10.03.2023, Bayern, Nürnberg: Eishockey: DEL, Nürnberg Ice Tigers - Pinguins Bremerhaven, Meisterschaftsrunde, 1. Runde, 2. Spieltag, Arena Nürnberger Versicherung. Der Nürnberger Kapitän Patrick Reimer beendet nach seinem 1069. DEL-Spiel seine Karriere und verabschiedet sich von den Nürnberger Fans.
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Nürnberg Ice Tigers - Pinguins Bremerhaven

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DEL: Patrick Reimer – Abschied einer deutschen Eishockey-Legende

Vorbei, die Abschiedssaison von Patrick Reimer! Nach fast 20 Jahren hängt der Kapitän der Nürnberg Ice Tigers nun seine Schlittschuhe an den Nagel. Gefeiert in den Stadien freut sich der 40-Jährige auf mehr Zeit mit der Familie und auf neue Aufgaben.

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Egal, in welchem Stadion Patrick Reimer auf seiner Abschiedstour durch die Deutsche Eishockey Liga (DEL) seit seiner Ankündigung, seine Profikarriere nach der Saison zu beenden, auf dem Eis aufgelaufen ist: Der Kapitän der Nürnberg Ice Tigers wurde gefeiert. Das hat sicher damit zu tun, dass der 40-Jährige trotz aller Rekorde und der olympischen Silbermedaille, die er gewonnen hat, nie überheblich, immer fair und nahbar wirkte. Reimer ist kein Lautsprecher, hat aber einiges zu sagen und gilt jetzt schon als Eishockey-Legende.

"Linke Hände im Handwerk" – mit hartem Rechtsschuss

Mit dem Schlittschuhlaufen angefangen hat er mit drei Jahren. Wie er in einem Interview erzählte, hatte er das seinem größeren Bruder Tobias zu verdanken, dem der jüngere nacheifern wollte. Der dritte und jüngste Reimer im Bunde, Jochen, wurde auch Eishockeyspieler, ging aber lieber ins Tor. Tobias, so Patrick sei handwerklich der geschickteste, wogegen er und Jochen eher "linke Hände" im Handwerk hätten – im Eishockey war es ganz sicher anders herum, sonst hätten der Rechtsschütze Patrick und Goalie Jochen wohl nie die Gelegenheit bekommen, als Profis bei den Nürnberg Ice Tigers gemeinsam auf dem Eis zu stehen.

Patrick Reimer nach dem DEL-Spiel Nürnberg Ice Tigers - Pinguins Bremerhaven
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Patrick Reimer nach dem DEL-Spiel Nürnberg Ice Tigers - Pinguins Bremerhaven

Düsseldorf und Nürnberg

Dass Patrick Reimer gern als bodenständig bezeichnet wird, liegt auch daran, dass er in 20 Jahren DEL zwei Teams treu geblieben ist: der Düsseldorfer EG und den Nürnberg Ice Tigers. Im Dezember 2003 debütierte Reimer für die Rheinländer in der DEL. Mit Thomas Jörg und Florian Jung bildete er die Sturmreihe der "jungen Wilden". Ab der Saison 2008/09 stürmte er dann an der Seite von Daniel Kreutzer und Rob Collins zur Vizemeisterschaft. Wie sehr die Düsseldorfer ihn noch immer schätzen, bewiesen sie beim letzten Spiel von Reimer in der Rheinmetropole, als sie ihn lange und ausführlich feierten, was Reimer auch in seinem Instagram-Account – sozusagen sprachlos – kommentierte:

Nach acht Jahren in Düsseldorf wechselte Reimer an die Noris. Und auch hier sorgte die Nummer 17 – die in Nürnberg nun nicht mehr vergeben wird – gleich in der ersten Saison 2012/13 an der Seite von Stanley-Cup Sieger Steven Reinprecht und dem damaligen Jungspund Yasin Ehliz für Furore im Sturm. Ein Highlight gleich zu Beginn in Nürnberg: Das erste Wintergame im Max-Morlock-Stadion vor 50.000 begeisterten Zuschauern.

Rekorde über Rekorde und olympisches Silber

Der erfolgreichste Torschütze der DEL-Geschichte holte sich am 24. November 2021 mit 798 erzielten Punkten den Scorerrekord der Liga, mittlerweile ist er bei 858 (Stand 09.03.23) angelangt. Als siebter Spieler knackte er die 1.000-Spiele-Marke der DEL, im Moment sind es 1.067. Dreimal wurde er zum Spieler des Jahres in der DEL gekürt – so oft wie kein anderer. Und natürlich ist er auch in Nürnberg unangefochtener DEL-Rekordspieler.

Beim Blick zurück sticht selbstverständlich das Olympiafinale 2018 mit dem Gewinn der Silbermedaille für Reimer heraus: "So was ist nicht vielen Menschen vergönnt, gerade einem deutschen Eishockeyspieler nicht wirklich". Sein Siegtor in der Verlängerung des Viertelfinales gegen Schweden zählt er deshalb zu seinen schönsten und wichtigsten, auch das 2:0 zum "ersten Sieg gegen Russland bei einer WM" 2011. Und: "das letzte Tor an der Brehmstraße". In Halbfinale 2006 erzielte Reimer im Trikot der Düsseldorfer EG das 5:3 im entscheidenden fünften Duell mit den Kölner Haien. Das Finale ging dann verloren. Auch mit den Ice Tigers schaffte es Reimer nie zum Titel, aber das kümmert ihn wenig. "Ich bin sehr zufrieden mit meiner Karriere".

"Früher war mehr Gerumpel"

Denkt Reimer an seine Anfänge, dann resümiert er heute "früher war mehr Gerumpel". Im Vergleich hätten viele jungen Spieler heute schon ein ganz anderes Bewusstsein, was Training, ihre Einstellung und auch die Ernährung angehe. Und natürlich werde das Training heute individuell gestaltet, die Ausbildung der Jugendspieler sei taktisch und läuferisch stark verbessert. Ob er selbst gern als Trainer arbeiten würde? Er hat den C-Trainerschein in der Tasche, aber eigentlich will er im Sommer erstmal die Zeit mit seiner Familie genießen. Dennoch kann sich Reimer eine Karriere im Eishockey nach der auf dem Eis "vorstellen". Auch der Deutsche Eishockey-Bund (DEB) hat schon Interesse signalisiert. Aber für Reimer gilt: "Erst mal den Kopf frei bekommen und dann mit voller Energie ins neue Leben starten."

SVE-Mitbegründer: Einsatz für die Rechte der Eishockeyspieler

Weitermachen will er auf jeden Fall bei der Spielervereinigung Eishockey (SVE). Gemeinsam mit Moritz Müller von den Kölner Haien ist Reimer einer der Mitbegründer und geschäftsführender Vorstand der Spielervereinigung Eishockey (SVE), die sie während der Corona-Pause im Sommer 2020 mit initiierten. Die SEV versucht die Position der Spieler im deutschen Eishockey zu stärken und als Gesprächspartner bei der Entwicklung des Sports mitzuhelfen. Themen, bei denen sich die SVE engagiert, sind unter anderem die Ausbildung der Jugend und die U23-Regel in der deutschen Eishockeyliga.

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Zum letzten Heimspiel der Saison: das komplette Nürnberg Ice Tigers-Team mit dem "Patrick-Reimer-Gedächtnisbart"

Der Bart kommt noch lange nicht ab

Sicher ist außerdem, dass sein jetzt schon legendärer Bart erstmal nicht abkommt. Dass der überhaupt so lang wurde, hat auch primär nichts mit der schönsten Zeit im Eishockey zu tun. Obwohl es Usus ist, ihn während der Play-Offs stehen zu lassen. Vielmehr hat der Allgäuer ihn schon für die Zeit nach der aktiven Karriere "gezüchtet". Denn im Sommer wartet in Mindelheim das mittelalterliche Frundsbergfest auf den 40-Jährigen. Auf dem Fest wird der traditionsbewusste Reimer als Landsknecht im Einsatz sein – der Bart kommt erst danach ab, wie er im Kicker-Interview erklärte. Dann will er mehr Zeit für Frau Anja und die zwei KInder haben. Spannend wird, ob ihn dann seine Tochter überhaupt noch erkennt, denn die kennt den Papa eigentlich nur mit Rauschebart – aber dann steht eben eine neue Zeit an. Und für die kann man Patrick Reimer nur das Beste wünschen.

Eishockeyspieler Patrick Reimer und Sohn
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Eishockeyspieler Patrick Reimer und Sohn

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