Joshua Kimmich, Sadio Mané, Jamal Musiala und Serge Gnabry jubeln beim Supercup

Joshua Kimmich, Sadio Mané, Jamal Musiala und Serge Gnabry jubeln beim Supercup

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    FC Bayern München: Mehr frisches Blut = mehr Titel?

    FC Bayern München: Mehr frisches Blut = mehr Titel?

    Nach zehn deutschen Meisterschaften in Folge gab es beim FC Bayern München eine gründliche Blutauffrischung. Mit dem neuen Personal soll auch in der Champions League angegriffen werden. Der Druck auf Trainer Julian Nagelsmann wird nicht weniger.

    Robert Lewandowski, der Torjäger vom Dienst, ist weg. Nach einem langen Sommertheater mit viel Hin und Her landete der zweitbeste Torjäger der Fußball-Bundesliga-Geschichte bei seinem "Traumklub" FC Barcelona. Es ist das Ende einer Ära beim Rekordmeister.

    Doch die Vereinsführung hat reagiert, und zwar so wie es die Wenigsten erwartet hatten: mit einer Transferoffensive wie es sie seit vielen Jahren nicht mehr gegeben hat. Mit einem Kader, der nun sogar noch stärker zu sein scheint als vergangene Saison, soll möglichst mehr als "nur" ein Titel her. Auch in der Königsklasse will man trotz der vermeintlich übermächtigen Konkurrenz aus England oder Spanien wieder weiter kommen als zuletzt.

    So lief die vergangene Saison

    Die Ansprüche sind nirgends so hoch wie bei den Münchnern, deshalb fiel die Bilanz der vergangenen Saison, in der "nur" der Meistertitel eingefahren wurde, bestenfalls "ausreichend" aus. In der Bundesliga reichte es erneut zu Platz eins, und das mit acht Punkten Vorsprung vor Borussia Dortmund. Der Titel geriet nie ernsthaft in Gefahr, auch nicht, als die Bayern strauchelten und zum Beispiel in Augsburg und Mainz sowie zuhause gegen Frankfurt und Mönchengladbach verloren. Dafür war man in den Topspielen gegen Dortmund, Leipzig und Leverkusen da.

    Dagegen war im DFB-Pokal zum zweiten Mal nacheinander schon in der 2. Hauptrunde Schluss, und das krachend. Das 0:5 bei Borussia Mönchengladbach war der erste Tiefpunkt der Saison. Die Gladbacher führten desolate Bayern vor. So darf sich eine Bayern-Mannschaft nicht präsentieren.

    In der Champions League lief zunächst alles nach Plan, in der Gruppenphase gab es in sechs Partien sechs Siege, u.a. zwei gegen den FC Barcelona. Doch wie schon so oft in der Vergangenheit konnten die Bayern ihre Form nicht ins Frühjahr retten. Im Achtelfinale reichte es gegen RB Salzburg nach einem 1:1 im Hinspiel und einem 7:1 zuhause noch zum Weiterkommen. Im Viertelfinale war dann der spanische Mittelklasseklub FC Villarreal aber zum Entsetzen aller im Verein eine Nummer zu groß. Eine Riesenenttäuschung, die die Bayern-Bosse veranlasste, über einen grundlegenden Kaderumbruch nach der Saison nachzudenken.

    Wer kommt, wer geht

    Die Bayern haben viel Geld - bisher knapp 137 Millionen Euro, in die Hand genommen, um für die als dringend notwendig erachtete Blutauffrischung zu sorgen. Trotzdem wiegt der Weggang von Robert Lewandowski schwer, der siebenmal Bundesliga-Torschützenkönig wurde (davon sechsmal im Bayern-Trikot) und der in 375 Pflichtpartien für die Münchner sagenhafte 344 Treffer erzielte. Der 33-jährige zweimalige Weltfußballer war die personifizierte Torgarantie. Er muss erstmal ersetzt werden.

    Von niemandem wird verlangt, gleich wie er 35 bis 40 Saisontreffer zu schießen. Die Verantwortung im Angriff soll idealerweise auf mehrere Schultern verteilt werden. Einer, der locker für 20 Treffer gut sein sollte, ist der erste Königstransfer dieses Sommers, Sadio Mané. Afrikas "Fußballer des Jahres", der für 32 Millionen Euro (plus Boni) vom FC Liverpool kam, ist zwar kein Eins-zu-eins-Lewandowski-Ersatz, aber er kann sowohl über die Flügel kommen als auch als "falsche Neun" eingesetzt werden. Er ist handlungsschnell, technisch perfekt und vor dem Tor eiskalt.

    Für den Angriff kam auch Mathys Tel von Stade Rennes. 20 Millionen Euro plus Boni war den Bayern das 17-jährige Sturmtalent wert - ein "echter" Mittelstürmer, dem allerdings noch die Erfahrung auf höchstem Niveau fehlt. In der französischen Ligue 1 spielte er bisher nur ein paar Minuten. Trotzdem gilt er als Versprechen für die Zukunft, und Trainer Julian Nagelsmann traut dem Youngster in seiner ersten Saison durchaus zehn Tore zu.

    Ansonsten haben die Bayern hauptsächlich auf die zuletzt offenbarten Defensivschwächen reagiert. Mit Noussair Mazraoui (Ajax Amsterdam) kam ein rechter Verteidiger, Ryan Gravenberch (ebenfalls Ajax Amsterdam) beackert das defensive Mittelfeld. Für diese Position könnte auch noch Konrad Laimer kommen. Aktuell scheint Nagelsmanns Wunschspieler von RB Leipzig seinen Vertrag aber erfüllen zu wollen. Nächste Saison wäre der Österreicher dann ablösefrei zu haben.

    Als vermeintlich wichtigster Transfer für die Abwehr gilt aber Matthijs de Ligt, für den 67 Millionen Euro an Juventus Turin überwiesen wurden und von dem erwartet wird, dass er - wenn er fit ist - die Rolle des Abwehrchefs übernimmt - eine Rolle, die seit dem Weggang von David Alaba zu Real Madrid vor einem Jahr niemand mehr zufriedenstellend ausfüllen konnte.

    Von den weiteren Abgängen fallen nur die von Niklas Süle (Borussia Dortmund) und Corentin Tolisso (Olympique Lyon) ins Gewicht. Chris Richards (Crystal Palace), Omar Richards (Nottingham Forest), Malik Tillmann (ausgeliehen an die Glasgow Rangers), Marc Roca (Leeds United) sowie die Torhüter Christian Früchtl (Austria Wien) und Ron-Thorben Hoffmann (Eintracht Braunschweig) waren zuletzt weit weg von der Startelf und spülten zumindest etwas frisches Geld in die Kasse.

    Hat noch Arbeit vor sich: Julian Nagelsmann

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    Der Trainer: Nagelsmann "zum Erfolg verdammt"

    Julian Nagelsmann hat sein erstes Jahr bei den Bayern hinter sich. Der 35-Jährige weiß, dass im zweiten Jahr mehr von ihm erwartet wird als "nur" ein Titel. Oliver Kahn, der mit der vergangenen Saison nicht zufrieden war, hat dies ungewöhnlich deutlich formuliert: "Wir sind beim FC Bayern zum Erfolg verdammt, das weiß er auch", erhöhte der Vorstandsboss in der Sommerpause den Druck.

    Der 35-Jährige muss es schaffen, mehr aus der Mannschaft herauszuholen, und das am liebsten in allen drei Wettbewerben. Für viel Geld wurde ihm ein Kader hingestellt, wie ihn lange kein Bayern-Trainer mehr hatte. Alibis gibt es nicht mehr. Die Lücken in der Abwehr schließen und eine Lösung finden, wie die Mannschaft auch ohne echten "Neuner" Offensivschlagkraft entwickeln kann, werden seine vordringlichsten Aufgaben sein.

    Nagelsmann weiß das, und er weiß auch, dass er nach seinem durchwachsenen ersten Jahr in der Bringschuld ist. Schließlich war er es selbst, der den Fans bei der Meisterfeier auf dem Rathausbalkon im Mai für die kommende Spielzeit mehr als nur einen Titel in Aussicht gestellt hat. Mehr denn je wird er auch gefragt sein, die Befindlichkeiten der sensiblen Stars zu moderieren.

    "Den Druck mache ich mir selbst. Ich will ja auch, dass wir erfolgreicher sind, als wir das letztes Jahr waren." Julian Nagelsmann

    Erwartungen an die Saison

    Es klingt nicht leise an, sondern eher wie eine gewaltige "Wall of Sound": Vom FC Bayern wird auch in der neuen Saison der Titel - es wäre der elfte in Folge - erwartet. Im DFB-Pokal, wo es Ende August in Runde eins zu Drittligist Viktoria Köln geht, soll es nach zwei schwachen Jahren möglichst weit gehen, am liebsten bis ins Finale nach Berlin. Das Gleiche gilt für die Königsklasse. Oliver Kahn und Hasan Salihamidzic wollten einen Kader bereitstellen, "der im Idealfall die Champions League gewinnen kann". Diesen Job haben sie, glaubt man den meisten Experten, mit Bravour erledigt.

    Was man bei den Klubbossen auf keinen Fall mehr sehen will, sind desolate oder blutleere Auftritte wie bei der 0:5-Pokalpleite in Mönchengladbach oder den Niederlagen in der Liga in Mainz oder Augsburg. Dafür wird die Stabilisierung der zuletzt selten sattelfesten Abwehrreihe der Schlüssel sein. Auf europäischer Ebene wird erwartet, dass man gegen Mannschaften wie Villarreal bessere Lösungen findet. In Duellen mit absoluten Topteams wie dem FC Liverpool, Manchester City oder Real Madrid ist ein Weiterkommen keine Pflicht, spielerisch soll man aber auf Augenhöhe agieren. Einsatz und Wille sind Grundvoraussetzung.

    Im ersten Pflichtspiel, im Supercup gegen RB Leipzig (5:3), funktionierte Vieles schon gut, vor allem offensiv. Die drei Gegentore zeigen aber auch, dass in der Defensive noch längst nicht alles so funktioniert, wie sich Nagelsmann das vorstellt. Bis zum Bundesligaauftakt am Freitagabend bei Eintracht Frankfurt (Anstoß: 20.30 Uhr/Radio-Livereportage im BR24 Livecenter) muss da noch nachjustiert werden.

    Klar ist: Der FC Bayern wird auch in der Saison 2022/23 der Gejagte sein. Borussia Dortmund, RB Leipzig und Bayer Leverkusen haben zum Teil ebenfalls personell aufgerüstet und wollen den Branchenprimus ärgern. Der FCB sollte darauf vorbereitet sein. Der Druck wird nicht weniger.

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