßen, die hier ein gemeinsames Handeln vorsehen. Deswegen kann das Bundesinnenministerium derzeit nur einzelne Punkte des Abkommens umsetzen. Bei den Staaten, die das Abkommen weiter entwickeln und damit den internationalen Kampf gegen Sport-Wettmanipulation auf Jahre gestalten, ist Deutschland im Moment nicht dabei.