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Eklat in Heimstetten: Polizeikräfte entfernen mit Gewalt ein FC Bayern-Banner, das der Verein Türkgücü beim Regionalligaspiel kritisiert hatte.

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Fanforscher zum Fahnen-Eklat: Provokationen im Sport aushalten

Fanforscher zum Fahnen-Eklat: Provokationen im Sport aushalten

Schlagstock, Pfefferspray und 19 Verletzte: alles wegen der Fahne "FC Bayern-Fanclub Kurdistan". Die wollte der Club Türkgücü beim Spiel gegen den FC Bayern II verbannt sehen. Fan-Forscher Harald Lange meint, solche Provokationen müsse man aushalten.

Am vergangenen Wochenende war es bei der Begegnung in der Fußball-Regionalliga Bayern zwischen Türkgücü München und dem FC Bayern München II am Spielfeldrand in Heimstetten zum Eklat gekommen. Zwei Minuten nach Beginn wurde das Spiel unterbrochen und schließlich abgebrochen, weil Bayern-Fans ein Transparent ausgerollt hatten mit der Aufschrift "FC Bayern Fanclub Kurdistan“ und dieses auf Bitten der Polizei nicht aushändigen wollten.

Türkgücü fühlt sich durch Fahne provoziert

Für den türkischstämmigen Verein Türkgücü war das offenbar eine untragbare, politische Provokation. In einer schriftlichen Stellungnahme des Vereins heißt es dazu wörtlich: "Wir, als Sportverein Türkgücü München, konzentrieren uns auf sportliche Belange und lehnen es vehement ab, dass Fußballspiele bzw. Stadien von diversen Organisationen als Plattformen für politische Meinungskundgaben instrumentalisiert werden."

Schon im Vorfeld des Spiels habe der Verein die Verantwortlichen des FC Bayern München II darauf hingewiesen, dass Türkgücü - als Gastgeber der Partie - von seinem Hausrecht Gebrauch machen und das Plakat, das bereits beim Hinspiel offen gezeigt wurde, gegebenenfalls entfernen lassen würde. Ein solches Vorgehen ist vom Hausrecht in Deutschland abgedeckt.

Fan-Forscher: Sport ist durch und durch politisch

Der Fan-Forscher Prof. Harald Lange vom Institut für Sportwissenschaft an der Universität Würzburg rät vor diesem Hintergrund zu mehr Gelassenheit. Sport und Politik seien nicht trennbar: "Sport ist durch und durch politisch. Es gibt das Recht auf freie Meinungsäußerung - auch auf Sportveranstaltungen. Es finden dort immer wieder Provokationen statt. Und wer die nicht aushalten kann, der sollte auch nicht ins Stadion gehen."

Das Recht auf freie Meinungsäußerung ist im Grundgesetz verankert. Die Grenzen des guten Geschmacks könnten und dürften bis zu einem gewissen Grad auch bewusst überschritten werden, so Lange. Aus Sicht des Wissenschaftlers habe Türkgücü München viel zu empfindlich auf das ausgerollte Banner reagiert.

Mit der Durchsetzung des Hausrechts, das dem Verein juristisch betrachtet zusteht, habe man letztlich große Aufmerksamkeit auf sich und auf das Thema gezogen. Türkgücü München hatte darauf bestanden, dass das Plakat komplett entfernt wird. Das Zusammenrollen des Banners reichte dem Gastgeber nicht aus. Nachdem die eigenen Ordner bei den FCB-Fans nicht weiterkamen, wurde die Polizei tätig.

Landtags-Grüne kritisieren Polizeieinsatz

Die Kritik an diesem Einsatz lässt nicht nach. Inzwischen hat Maximilian Deisenhofer von den Landtags-Grünen eine Anfrage zur Verhältnismäßigkeit des Vorgehens der Sicherheitskräfte an die Bayerische Staatsregierung gerichtet. Denn am Spielfeldrand kam es zum Einsatz von Pfefferspray und Schlagstöcken durch die Polizei. Die Folge: neun eher leichter verletzte Fans des FCB und zehn leichtverletzte Polizisten.

Auch Fan-Forscher Lange sieht im Interview mit dem BR das Vorgehen kritisch. "Die Banner-Aufschrift war aus meiner Sicht nicht verfassungswidrig. Jeder, der öfters bei Fußballspielen ist, weiß, dass die Zaunbanner den Fans heilig sind. Und die Fans haben das massive Einschreiten der Polizei sicher als pure Willkür empfunden." Das Vorgehen der Polizei wird derzeit vom Landeskriminalamt untersucht. Die Kriminalpolizei ermittelt gegen Fans wegen Körperverletzung, Landfriedensbruchs und Sachbeschädigung, weil eine Werbebande zerstört wurde.

Politik bei der WM: "Peinlicher Kniefall"

Auch im Weltfußball geht es aktuell um Politik: Am Montag hatte der Weltfußballverband Fifa während der laufenden WM bekannt gegeben, dass das Tragen der sogenannten "One-Love-Armbinde" für die Spieler geahndet werden soll. Die Binde sollte ein Zeichen setzen für Diversität und Toleranz.

Der Deutsche Fußballbund hat nach der Androhung durch die Fifa beschlossen, dass Mannschaftskapitän Manuel Neuer während der Spiele auf das Tragen der Binde verzichten wird. "Das ist Real-Satire! Was ist denn das für ein Protest von Seiten des DFB? Noch dazu war das Tragen der 'One-Love-Binde' lange vorher angekündigt. Ein peinlicher Kniefall des Deutschen Fußballbundes vor der Fifa", kritisiert der Würzburger Sportwissenschaftler.

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