Jan-Christian Dreesen und Manuel Neuer
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Jan-Christian Dreesen und Manuel Neuer

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FC Bayern: Wer ist der Kahn-Nachfolger Jan-Christian Dreesen?

Die Ernennung von Jan-Christian Dreesen zum "CEO" des FC Bayern ist eine Kehrtwende. Nach Vereinsikone Kahn übernimmt nun ein reiner Geschäftsmann. Er soll dem Rekordmeister Ruhe bringen - und muss gleichzeitig die Mannschaft umbauen.

Über dieses Thema berichtet: BR24Sport im Radio am .

Auffällig unaufgeregt trat Jan-Christian Dreesen am Sonntagmorgen vor die Mikrofone. Es war sein erster Auftritt als neuer starker Mann beim FC Bayern, nachdem unmittelbar nach dem Abpfiff in Köln, der die Meisterschaft besiegelte, die Entlassung des Führungsduos Oliver Kahn/Hasan Salihamidzic bekannt geworden war.

Wobei "neuer starker Mann" nicht ganz richtig ist. Dreesen ist seit zehn Jahren beim FC Bayern - und hatte schon lange eine gewichtige Rolle im Verein. So sagte es auch Dreesen selbst: "Ich bin nicht der Neue. Ich bin maximal der neue Alte."

In dieser - für Dreesen typischen - unaufgeregten Art begegnete der 55-Jährige allen Fragen, die während dieser kniffligen Pressekonferenz in seine Richtung flogen. Immer besonnen, immer mit der Andeutung eines freundlichen Lächelns im Gesicht. Nach den turbulenten Wochen beim FC Bayern ist das eine Abwechslung von dem oft verbissen wirkenden Gesicht von Kahn.

Eine Abwechslung, nach der sich auch die noch mächtigeren Männer beim FC Bayern anscheinend gesehnt haben. "Ich möchte wieder mehr zu einem Füreinander kommen", sagte Dreesen und implizierte damit, dass das in der Vergangenheit - sprich unter Kahn/Salihamidzic - nicht mehr so gewesen ist.

Geschäftsmann Dreesen: Seit zehn Jahren im "Unternehmen" FC Bayern

Mit Dreesen macht der FC Bayern eine radikale Kehrtwende. Kahn, Klubikone, Fanliebling, der als Spieler wohl wie kaum ein anderer das "FC-Bayern-Gen" verkörpert hat, wird abgelöst von einem reinen Geschäftsmann. Das war freilich Kahn in seiner zweiten Karriere als Funktionär auch, doch seine wichtigste Qualifikation für den Job war seine Vergangenheit als Bayern-Legende. Und auch als Funktionär brach der "Vulkahn", wie er als Spieler wegen seiner Wutanfälle genannt wurde, auf der Tribüne ab und an aus.

Mit Dreesen wird man Derartiges nicht erleben. Nicht nur, weil der Ostfriese qua Geburt schon ein etwas ruhigeres Gemüt hat. Dreesen ist ein absoluter Profi im Konferenzraum, einer der die Geschäftwelt bestens kennt - und auch den FC Bayern wohl eher wie ein DAX-Unternehmen leiten wird, als einen Fußballverein.

Wie passend daher auch die Worte, mit denen Präsident Herbert Hainer den neuen "CEO" (Chief Executive Officer - Hauptgeschäftsführer) vorstellte: "Er ist seit zehn Jahren im Unternehmen", sagte Hainer und vermied dabei das Wort Verein. Und auch im Anschluss verwendete er Worte wie "Belegschaft", "Stabilität" und "Sicherheit".

Der "Herr der Zahlen" sorgte für große Gewinne

Das Wort "Verein" spielt dennoch eine große Rolle in der frühen Karriere von Dreesen - allerdings nur als Bindeglied zwischen den Worten "Hypo" und "Bank". Bei der Hypovereinsbank machte Dreesen Karriere, wurde einer der Direktoren und wechselte schließlich zur Schweizer Bank UBS und zur BayernLB, ehe er 2013 zu dem Posten im FC Bayern kam. Als Finanzvorstand beerbte er Karl Hopfner und hielt sich aus der Öffentlichkeit zurück - doch zog im Hintergrund die Fäden, gewann Einfluss und erarbeitete sich den Spitznamen "Herr der Zahlen". Denn die Zahlen, die Dreesen bei der Hauptversammlung des FC Bayern Jahr für Jahr vorstellte waren stets meisterlich.

Während sich die Spieler auf dem Platz von Titel zu Titel schossen, tat Dreesen im Büro seinen Teil und erwirtschafte - trotz hoher Transferausgaben - Überschuss nach Überschuss. Während der Corona-Pandemie schrumpfte die Zahl, die unter dem Bilanzstrich stand, zwar merklich auf "nur" 1,9 Millionen Euro. Doch anders als bei den meisten anderen Fußballvereinen blieb sie schwarz. Und schon im folgenden Jahr stieg sie wieder in den achtstelligen Bereich. 12,7 Millionen war die Zahl, die Dreesen im vergangenen November bei der Jahreshauptversammlung präsentierte und stehende Ovationen von den Fans bekam.

Uneinigkeiten mit Kahn und Salihamidzic

Doch nicht die Zahl war es, die die Bayern-Anhänger aus den Sitzen hob - ganz so Unternehmen ist der FCB dann doch nicht - es war ein Dankeschön an Dreesen, der kurz zuvor seinen Rücktritt angekündigt hatte. Denn Dreesen hatte bei all der Liebe zu den Zahlen auch immer ein offenes Ohr für die Bedürfnisse der Fans. Auch wenn es oft nur "Kleinigkeiten" waren - wie die Umbenennung der Ticketkategorie "Südtribüne" auf "Südkurve". "Von der gesamten Südkurve möchten wir Ihnen danken für Ihre tolle Zusammenarbeit mit uns. Falls Sie mal einen Platz im Stadion suchen, wissen Sie, wo Sie sich melden können", sagte Fabian Stammberger, ein Trommler aus der Südkurve, noch bei der Jahreshauptversammlung, die eigentlich Dreesens letzte sein sollte.

Denn Dreesen, der mittlerweile der stellvertretende Vorstandsvorsitzende war, wollte eigentlich in den Ruhestand gehen. Der Grund: seine beiden Chefs. Dreesens Vorstellung von Unternehmensführung und zwischenmenschlicher Kommunikation seien grundsätzlich verschieden zu denen von Kahn und Salihamidzic gewesen, hieß es damals. Dass nicht nur Kahn, sondern auch Salihamidzic den Verein verlassen, dürfte also die Grundvoraussetzung für eine Zusage des neuen CEOs gewesen sein.

Mit der Unterstützung von Uli Honeß

Doch Dreesens Ernennung ist nicht nur eine Abkehr von der Prämisse, Ex-Spieler für den wichtigsten Posten beim FC Bayern zu ernennen. Sie zeigt auch das Wiedererstarken des Einflusses von Uli Hoeneß, der nicht nur bei der Ernennung von Thomas Tuchel, sondern nun auch bei der Personalrochade im Vorstand ein gewichtiges Wort hatte. Denn Hoeneß gilt als großer Unterstützer von Dreesen. So konnte Dreesen davon überzeugt werden, statt des Rücktritts eine Beförderung anzunehmen. "Wenn etwas das Herz berührt, kann man seine Pläne ändern", sagte Dreesen bei seiner Vorstellung am Sonntag.

Zwischen Ruhe und Mittelstürmer-Suche

Nun also führt Dreesen die Geschicke des FC Bayern und muss bei dem geforderten Umbau des Kaders zunächst ohne Sportvorstand auskommen. Eine schwierige Aufgabe. Umso mehr, da Dreesen zwar als Finanzfachmann unumstritten ist, die Qualifikation als Fußballfachmann aber nicht unbedingt auf seinem Resümee stehen hat. Dreesens zweite große Aufgabe wird es sein, die tumultartigen vergangenen Woche vergessen zu machen. So passte es auch, dass er in seiner ruhigen Stimme auf der ersten Pressekonferenz viel von "Vertrauen", "Harmonie", und "Miteinander" sprach.

Das dürfte auch ganz gut zu den Bedürfnissen von Bayern-Trainer Thomas Tuchel passen, der während der Meisterfeier am BR-Mikrofon seinen größten Wunsch äußerte: "Ein bisschen Ruhe". Nicht allzu weit dahinter dürfte auf der Wunschliste des Trainers allerdings dann schon das Wort "Mittelstürmer" auftauchen. Es wird sich zeigen, ob der Herr der Zahlen beide Wünsche erfüllen kann.

Pressekonferenz: Herbert Hainer (l), Präsident vom FC Bayern München und Jan-Christian Dreesen, der designierte neue Vorstandsvorsitzende der FC Bayern München AG
Bildrechte: dpa-Bildfunk/Sven Hoppe
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Pressekonferenz: Herbert Hainer (l), Präsident vom FC Bayern München und Jan-Christian Dreesen.

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