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Thomas Hitzlsperger
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BR24 Redaktion
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Thomas Hitzlsperger

Hitzlsperger machte seine Homosexualität am 8. Januar 2014 öffentlich – nach seiner Karriere. Das Thema sexuelle Vielfalt sei heute nicht mehr so stark tabuisiert wie noch vor fünf Jahren, sagte Hitzlsperger nun im Interview mit der ARD-Radio-Recherche Sport. Der 36-jährige Ex-Nationalspieler glaubt, dass es im Profisport insgesamt "viele Fortschritte, was das Thema Diskriminierung, Vorbehalte, Toleranz angeht", gegeben hat.

Hitzlsperger: "Zeit ist bereit für Coming-Out im Fußball"

"Es gibt glaube ich jetzt eine ganz andere Gesprächsebene", so Hitzlsperger. Deshalb sei die Zeit durchaus bereit für ein Coming-Out im Profi-Fußball. Explizit erwähnt er dabei auch das Bemühen des Deutschen Fußball-Bundes im Kampf gegen Diskriminierung.

Fans und homosexuelle Spieler

Hitzlsperger ermutigt im Gespräch mit der ARD-Radio-Recherche Sport aktive Spieler, sich zu ihrer sexuellen Orientierung zu bekennen. Seine eigenen Erfahrungen seien so positiv gewesen, dass sich im Nachhinein Bedenken, auch aus seinem persönlichen Umfeld, als falsch erwiesen hätten. Der heutige Leiter des Nachwuchsleistungszentrums beim VfB Stuttgart widerspricht auch der weit verbreiteten Ansicht, die Fans in den Stadien könnten negativ auf homosexuelle Spieler reagieren.

"Ich glaube, dass die Fankurven definitiv nicht das Problem sind, dass die Fußball-Fans viel aufgeklärter, viel aufgeschlossener sind. Beleidigungen gibt’s immer im Alltag. Aber grundsätzlich: Spieler, die mit dem Gedanken spielen, sich zu outen, haben von den Fans nicht soviel zu befürchten. Das sind viele Befürchtungen, die nur in den Köpfen einiger existieren, die aber nicht real sind." Thomas Hitzlsperger

Die Problematik sei, dass die Menschen Ratgeber und Berater um sich herum haben, die auch davon abraten. Die Erfahrung habe ich auch gemacht. Die meisten dachten, das geht nicht gut. Man muss da auf seine eigene Stimme hören", so Hitzlsperger.

Es gehe darum, ein "breites Kreuz" zu haben: "Mit Beleidigungen und Beschimpfungen muss jeder Spieler umgehen können", meint der gebürtige Münchner und plädiert an alle Beteiligten: "Arbeitet nicht immer mit den Ängsten und sagt den Leuten, was alles sein könnte – nein, das ist genau das falsche Signal. Alle Menschen, die in der Öffentlichkeit stehen, sollten ermutigende Worte sprechen."

Peter Fischer: "Die Zeit dafür ist noch nicht reif."

Peter Fischer: "Die Zeit dafür ist noch nicht reif."

Frankfurts Präsident Fischer rät von "Coming Out" ab

Eine Haltung, wie sie der Präsident von Eintracht Frankfurt, Peter Fischer, nach außen transportiert, kritisiert Hitzlsperger explizit. Fischer, der als sehr progressiv und liberal gilt, erklärte im Interview mit der ARD-Radio-Recherche Sport zwar, dass er einen Spieler seiner Mannschaft, der sich geoutet hat, unterstützen würde, gleichzeitig riet er aber von diesem Schritt ab: "Proaktiv zu sagen: 'Mach das jetzt endlich, wir brauchen jetzt mal einen', das würde ich nicht tun", sagt er. "Dafür ist die Zeit heute nicht reif."

"Ich würde heute sagen – und dafür muss man sich einfach schämen und dafür schäme ich mich für die Gesellschaft: Wenn jemand zu mir kommt, ein junger Sportler mit 24 oder 25 Jahren, so mitten in seiner Karriere und ob ich ihm das raten würde, und wenn ich dann ganz tief in mich hinein schauen würde, müsste ich im Prinzip auch nein sagen." Peter Fischer, Präsident von Eintracht Frankfurt

Thomas Hitzlsperger: "Arbeitet nicht mit den Ängsten"

Thomas Hitzlsperger: "Arbeitet nicht mit den Ängsten"

Hitzlsperger hält Fischers Einschätzung für "das falsche Signal". "Ich kann nur sagen: ,Arbeitet nicht immer mit den Ängsten!‘", erklärt der Ex-Nationalspieler im Interview mit ARD-Radio-Recherche Sport. "Alle Menschen, die in der Öffentlichkeit stehen, sollten ermutigende Worte sprechen. Ich würde mir da einen positiveren Ansatz wünschen. Also, da muss man vielleicht auch noch ein wenig Aufklärungsarbeit leisten."

FC Bayern widerspricht Fanklub

Auch die 24 homosexuellen Fanklubs in Deutschland kämpfen um Anerkennung. In einer Umfrage der ARD-Radio Recherche-Sport zeichnet sich ein unterschiedliches Bild an Unterstützung durch die Vereine: So äußerten sich Fanclubs von Eintracht Frankfurt, dem Hamburger SV, Werder Bremen und dem 1.FC Köln positiv zur Zusammenarbeit. Kritik kommt dagegen von Fanklubs des FC Bayern München und dem 1.FC Nürnberg.

Fanklub-Chef Marcus Janke: "Bayern müsste klare Kante zeigen"

Fanklub-Chef Marcus Janke: "Bayern müsste klare Kante zeigen"

Der Fanklub "QUERPASS Bayern" vermisst bei seinem Verein eine klare Positionierung gegen Homophobie. Was auch bedeuten würde, das Sponsoring mit und durch Katar zu beenden, wo Homosexualität verboten ist. Die Vorwürfe der Nürnberger "Norisbengel" lauten unter anderem: Keine Unterstützung vom Club für die Ausrichtung des QFF-Treffens 2014 und keine Reaktion auf eine Anfrage bei der Stadion-Zeitung für einen Bericht zum fünfjährigen Jubiläum des Fanklubs.

"Ich denke, das Thema Homophobie ist erst dann kein Thema, wenn wir nicht mehr drüber reden müssen. So lange ist es ein Thema." Marcus Janke, QUERPASS Bayern

Beide Vereine, der FC Bayern und der 1. FC Nürnberg, weisen die Kritik zurück. In einer schriftlichen Erklärung verweisen sie darauf, dass sie die Fanklubs sehr wohl unterstützen würden und sich darüber hinaus auch klar gegen Diskriminierung im Fußball positioniert hätten. Hier besteht offensichtlich Klärungsbedarf.

Breitensport weiter als Profisport

Im Breitensport sei man beim Thema Homosexualität bereits weiter als im Profibereich, meint Jermaine Greene, Kreisliga-Spieler und gleichzeitig Fanbeauftragter bei Werder Bremen. Er hat sich in seinem Fußballverein und bei Werder schon geoutet, macht seine Homosexualität im Interview mit der ARD-Radio-Recherche Sport jetzt erstmals öffentlich.

Greene hat auf sein Coming Out nur positive Reaktionen bekommen. Trotzdem kann er es sehr gut nachvollziehen, warum homosexuelle Bundesliga-Fußballer nicht damit an die Öffentlichkeit gehen.

"Bundesliga-Fußballer haben viel mehr Druck. Druck von außen, Druck, den sie sich selbst auferlegen. Es gibt ein gewisses Bild, ein gewisses Rollenbild vom klassischen Fußballspieler und ich glaube auch, dass ganz viele dem entsprechen wollen. Bei mir war es ja auch so. Ich glaube, dass es irgendwann entspannter wird. Wann? Keine Ahnung." Jermaine Green, Kreisliga-Spieler

Ex-Fußballer Thomas Hitzlsperger

Ex-Fußballer Thomas Hitzlsperger

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B5 Sport vom 08.01.2019 - 05:01 Uhr