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Eisschnelllauf WM - Teamsprint, Herren. Die Mannschaft aus Deutschland in Aktion.
© dpa-Bildfunk/Peter Kneffel
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Eisschnelllauf WM - Teamsprint, Herren. Die Mannschaft aus Deutschland in Aktion.

Es sind atemberaubende Bilder, die Millionen Sportfans in aller Welt in diesen Tagen genießen können. Mehrmals fliegt während der Fernsehübertragungen eine Drohne über die tief verschneite Gemeinde Inzell in Richtung der Max-Aicher-Arena, die wie ein Ufo am Fuße des Falkenwegs steht. Eine grandiosere Werbung für den Wintersport-Ort kann sich der jahrzehntelange Chef des Inzeller Eisschnelllaufens gar nicht vorstellen. Hubert Graf strahlt:

"Der Bekanntheitgrad Inzells steigt als WM-Ausrichtungsort. So ein Eisstadion kostet natürlich auch viel Geld, aber gleichzeitig bringt man den Tourismus hierher. Wenn man das alles gegeneinander rechnet, dann ist das Stadion in Inzell ein Segen für den Tourismus." Hubert Graf

Die Stimmung in der Halle ist gut

"Es kommen viele Gäste, speziell aus Holland, Norwegen, Österreich, Schweiz. Und von daher ist so eine WM sicher auch für den Inzeller Tourismus eine wichtige Veranstaltung." Hubert Graf

Nur die deutschen Zuschauer fehlen irgendwie. Vor acht Jahren, als Inzell zuletzt WM-Gastgeber sein durfte, war die Halle jeden Tag ausverkauft. Diesmal bleiben hunderte Sitzschalen leer. Und dennoch: Mehr Zuschauer beim Eisschnelllaufen gibt es in Deutschland nirgendwo. Hier schlägt das Herz dieses Sports – schwärmt Hubert Graf:

"Inzell ist ja seit 1959 Eisschnelllauf-Standort. Wir sind das erste Bundesleistungszentrum überhaupt in Deutschland, das 1965 gegründet wurde. Und bei uns hat Eislaufen eine so lange Tradition. Bei uns ist der Verein älter als die Deutsche Eisschnelllauf-Gemeinschaft." Hubert Graf

Die sportlichen Helden von Inzell: Erhard Keller, Annie Friesinger

Und der Verein ist stolz auf seine sportlichen Helden. Auf Erhard Keller, den Olympiasieger von 1972. Und natürlich auf Anni Friesinger die dreimalige Olympiasiegerin und sage und schreibe 16-fache Weltmeisterin. Sie genießt das Großereignis in ihrer Heimat vor Ort:

"Ich bin in Inzell aufgewachsen, ich bin ein Kind dieser Eisbahn. Ich habe die ersten Schritte auf diesem Eis gemacht. Die aktive Zeit mit Wettkämpfen in der Halle habe ich nicht mehr mitgemacht. Da kam mir dann die Knie-OP dazwischen. Es ist schön, immer wieder toll." Annie Friesinger

Anni Friesinger ist in Deutschland ein Star, Sebastian Timmerman in seinem Heimatland,  in den Niederlanden. Dort ist Eisschnelllaufen so populär wie Fußball. Und Sebastian Timmerman ist die Stimme dieses Volkssports im niederländischen Radio NOS. Seine Reportagen sind berühmt. Und in Inzell ist er natürlich Stammgast:

"Für mich ist es das fünfte oder sechste Mal glaube ich. Zwei Weltmeisterschaften 2005 und 2011 und drei oder viermal den Weltcup." Sebastian Timmermann

Während der WM ist die ganze Eisschnelllauf-Community in Inzell

Er kommt sehr gern in die Chiemgauer Alpen: "Die Eisschnelllauf-Community ist hier. Alle sind hier zusammen. Es ist rührig hier. Es ist besser als in einer großen Stadt, als in Berlin."

Der Radioreporter ist einer von rund 2.000 Niederländern, die am WM-Wochenende nach Inzell gekommen sind. Man erkennt sie an den Jacken in Orange und an ihrer guten Laune:

"Inzell ist sehr populär bei den Holländern. Es ist nicht so weit aus den Niederlanden. 900 oder 1.000 Kilometer. Das ist mit dem Auto oder Flugzeug nach Salzburg kein Problem. Der pure Wintersport, mit dem Schnee wie in diesem Jahr. Das ist nicht möglich in den Niederlanden." Sebastian Timmermann

In Inzell kann man auch im Sommer trainieren

Auch die Sportler sind sehr gern in Inzell. Hier kann man auch im Sommer in der Halle auf Eis trainieren. Und jetzt bei der WM genießen vor allem die deutschen Starter den Heimvorteil – wie der WM-Zweite im Sprint, Nico Ihle aus Chemnitz:

"Du kennst die Bahn, hast keine Zeitanpassungen, keine langen Reisen. Mit der Umgebung bist Du vertraut. Das macht schon viel aus, man hat schon einen Heimvorteil. Auf jeden Fall." Nico Ihle

Aber – die sportlich erfolgreichen Zeiten einer Anni Friesinger oder einer Gunda Niemann-Stirnemann sind längst vorbei. Es fehlt an Nachwuchs. Viele hoffen, dass der echte bayerische Winter Kinder und Jugendliche wieder zum Eislaufen in die Vereine bringt. Aber Hubert Graf, der Eislauf-Papst des hiesigen DSC Frillensee von Inzell, schüttelt den Kopf:

"Eigentlich ist es umgekehrt. Wenn wir schlechte Winter haben, kommen noch mehr ins Eisstadion. Weil an den Wochenenden, wenn es regnet und zu wenig Schnee ist, kommen die zum Eislaufen. Aber ich muss sagen, wir haben im Verein immer jährlich Zuwachs bekommen. Wir haben im Verein jetzt 767 Mitglieder und wir haben einen starken Aufwuchs beim Publikumslauf. Der ist jetzt nicht mehr im Eishockey-Stadion, sondern auf der 400-Meter-Bahn." Hubert Graf

Die berühmteste Inzeller Eisläuferin Anni Friesinger jedenfalls schickt ihren eigenen Nachwuchs aufs Eis. Sie ist mit dem früheren niederländischen Topläufer Ids Postma verheiratet: "Die Kinder haben ja auch das Eisfieber von uns beiden und die bringen wir morgen mit."

Und vielleicht starten sie ja bei der nächsten Eisschnelllauf-WM in Inzell. Denn die kommt bestimmt.