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Bildrechte: dpa-Bildfunk/Michael Kappeler

Das Khalifa International Stadion in Doha als Sinnbild eines Systems, das mit dem "Volkssport Fußball" nicht mehr viel zu tun hat.

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    Höher, schneller, weiter: Ist der Fußball noch für die Fans da?

    Die WM in Katar, Business-Deals in der VIP-Loge und TV-Senderechte in Milliardenhöhe. Was hat das noch mit dem Volkssport Fußball zu tun? Ein Streitgespräch zwischen Sport1-Chefredakteur Pit Gottschalk und dem YouTuber und Journalisten Hubertus Koch.

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    Von
    • Manuel Mehlhorn

    "Was muss eigentlich noch passieren, dass ich mir den Scheiß nicht mehr angucke?" Diese Frage stellt sich der Journalist Hubertus Koch in letzter Zeit häufiger als sonst. Dass sein Lieblingsverein, der FC Schalke 04, kürzlich in die 2. Bundesliga abgestiegen ist, hat damit eher wenig zu tun. Seine Kritik gilt den marktwirtschaftlichen Grundsätzen des modernen Fußballs: "Qatar Airways" auf den Ärmeln der Bayern-Profis, die WM in der Diktatur Katar und die Rolle des Fans als Konsument für Merchandise und TV-Abos. "Der Fan ist ein Graph für Profitmaximierung", meint Koch. Für ihn ist Fußball nur noch die Hülle für Vermarktung.

    Sport1-Chefredakteur Gottschalk will Spitzenfußball sehen

    Vollkommen anders sieht das Pit Gottschalk. Er ist Chefredakteur von Sport1. "Fußballvereine möchten Spitzenfußball produzieren. Um das Ganze zu finanzieren, schauen sie nach den richtigen Umsatzmöglichkeiten", erklärt er seine Position. Spitzenfußball heißt für Gottschalk: Geschwindigkeit, Raumaufteilung und Kreativität auf dem Rasen. "Ob da ein Werbebanner mehr ist oder ob das Spiel um 15 Uhr statt um 15.30 Uhr stattfindet, ist mir doch sowas von wurscht."

    Der Bayerische Rundfunk hat das Streitgespräch zwischen YouTuber Hubi Koch und Sport1-Chefredakteur Pit Gottschalk als Video produziert. Hier geht’s es zu der spannenden Diskussion.

    Unterschiedliche Perspektiven auf den modernen Fußball

    Die beiden Kontrahenten verbindet mehr als nur die Leidenschaft für den Fußball: Denn der freie Journalist Hubertus Koch hat erst als Praktikant, später als freier Mitarbeiter bei Sport1 gearbeitet. Zwölf Jahre und zehn Meisterschaften des FC Bayern später blicken die beiden Insider aus ganz verschiedenen Perspektiven auf den Fußball: Hubertus Koch kennt die Mechanismen im Sportjournalismus und möchte seine Projekte möglichst unabhängig per Crowdfunding finanzieren.

    Pit Gottschalk gehört in leitender Position einem Medienunternehmen an, das mit Sport Geld verdient und gegen viele Mitbewerber bestehen will. Die Nähe zwischen Sportjournalisten, Spielern und Vereinsfunktionären sehen sowohl Koch als auch Gottschalk kritisch. "Es kitzelt natürlich das Ego, wenn man auf cool mit Oliver Kahn ist", findet Koch. "Stimmt, weil ich meinen Beruf aus Leidenschaft mache. Mich fasziniert das über meinen Job hinaus. Ich finde das geil", gibt Gottschalk zu.

    WM in Katar erstmals im Herbst

    Ein weiterer Streitpunkt der Diskussion: Die WM im Emirat Katar, die 2022 zum ersten Mal im November und im Dezember stattfindet. Beide Kontrahenten lehnen die WM in Katar ab – aber aus unterschiedlichen Gründen. Hubertus Koch sieht in der WM in Katar die Möglichkeit für das Regime, sich als weltoffenes Land zu inszenieren, "sein Image reinzuwaschen", wie er sagt.

    Auch die Menschenrechtsorganisation Amnesty International kritisiert: In der absoluten Monarchie gibt es Gefängnisstrafen für Homosexualität. Außerdem wurden Gastarbeiter, die die WM-Stadien bei Temperaturen von bis zu 50 Grad bauen, monatelang nicht bezahlt. Teilweise könne man sogar von Zwangsarbeit sprechen, so Amnesty International. Umgekehrt investiert das Emirat im großen Stil in europäische Fußballvereine wie Paris Saint-Germain: Der Verein gehört der Firma "Oryx Qatar Sport Investments", deren Geschäftsführer ein enger Freund von Katars Staatsoberhaupt ist, dem Emir Tamim bin Hamad Al Thani.

    Amnesty International: WM erhöht Aufmerksamkeit auf Katar

    Aus diesen Verstrickungen zieht YouTuber Koch den Schluss: "Die Kids, die mit dem Trikot von Paris Saint Germain rumlaufen, werden Katar nicht so negativ konnotiert wissen, wie wir es tun." Sport1-Chefredakteur Pit Gottschalk stimmt dem zu, würde aber die WM in Katar nicht boykottieren wollen. Ähnlich wie Amnesty International ist er der Ansicht, die Weltmeisterschaft zu nutzen, um die internationale Aufmerksamkeit auf die Lage der Menschenrechte in Katar zu erhöht.

    Koch sieht Verfalls des "Sports der kleinen Leute"

    Beim Blick auf den Status Quo im deutschen Fußball gehen die Meinungen zwischen den beiden Diskutanten wieder weit auseinander: "Egal, in welchem Ort der Kurve du fragst: 95 Prozent der Fans werden dir sagen, dass sich der Fußball radikal von dem entfernt hat, was er eigentlich ist: Der Sport der kleinen Leute", meint Koch. "Und warum sind dann die TV-Einschaltquoten immer noch so hoch?", entgegnet Gottschalk.

    DFB-Pokal: Kiel oder Leipzig als Bayern-Gegner?

    Am Ende bleibt das Fazit, dass Hubertus Koch die Emotion im Stadion der fußballerischen Qualität auf dem Platz vorzieht – bei Pit Gottschalk ist es andersrum. Während der Sport1-Chefredakteur lieber das DFB-Pokalspiel FC Bayern gegen RB Leipzig schaut, präferiert Hubertus Koch die Partie Holstein Kiel gegen den FC Bayern, die Kiel im Januar überraschend im Elfmeterschießen 6:5 gewann. "Das war das letzte Mal, wo ich Fußball wieder richtig gefühlt habe", erinnert sich der YouTuber. Und Pit Gottschalk gibt ihm mit auf den Weg: "Wenn du den Fußball lieben würdest, hättest du dir beide Spiele angeschaut."

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