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Die deutsche Nationalmannschaft hält sich aus Protest die Hand vor den Mund.

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Geste gegen FIFA ohne Konsequenzen für DFB

Geste gegen FIFA ohne Konsequenzen für DFB

Die deutschen Fußball-Nationalspieler haben sich beim Mannschaftsfoto unmittelbar vor dem Anpfiff der WM-Partie gegen Japan demonstrativ die Hand vor den Mund gehalten. Die FIFA wird kein Verfahren eröffnen.

Der stumme Protest vor dem WM-Auftakt gegen Japan hat keine Konsequenzen für die Deutsche Nationalmannschaft. Nach Informationen der Deutschen Presse Agentur wird der Fußballweltverband FIFA keine Ermittlungen gegen den DFB einleiten. Die deutschen Spieler hatten sich beim Mannschaftsfoto vor dem Anpfiff demonstrativ die Hand vor den Mund gehalten.

Die Geste sollte aussagen, "dass die FIFA uns mundtot macht", wie Bundestrainer Hansi Flick nach dem Spiel erklärte. Der Weltverband hatte in Katar die "One Love"-Kapitänsbinde von Manuel Neuer und sechs weiteren europäischen Mannschaftskapitänen verboten. Neuer trug stattdessen am Mittwoch im Khalifa International Stadion in Al-Rajjan die von der FIFA vorgegebene "No Discrimination"-Binde, die gegen Diskriminierung jeder Art stehen soll. "Wir lassen uns vielleicht die Binde nehmen, aber wir lassen uns niemals unsere Stimme nehmen. Und unsere Werte", sagte der Profi des FC Bayern nach der Partie.

Der Deutsche Fußball-Bund twitterte nach Spielbeginn die Erklärung der Aktion: "Wir wollten mit unserer Kapitänsbinde ein Zeichen setzen für Werte, die wir in der Nationalmannschaft leben: Vielfalt und gegenseitiger Respekt. Gemeinsam mit anderen Nationen laut sein. Es geht dabei nicht um eine politische Botschaft: Menschenrechte sind nicht verhandelbar". Desweiteren schrieb der Verband: "Das sollte selbstverständlich sein. Ist es aber leider immer noch nicht. Deshalb ist uns diese Botschaft so wichtig. Uns die Binde zu verbieten, ist wie den Mund zu verbieten. Unsere Haltung steht."

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WM 2022 - Deutschland - Japan

Fan-Forscher Lange: Wir erleben hier "Real-Satire"

"Völlig am Ziel vorbei", kommentiert dagegen Fan-Forscher Harald Lange von der Uni Würzburg diese Art des Protests. "Wenn wir Protest üben wollen, müssen wir den Mund aufmachen," sagte der Wissenschaftler im Interview mit BR24. "Also ich würde genau das Gegenteil machen." Die Form, wie man sich von Seiten des DFB und der Nationalmannschaft "gegen" die Fifa wende sei für ihn "Real-Satire". Wenn man protestieren wolle, frage man doch nicht bei dem um Erlaubnis, gegen den sich der Protest richte.

Er hätte sich wirkliches Rückgrat von der Mannschaft gewünscht, so Lange - zum Beispiel durch das Tragen der Regenbogen-Binde, die eine echte Botschaft beinhalte. Stattdessen rede man jetzt über das "Kunstprodukt" "One Love"-Binde, die sich zwar auch gegen Diskriminierung richte, aber in ihrer Form doch "weichgespült" und eine Art "Kniefall gegenüber Katar" sei - nachdem die ursprüngliche Regenbogen-Binde aus dem Spiel genommen wurde.

Innenministerin Faeser mit "One Love"-Binde beim Deutschlandspiel

Auch Bundesinnenministerin Nancy Faeser hatte beim WM-Spiel der deutschen Fußball-Nationalmannschaft gegen Japan die für DFB-Kapitän Manuel Neuer verbotene "One Love"-Binde getragen. Die SPD-Politikerin zeigte die Binde, die sie zunächst unter ihrem pinken Blazer trug, im Verlauf der ersten Halbzeit, als sie den Blazer auszog. Sie verfolgte die Partie gemeinsam mit DFB-Präsident Bernd Neuendorf.

Faeser habe dem gesamten DFB-Team mit ihrem Auftritt die Show gestohlen, kommentierte Fan-Forscher Lange die Situation nach dem Spiel gegenüber BR24. "Das war selbstbewusst und ein gutes Zeichen", so der Wissenschaftler. Dennoch sei es aus seiner Sicht besser gewesen, wenn die Innenministerin die tatsächliche Regenbogen-Binde getragen hätte.

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Bundesinnenministerin Nancy Faeser (re.) trägt eine Armbinde mit der Aufschrift "One Love".

Fußball-WM 2022: FIFA drohte mit Sanktionen

DFB-Direktor Oliver Bierhoff hatte in der Debatte wenige Stunden vor dem deutschen WM-Auftakt um mehr Verständnis aus der Heimat für die Spieler geworben. "Letztlich bekommen die Spieler immer wieder Kritik ab. Das tut natürlich an der einen oder anderen Stelle weh, weil man denkt: Wann ist es genug und wann kann ich mich auf die WM konzentrieren", so Bierhoff am Mittwoch in der ARD.

Die FIFA hatte sportliche Sanktionen angedroht für den Fall, dass die mehrfarbige "One Love"-Kapitänsbinde bei den WM-Spielen in Katar doch getragen wird. Der DFB verzichtet daher wie alle an der Kampagne teilnehmenden Nationen auf die geplante Aktion.

DFB überlegte, "welche Schlüsse wir daraus ziehen"

"Die FIFA arbeitet mit Einschüchterung und Druck, das muss man zunächst konstatieren", sagte DFB-Präsident Bernd Neuendorf in der ARD. "Ich stehe zu allem, was ich gesagt habe zum Thema Menschenrechte. Wir sind in der Opposition zur FIFA, das ist ganz wichtig, dass das hier deutlich wird. Wir müssen überlegen, welche Schlüsse wir daraus ziehen."

Die vielen kritischen Reaktionen aus Deutschland würden die Spieler sehr beschäftigen, berichtete der 54-Jährige. Schließlich sei man das Thema "schon vor einem Jahr sehr ernsthaft angegangen", betonte Bierhoff. Es habe vor der WM in Katar Gespräche mit Menschenrechtsorganisationen und Betroffenen gegeben, zudem sei ein Symposium veranstaltet und eine Million Euro für die Nepal-Hilfe gespendet worden. Dass die FIFA die Aktion für eine gute Sache unterbunden habe, sei "ein herber Schlag" gewesen. 

Lange: Druck durch Fans ist bereits erfolgreich

Diese kritische Stimmung beobachtet auch Fan-Forscher Lange in Deutschland. Und sie schlage sich inzwischen auch auf die Einschaltquote nieder, so der Wissenschaftler. Mit diesem Protest, der jetzt schon ein erfolgreich sei, machten die Fans "auf der Straße Druck". Wenn das so weitergehe, müssten sich "die Oberen im DFB" zukünftig die Frage stellen, wie sie mit einigen Dingen umgingen, meint Lange. Er hält den "One Love-Zauber" für "unausgegoren". "Da muss sich in Zukunft einiges ändern, sonst verliert der Fußball in Deutschland noch mehr Glaubwürdigkeit."

Der Machtkampf zwischen UEFA und FIFA stehe jedoch über allem - und er ginge am eigentlichen Kern des Problems vorbei, analysiert Lange die Situation. Das könne man insbesondere am Streit um die Deutungshoheit der Regenbogenfarben beobachten. Denn die UEFA hatte ein Foto der regenbogenfarbenen Schuhe von Thomas Müller getwittert - die FIFA verbietet wiederum das Tragen dieser Farben.

Eine Fußball-WM in Katar könne aber aus seiner Sicht nicht unpolitisch sein. "Das ist ausgeschlossen", so Lange. Zukünftig müsse stattdessen darauf gesetzt werden, dass die meinungsstarken, politischen Spieler frei für sich entscheiden dürften, ob und in welcher Form sie protestieren wollen.

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BR24live unter anderem mit Fan-Forscher Harald Lange und Eindrücken vom Public Viewing in Regensburg

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