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Mitarbeiter mit Schutzmasken gehen am 1.6.2021 durch den leeren Ticketbereich des internationalen Flughafens Narita in Japan

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    EM und Olympia trotz Corona: Die Macht der Sportverbände

    Bei der Fußball-EM jetten 24 Teams durch elf Länder, als ob es keine Pandemie gäbe. Und Japan steckt mitten in der 4. Corona-Welle. Viele Japaner lehnen Olympia deshalb ab. Trotzdem: Eine Absage der Mega-Events kommen für UEFA und IOC nicht in Frage.

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    Von
    • Angelika Nörr

    Eine Fußball-EM mit Spielen auf dem gesamten Kontinent – eine große Party in ganz Europa hatte sich der Europäische Fußballverband UEFA vorgenommen und die zieht die UEFA jetzt mit einem Jahr Verspätung durch. Und auch das Internationale Olympische Komitee IOC will ab Ende Juli die Spiele in Tokio vom letzten Jahr nachholen, obwohl eine große Mehrheit der Menschen in Japan das ablehnt. Warum lassen die Regierungen das zu? Wie groß ist die Macht der Sportverbände?

    Olympia findet statt: Japan will sein Gesicht wahren

    Die japanische Regierung hält sich an ihre Zusagen und sie könnte Spiele gar nicht so einfach absagen. Das könnte theoretisch nur das IOC, aber passieren wird das nicht, sagt der Journalist und Buchautor Jens Weinreich. Er begleitet die internationale Sportpolitik seit Jahren kritisch und hat dafür eine naheliegende Erklärung: das IOC wartet noch auf drei bis vier Milliarden Euro Einnahmen, der Großteil davon aus den Fernsehrechten.

    Was würde eine Olympia-Absage finanziell bedeuten?

    Großveranstaltungen wie die Olympischen Spiele sind versichert. Die genauen Bedingungen sind geheim, aber aus Unterlagen der nationalen Verbände gehe hervor, dass etwa 25 Prozent des geplanten Umsatzes versichert sei, erklärt Sportrechte-Experte Weinreich. Mit einer Milliarde Ausfallsumme und den vorhandenen Rücklagen käme das IOC nach Meinung von Jens Weinreich über die Runden. Auch die UEFA könne eine Absage der EM verkraften: Der europäische Fußballverband mache mit der Champions League pro Jahr drei Milliarden Umsatz. Die Europameisterschaft alle vier Jahre bringe vielleicht zwei Milliarden Euro.

    "Die UEFA könnte es sich leisten, die UEFA würde gar nicht pleitegehen, würde diese Euro nicht ausgetragen." Jens Weinreich, Sportjournalist und Sportrechte-Experte

    Dass in Japan keine ausländischen Zuschauer zugelassen sind und auch bei den Fußball-Spielen der EM nur ein Bruchteil der Fans in die Stadien dürfen, können die Sportverbände aus Sicht Weinreichs auch verkraften. Der Ticketverkauf macht nur etwa 20 bis 25 Prozent der Einnahmen aus. Das große Geld kommt über die Übertragungsrechte und von Großsponsoren.

    Monopolstellung wiegt schlechtes Image auf

    Einer der EM-Großsponsoren war bis vor kurzem der aserbaidschanische Ölkonzern Socar. Erst nach dem Krieg um die Grenzregion Berg-Karabach verschwand Socar von der offiziellen Sponsorenliste. Die Hauptstadt Baku bleibt dennoch Austragungsort der Europameisterschaft. Socar soll die letzte EM vor fünf Jahren mit angeblich 90 Millionen Euro unterstützt haben.

    Die dubiosen Kooperationen mit Autokratien wie Aserbaidschan, Quatar und China und die damit einhergehenden Korruptionsskandale schaden dem Ansehen von IOC, UEFA und Co. Weinreich zitiert eine Studie des Deutschen Olympischen Sportbundes, in der Befragte auf einer Skala von plus fünf bis minus fünf für das Image der Fußballverbände UEFA und FIFA durchweg Minuswerte vergeben haben:

    "Schlimmer kann es für sie nicht sein, aber das interessiert sie auch nicht." Jens Weinreich, Sportjournalist und Sportrechte-Experte

    Denn die beiden großen Fußballverbände verfügen genauso wie das IOC quasi über ein Monopol:

    "Sie wissen, sie haben ein Produkt, nach dem sich viele Menschen verzehren: Fußball und die Olympischen Ringe." Jens Weinreich, Sportjournalist und Sportrechte-Experte

    Neue Generation von Sportlern macht den Unterschied

    Das Monopol stützt sich allerdings auf die Sportler und Sportlerinnen. Beach-Volleyballerin Karla Borger etwa war schon 2016 in Rio dabei. Als Athletensprecherin sieht sie die Probleme und die Unsicherheiten ihrer Kollegen und Kolleginnen im Vorfeld der Spiele in Tokio. Wegen der Pandemie könne von Chancengleichheit oder Fairness dieses Mal keine Rede sein. Aber es sei klar gewesen, "dass sie Olympia irgendwie durchboxen, egal was passiert, egal was die japanische Regierung sagt".

    Die Struktur im Leistungssport sei auf den Kopf gestellt, sagt Borger: Ohne Sportler und Sportlerinnen gebe es keine Verbände. Aber es bewegt sich etwas in Deutschland, etwa durch die Vereinigung von "Athleten Deutschland", in der Aktive ihre Stimme gegenüber den Verbänden erheben. Sportjournalist Weinreich setzt große Hoffnung auf diese neue Generation von kritischen Aktiven:

    "Da wächst eine Kraft heran, die spielen eine wichtige Rolle und setzen das IOC mächtig unter Druck." Jens Weinreich, Sportjournalist und Sportrechte-Experte

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