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Die Bayern-Fans ehren den einstigen jüdischen Klubpräsidenten Kurt Landauer mit einer Choreographie.

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FC Bayern: Neue Erkenntnisse über FCB im Nationalsozialismus

Der Historiker Gregor Hofmann hat sich mit dem FC Bayern in der NS-Zeit auseinandergesetzt. Er fand heraus: Der Klub war anderen Vereinen ähnlicher, als bisher angenommen und Kurt Landauer wurde wahrscheinlich von der Mitgliederliste gestrichen.

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Johannes KirchmeierJohannes Kirchmeier
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Mehr als drei Jahre lang hat sich der Historiker Gregor Hofmann vom Institut für Zeitgeschichte mit der Geschichte des deutschen Fußball-Rekordmeisters FC Bayern München beschäftigt. Er wälzte Akten, Notizen und hatte seine Freude mit alten, archivierten Sportzeitschriften, die er in der Staatsbibliothek in München lesen konnte.

"Der FC Bayern und der Nationalsozialismus", so lautet nun Hofmanns Doktorarbeit, eine erste, elfseitige Zusammenfassung veröffentlichte er in dieser Woche (hier ist sie nachzulesen). Im Gespräch mit BR24 Sport blickt er auf seine Recherchen zurück. Eine der wichtigsten Erkenntnisse: "Auf jeden Fall hat sich ergeben, dass der Verein in der NS-Zeit anderen Vereinen ähnlicher war, als man das bisher angenommen hat." Kurzum: Juden hatten es ab 1933 auch beim FC Bayern schwer und durften später nicht mehr mitspielen, NSDAP-Mitglieder gewannen an Einfluss.

Der FC Bayern gab die Studie selbst in Auftrag

Es war der FCB selbst, der im November 2017 ans Institut für Zeitgeschichte herantrat. Der Klub beauftragte das Institut, das sich mit der Geschichte des 20. und 21. Jahrhunderts befasst, damit, sein Vereinsleben im Nationalsozialismus zu erforschen. „Mit solchen Forschungsprojekten wollen wir unserer gesellschaftlichen Verantwortung gerecht werden. Mit dieser Studie leisten wir einen weiteren Beitrag zur Erinnerungskultur - und dazu, dass sich Geschichte nicht wiederholt", sagt der Präsident Herbert Hainer.

"Der Begriff 'Judenklub' ist aus meiner Perspektive problematisch. Denn wie sich bei meiner Forschung herausgestellt hat, geht er wahrscheinlich weniger darauf zurück, dass der FC Bayern viele jüdische Mitglieder hatte. Er war vielmehr ein verbreitetes Feindbild für Klubs, denen man jüdisch konnotierte Eigenschaften zugeschrieben hat" Gregor Hofmann

Die frühen Jahre des FC Bayern, die Wurzeln des Vereins werden geprägt von der Erinnerung an den jüdischen Präsidenten Kurt Landauer. Landauer ist heute Ehrenpräsident des Klubs, er war der Präsident von 1913 bis 1914, von 1919 bis 1933, nachdem er nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten zurücktrat, und erneut von 1947 bis 1951. Vom "Judenklub" ist in der Rückschau immer wieder die Rede.

Kurt Landauer "aus der Mitgliederliste gestrichen"

Von der NS-Zeit, in der Juden aus den Vereinen verbannt wurden, war bis dato jedoch weniger bekannt. Hofmann wertete nun etwa 15.000 Dateien-Scans, Akten und Notizen aus beinahe 60 Archiven in Deutschland, Polen, Tschechien, Österreich, der Schweiz, Frankreich, Israel und den USA aus und stieß dabei auch auf "eine erstmals ausgewertete Quelle aus der Feder Kurt Landauers". Diese deute darauf hin, "dass der verdienstvolle Präsident den Verein nicht aus eigenem Antrieb verließ, sondern 'aus der Mitgliederliste gestrichen wurde', wie er schrieb." Dabei ging es ebenfalls um ein Entnazifizierungsverfahren. Landauer stellt nach den Angaben des Autors einem ehemaligen Vereinskameraden einen "Persilschein" aus.

10 Prozent jüdische Mitglieder kein Alleinstellungsmerkmal

"Der Begriff 'Judenklub' ist aus meiner Perspektive problematisch", sagt Hofmann dem BR. "Denn wie sich bei meiner Forschung herausgestellt hat, geht er wahrscheinlich weniger darauf zurück, dass der FC Bayern viele jüdische Mitglieder hatte. Er war vielmehr ein verbreitetes Feindbild für Klubs, denen man jüdisch konnotierte Eigenschaften zugeschrieben hat." Das heißt: Dass ein Klub aus der Innenstadt oder aus einem bestimmten, reichen Stadtteil war.

Der Anteil jüdischer Mitglieder sei mit 10 Prozent sehr hoch gewesen, fasst Hofmann zusammen. Das sei sicherlich eher die Ausnahme unter den deutschen Sportvereinen gewesen, aber "mit Blick auf Eintracht Frankfurt oder den 1. FC Nürnberg" auch kein völliges Alleinstellungsmerkmal.

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Der Bayer und Jude Kurt Landauer war legendär und vielleicht der wichtigste Präsident des FC Bayern München. Doch vieles in seiner Lebensgeschichte liegt bis heute im Dunkeln. Der Filmautor Nick Golüke schließt diese Lücken.

Mehr als die Hälfte der FCB-Funktionäre auch NSDAP-Mitglieder

Nicht nur der FC Bayern, auch Borussia Dortmund will die Geschichte des Klubs in der NS-Zeit aufarbeiten lassen, berichtet Hofmann. Zudem kennt er auch Studien über den FC Schalke oder den 1. FC Kaiserslautern, der Münchner Ansatz aus eigenem Antrieb geht aber darüber hinaus: "Das Besondere an diesem Projekt war sicher, dass ein Verein an ein Institut herantritt und sagt: 'Wir finanzieren dreieinhalb Jahre Forschung und reden euch nicht rein.' Das ermöglicht schon noch einmal einen Qualitätsschub und ich würde mich als Autor der Studie natürlich freuen, wenn uns das gelungen ist."

So entstand letztlich die erste umfassende geschichtliche Aufarbeitung eines Fußballklubs während der NS-Diktatur. Hofmann widmet sich darin nicht nur den Opfern der NS-Zeit, sondern auch jenen, die Mitläufer oder Täter der Ideologie waren.

Seine Studie zeigt, dass zwischen 1933 und 1945 53 Prozent der Bayern-Funktionäre auch Mitglieder der NSDAP waren, unter den Spielern waren es dagegen übrigens nur drei von 31, die Hofmann in der Stichprobe überprüfte. Im Nationalsozialismus zeigten sich nun auch erstmals Spitzenpolitiker in Fußballstadien - das war nach Hofmanns Recherchen beim FCB im Stadion an der Grünwalder Straße genauso wie an anderen Gauligen-Orten.

Es ist ein weiterer Teil dieser Ähnlichkeit der Vereine, von der Hofmann spricht. Dazu zählt auch, dass der Klub im Jahr 1935 den sogenannten "Arierparagrafen" umsetzte, der Juden ausschloss. Insofern war er aber laut Hofmann in Süddeutschland auch ein "Nachzügler", weil andere Großklubs wie der 1. FC Nürnberg oder der Lokalrivale TSV 1860 Juden schon 1933 das Mitmachen verboten.

Noch 1935 werden jüdische Mitglieder geehrt

Trotz all der Ähnlichkeiten gingen die Bayern also auch teils immer wieder einen anderen Weg als viele andere Vereine im Umgang mit ihren jüdischen Vereinskollegen, der langjährige Präsident Landauer ("Ich bin a Jud und a Bayer", wie er selbst über sich sagte) und die hohe Mitgliederzahl bis zum Ende der Weimarer Republik hatten den Verein geprägt. "Der FCB bekannte sich noch 1934 und 1935 mehrfach in seinen Clubnachrichten zu den Namen jüdischer Mitglieder", schreibt Hofmann.

Die wurden etwa für ihre langjährige Vereinsmitgliedschaft geehrt - sogar in Teilen nach der Verschärfung des "Arierparagrafen". Zudem berichtet Hofmann von Siegfried Herrmann, der als erster "Vereinsführer" nach Kurt Landauer in der NS-Zeit 1933/34 einerseits die Vereinsregelungen des Regimes einführte, andererseits aber auch den Antisemiten im Verein die Stirn bot. "Die Regel war das Mitmachen; aber es sind die Ausnahmen, die illustrieren, dass Fußballspieler und -funktionäre nicht bloß passive Befehlsempfänger eines Zwangsregimes verkörperten", resümiert Hofmann.

Mythos vom "Judenklub" wohl auch geprägt von der Nachkriegszeit

Doch den Mythos vom "Judenklub" prägte letztlich wohl eher die Zeit der Entnazifizierung, vermutet Hofmann. Jüdische Sponsoren und Funktionäre gab es auch anderswo, doch in München stand dies plötzlich mehr im Fokus: "Woher kommt diese Prägnanz von Zuschreibungen wie ,Judenklub‘ Judenverein‘, die einem erst in der Nachkriegszeit in den schriftlichen Quellen entgegentritt?", fragt der Doktorand.

"Meiner Meinung nach war das eine Möglichkeit für Leute, die vor einem Entnazifizierungsverfahren standen, an bestehende Zuschreibungen anzuschließen und sich vor der Spruchkammer zu entlasten." Am Beispiel des ehemaligen Jugendleiters Heinrich Lämmle - der sein Amt allerdings erst 1936 antrat, als keine Juden mehr beim FCB waren - belegt Hofmann diese These in seiner Arbeit.

Abschließendes Kapitel über die Zeit nach 1945 geplant

Siegfried Hermann, der den Klub vom Kaiserreich bis in die Bundesrepublik begleitete, ist es auch, der nach dem Krieg wieder in den Vorstand gewählt wird und Landauer hilft, den Verein wiederaufzubauen. Dieser Teil soll ebenfalls noch in die Doktorarbeit einfließen. Im Sommer oder Herbst 2022 will Gregor Hofmann sie veröffentlichen - eben mit einem Kapitel über die Zeit nach 1945.

Kurt Landauer kehrte zurück zum Verein, wurde noch einmal Präsident. Doch nicht nur er kehrte zurück, "sondern eben auch mehrere von den NS-belasteten Arisierungsprofiteuren oder Propagandisten", berichtet Hofmann. Auch da war der FC Bayern München anderen Vereinen ähnlich in der jungen Bundesrepublik Deutschland.

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