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Kandidaten-Check: Wer wird Nachfolger von Kovac beim FC Bayern? | BR24

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Die Tage der Spekulationen haben begonnen: Wer wird beim FC Bayern München Trainer-Nachfolger von Niko Kovac? Eine Einschätzung von BR-Sportreporter Taufig Khalil zu den gehandelten Erik ten Hag, Massimiliano Allegri, José Mourinho und Ralf Rangnick.

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Kandidaten-Check: Wer wird Nachfolger von Kovac beim FC Bayern?

Schnappatmung in der Fußballwelt: Nach der Trennung von Niko Kovac ist beim FC Bayern München eine der begehrtesten, gleichzeitig aber auch heikelsten Trainerstühle frei. Kandidaten werden einige gehandelt. Wer hat das Zeug für den Rekordmeister?

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"Ich erwarte jetzt von unseren Spielern eine positive Entwicklung und absoluten Leistungswillen, damit wir unsere Ziele für diese Saison erreichen." Wer hat's gesagt? Offenbar gehen dem Pressemitteilungs-Baukasten des FC Bayern München so langsam die Phrasen aus. Sportdirektor Hasan Salihamidzic wird so in der jüngsten Verkündung der Münchner nach der Trennung von Niko Kovac zitiert.

Mit identischen Worten hatte vor rund zwei Jahren schon Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge die Mannschaft in die Pflicht genommen. Damals, im September 2017, hatte sich der Klub vom italienischen Coach Carlo Ancelotti getrennt.

Ein Zitat, das vom eigentlichen Kern der Bayern-Hauptaufgabe in den kommenden Tagen ablenkt. Natürlich muss die Mannschaft weiter Fußball spielen, erfolgreich und schön anzuschauen am besten noch. Aber wer sorgt als Chef-Dirigent für den harmonischen Klang des Orchesters?

Hans-Dieter "Hansi" Flick - die Interimslösung

Als Ancelotti 2017 gehen musste, übernahm William "Willy" Sagnol als Interimscoach. Nur ein Spiel (2:2 gegen Berlin) und zehn Tage durfte Sagnol bleiben, dann kam Josef "Jupp" Heynckes noch einmal aus dem Ruhestand zurück - obwohl auf der Kandidatenliste prominente Namen wie Thomas Tuchel und Julian Nagelsmann standen.

Flick dürfte ein ähnliches Schicksal wie der Franzose vor sich haben. Den FC Bayern einige Tage in ruhige Fahrwasser bringen und dann wieder in die zweite Reihe zurücktreten. Denn obwohl er neben Joachim Löw als Mitarchitekt des WM-Erfolgs 2014 gilt, sind seine Erfolge als Trainer doch überschaubar.

Abstieg aus der Oberliga Baden-Württemberg mit dem FC Victoria Bammental, Entlassung bei 1899 Hoffenheim nach mehrmalig verpasstem Aufstieg in die 2. Bundesliga, Co-Trainer in Salzburg unter Giovanni Trapattoni mit Lothar Matthäus.

BR24-Sport-Einschätzung: Flick hat die Aura eines Fußballkenners und Weltmeister-Machers, als Dauerlösung ist der gebürtige Heidelberger trotz Stallgeruch - er spielte von 1985 bis 1990 für die Bayern - keine ernst zu nehmende Option. Wahrscheinlicher ist sogar das Sagnol-Schicksal: Bringt der neue Coach einen eigenen Stab mit, könnte Flick bei den Bayern sogar komplett aus dem Team verschwinden.

Erik ten Hag - der "Newcomer" aus den Niederlanden

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Erik ten Hag

Der Name Erik ten Hag steht derzeit in allen Kandidaten-Listen weit oben. Warum? Auch seine Trainer-Vita liest sich überschaubar. Co-Trainer-Stationen in Enschede und Eindhoven, erste Chef-Anstellung beim niederländischen Zweitligisten Deventer, dann zwei Jahre in der Regionalliga Bayern bei der 2. Mannschaft der Münchner. Nach einem weiteren Zwei-Jahres-Gastspiel in Utrecht ging Ten Hags Trainerstern erst 2017 auf. Mit den Nobodys von Ajax Amsterdam stürmte er in der Champions League 2018/19 überraschend bis ins Halbfinale, in den Niederlanden gewann er Meisterschaft und Pokal.

Ten Hag verlängerte seinen Vertrag in Amsterdam erst im Juni. Was die Wechsel- Spekulationen trotzdem forciert: In einem TV-Interview sagte Ajax-Sportdirektor Marc Overmars, dass man sich beim Interesse großer Klubs nicht querstellen werde. "Man muss doch realistisch sein. Wenn solche großen Vereine auf einen zukommen, dann werden wir uns das immer anschauen", so Overmars.

BR24-Sport-Einschätzung: Ten Hag ist ein Trainer nach dem Gusto der Bayern-Bosse. Er steht für attraktiven Angriffsfußball der niederländischen 4-3-3-Schule, die trotz aller System-Versuche bei den Bayern ja irgendwie immer noch mit Nuancen gespielt wird - seit der Ära Louis van Gaal (2009-2011). Fraglich bleibt aber, ob die Bayern schon wieder Lust auf Experimente haben. Nach dem 48-jährigen Kovac mit bis dahin überschaubaren Erfolgen (ein Pokalsieg mit Frankfurt) der 49-jährige Ten Hag, der seinen Amsterdam-Lauf erst einmal nach München bringen müsste? Unwahrscheinlich. Außerdem erklärte der Niederländer jetzt vor einem Champions-League-Spiel seines aktuellen Vereins, er werde mindestens bis zum Sommer bei Ajax Amsterdam bleiben.

Allegri, Mourinho, Wenger - die internationale Elite

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Massimiliano Allegri

Logisch, dass bei einem selbsternannten Weltklub wie dem FC Bayern München in seiner aktuellen Situation die Namen der derzeit verfügbaren Toptrainer Europas auftauchen. Bei den Wettanbietern steht der Italiener Massimiliano Allegri hinter Ten Hag auf Platz zwei. Allegri coachte bis 2019 Juventus Turin und kündigte danach ein Sabbatjahr an. Der Portugiese José Mourinho paukt nach eigener Aussage seit Monaten deutsch, um für alles gewappnet zu sein. Fließend deutsch spricht der Franzose Arsène Wenger, über Dekaden Coach beim FC Arsenal. Der 70-Jährige, Typ Jupp Heyckes, käme aber wohl nur als Notlösung in Frage.

BR24-Sport-Einschätzung: Der FC Bayern wagt mitten in der Saison keine Experimente. Allegri fällt wohl mangels Deutsch-Kenntnissen flach, zu durchwachsen verliefen die Versuche mit italienischen Trainern (Giovanni Trapattoni, Carlo Ancelotti) in der Vergangenheit. Mourinho würde dem FC Bayern zwar wieder ein Flair wie einst unter Pep Guardiola verleihen. Aber der Portugiese, das in der Selbsteinschätzung Größte aller Alphatiere, als Angestellter in einem Verein unter den nicht minder dominanten Uli Hoeneß und Karl-Heinz Rummenigge? Undenkbar.

Tuchel, Nagelsmann, Rangnick - die deutschen Toptrainer

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Ralf Rangnick

Thomas Tuchel und Julian Nagelsmann galten vor zwei Jahren schon als Kandidaten. Beide sind aber fest im Sattel bei ihren Klubs Paris und Leipzig und planen dort langfristig. Verfügbar von den deutschen Toptrainern sind derzeit nur wenige. Ralf Rangnick wäre noch am ehesten ein Kandidat. Der hatte sich in den vergangenen Jahren zwar mehr und mehr in Sportdirektor-Jobs zurückgezogen. In der vergangenen Saison etablierte er aber attraktiven Offensivfußball bei RB Leipzig und führte die Sachsen in die Champions League.

BR24-Sport-Einschätzung: Die Bayern werden keine aussichtslosen Abwerbeversuche starten. Weder Tuchel noch Nagelsmann sind Optionen. Und auch Rangnick nicht. Der ist seit Juli wieder im Management bei Red Bull und "Head of Sport and Development Soccer" für alle Teams des Konzerns. Dass er noch einmal eine Mannschaft trainiert, scheint ausgeschlossen. Tuchel hat nun auch signalisiert, dass er kein Interesse an einem Wechsel hat.

Das Bayern-Dilemma: Den idealen Trainer gibt es nicht

Die Trainersuche beim FC Bayern München könnte sich also hinziehen. So richtig geeignet erscheint keiner der derzeit kursierenden Kandidaten - auch wenn der Verein nach Medienberichten bereits Kontakt zu Erik ten Hag aufgenommen hat. Doch für den komme nur ein Wechsel in der Sommerpause in Frage.

BR24-Sport-Einschätzung: Die Münchner werden sich wohl mit einer Interimslösung durch die Saison hangeln. Das Flick-Engagement kündigte der Rekordmeister "bis auf Weiteres" an, nannte aber gleichzeitig nur die nächsten beiden Spiele gegen Olympiakos Piräus (Champions League) und Borussia Dortmund (Bundesliga).

Hat Flick Erfolg, könnten es die Münchner mit ihm auch als Dauerlösung bis zum Saisonende versuchen. Aber eine Interimslösung über einen so langen Zeitraum als Chefcoach - das gab es beim deutschen Rekordmeister bisher noch nie.

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Video: BR-Sportreporter Dominik Vischer ordnet das Aus von Niko Kovac beim FC Bayern München ein: Aus seiner Sicht hat der Trainer insbesondere den "Rückhalt von den Bossen nicht mehr gespürt".