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Fanforscher Lange: "Stadionverbote sind unglückliches Mittel" | BR24

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Die Schmähplakate gegen Dietmar Hopp und die anschließenden Diskussionen bewegen zur Zeit Fußball-Deutschland. Für den Fanforscher Prof. Harald Lange von der Uni Würzburg sind diese Entwicklungen nicht überraschend - das Interview in voller Länge. .

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Fanforscher Lange: "Stadionverbote sind unglückliches Mittel"

Die Schmähplakate gegen Dietmar Hopp und die anschließenden Diskussionen bewegen zur Zeit Fußball-Deutschland. Für den Fanforscher Prof. Harald Lange von der Universität Würzburg sind diese Entwicklungen nicht überraschend.

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Seit der DFB die Kollektivstrafe gegen Borussia Dortmund verhängt hat, regt sich bei den Fans aller Vereine Widerstand. Immer wieder tauchen Schmähplakte in Richtung Hoffenheims Mäzen Dietmar Hopp auf. Der negative Höhepunkt war die Spielunterbrechung bei der Bundesliga-Partie TSG Hoffenheim gegen den FC Bayern - das Spiel stand sogar kurz vor dem Abbruch.

"Hopp ist das Schreckgespenst für die deutsche Fan-Seele"

Für Fanforscher Prof. Harald Lange sind die Schmähplakate gegen Hopp nichts Neues. Im Interview mit BR24 Sport sagt er: "Dietmar Hopp steht ja bereits seit vielen, vielen Jahren in der Kritik. Spätestens seit dem Aufstieg von Hoffenheim in die Bundesliga ist er gewissermaßen das Schreckgespenst für die deutsche Fan-Seele."

In der Öffentlichkeit entsteht der Eindruck, dass sich Hassaktionen in letzer Zeit häufen. Das sieht Lange nicht so. Schmähungen gehören für den Zuschauer insbesondere beim leistungsorientierten Fußball dazu. So stellt der Universitäts-Professor fest: "Das ist historisch mit gewachsen und richtet sich in aller Regel gegen die Gegner. Und wenn man bei einem Gegenspieler oder auch bei gegnerischen Fans irgendwelche Ankerpunkte finden kann, sprich Herkunft oder Hautfarbe, dann war das in der Vergangenheit häufig Anlass, daraus einen Schmähgesang zu konstruieren."

"Das ist selbstverständlich nicht zu tolerieren. Man hätte das allerdings auch schon vor zehn 15, 20 oder 30 Jahren verurteilen und drastische Maßnahmen ergreifen müssen. Drastisch dahingehend, dass man darüber nachdenkt, wie die Fußball-Kultur im Allgemeinen und die Fußballfan-Kultur im Besonderen da rauswachsen kann." Harald Lange

Causa Hopp darf "kein Einzelfall bleiben"

Lange ist überrascht von der Vehemenz, mit der man jetzt nach dem Hopp-Vorfall etwas ändern will. Gleichzeitig fordert er ganz klar: "Worauf wir ganz kritisch achten müssen, ist, dass das jetzt nicht ein Einzelfall bleibt, so nach dem Motto: 'Der Milliardär wird verschmäht und geschützt. Aber ein Spieler aus der Dritten Liga wird vor rassistischen Anfeindungen eben nicht geschützt.'" Grundsätzlich begrüßt Lange die Aktion der Spieler von Hoffenheim und Bayern, die sich nach der zweiten Spielunterbrechung, den Ball nur noch hin und her geschoben haben.

"Das war ein sehr eindrückliches Zeichen der Spieler. Da stellt sich natürlich die Frage, ob sie das auch am Beispiel anderer Schmähfälle tun würden. Und da habe ich große Zweifel."

"Stadionverbote sind ein sehr unglückliches Mittel"

Lange ist ein klarer Gegner von Stadionverboten. "Stadionverbote sind immer ein sehr unglückliches Mittel. Ich finde es zwar emotional nachvollziehbar, dass man gleich mit drastischen Maßnahmen droht. Aber ich hielte es für weitaus besser, wenn man erst einmal vorsichtiger in das Ganze einsteigt."

"Das ist für mich ein purer Machtkampf, wo man einfach nur Muskeln spielen lässt. Und das halte ich, gemessen an der Bedeutung des Fußballs und an der Medienpräsenz dieses Themas, für völlig fehl am Platz."

Lange fordert: "Auf Augenhöhe begegnen"

Entscheidend ist für ihn der Dialog zwischen DFB, der DFL, den Vereinen und den verschiedenen Fangruppierungen. Doch dafür müssen seiner Meinung nach Stadionverbote und Kollektivstrafen abgeschafft werden, man sollte sich auf Augenhöhe begegnen. Vor allem müsse der Fan ernst genommen werden.

Für Lange ist es wichtig, dass unterscheiden wird: "Jetzt alles in einen Topf zu werfen, würde der Sache nicht gerecht werden, weil letztlich jedes Ereignis, jedes Beispiel eine eigene Dramaturgie, eine eigene Geschichte hat. Deshalb finde ich es sehr unglücklich, wie in den ersten Reaktionen auf die Schmäh-Aktion gegen Herrn Hopp, auch durch DFB-Präsident Fritz Keller, alles in einen Topf geworfen wurde. Und dann die Namen, die Kritik an Hopp, die Schmähungen gegen Hopp in einem Atemzug mit anderen, sogar rechtsradikalen Vorfällen in Deutschland reingeworfen wurden." Lange bezieht sich hierbei auf die jüngsten rassistischen Entgleisungen gegen Hertha-BSC-Spieler Jordan Torunarigha und Würzburgs Kicker Leroy Kwadwo.

"Es wird sich rassistisch, beleidigend und herabwürdigend verhalten, weil man einfach nicht so weit ist und den Sinn des Sports, den eigentlichen Wert des Fußballspielens, erkannt hat. Das ist sehr bedauerlich, ist letztlich aber ein Sozialisations- und Erziehungsthema."

Prof. Harald Lange ist seit 2009 Professor für Sportwissenschaft an der Universität Würzburg und Inhaber des dortigen Lehrstuhls für Sportwissenschaft, Gründer des Instituts für Fankultur e.V. und Dozent für Sportpädagogik an der Trainerakademie des DOSB in Köln. Wissenschaftlich hat sich Professor Lange u. a. den Bildungspotenzialen im Sport und pädagogischen sowie (sozial-)psychologischen Fragen und Problemen im Sport beschäftigt.