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Die Suche nach dem Neuen ist angelaufen. Viele Namen werden diskutiert. In alle Richtungen. Aber wer ist letztlich wirklich geeignet, als neuer Bundestrainer zu fungieren?

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Bundestrainer-Casting: Wer passt am besten zum DFB?

Wer ist der geeignetste Nachfolger von Joachim Löw als Bundestrainer? Welches langfristige Konzept verfolgt der Deutsche Fußball Bund (DFB) und welcher Trainer könnte gut dazu passen? Eine Einschätzung von BR Sport.

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Von
  • Wolfram Porr

Beim DFB spricht man schon seit einigen Jahren gerne von einem Konzept, das sich durch alle Auswahlmannschaften - von den Jugendauswahlteams bis hin zur A-Nationalmannschaft - ziehen soll.

Nach niederländischem Vorbild, wo alle Teams ein offensives 4-3-3-System mit schnellen Außenstürmern praktizieren, sollen auch die deutschen Teams eine gemeinsame Spielphilosophie haben.

Doch wie sieht die aus? Und welcher der potenziellen Kandidaten für die Nachfolge von Joachim Löw passt am besten dazu?

Ballbesitzfußball vs. Umschaltspiel

Grundsätzlich stehen sich im Fußball derzeit zwei grundlegend unterschiedliche Spielstrategien gegenüber: Auf der einen Seite ist da der Ballbesitzfußball, den die spanische Nationalmannschaft zwischen 2008 bis 2013 in Perfektion zeigte und mit dem sie in dieser Zeit Weltmeister (2010) und zweimal Europameister (2008, 2012) wurde.

"Tiki-Taka" und Automatismen

Der damalige spanische Nationaltrainer Vicente del Bosque ließ diese dominante Variante spielen, die zuvor auch schon bei Spaniens Topklubs FC Barcelona (Stichwort: "Tiki-Taka") und Real Madrid erfolgreich war. In Deutschland war es vor allem der FC Bayern, der Ballbesitz bevorzugte, international auch der FC Arsenal unter seinem französischen Trainer Arsène Wenger. Heute steht vor allem der frühere Barcelona-Profi Pep Guardiola (Manchester City) für diesen Ansatz.

Der Ballbesitzfußball basiert laut der Fußballtrainerplattform Coachbetter darauf, "lange am Ball zu bleiben und durch permanentes Passspiel Räume für planvolle Angriffe zu öffnen", um dann mit einstudierten Varianten (Trainersprech: "Automatismen") zum Erfolg zu kommen.

Pressing und der kurze Weg zum Tor

Der Gegenentwurf ist das sogenannte Umschaltspiel. Hier geht es darum, vorhandene Räume durch die Unordnung des Gegners bei dessen Ballverlust auszunutzen. Die eigene Mannschaft schaltet schnell um und versucht, den Ball in kürzester Zeit vor das gegnerische Tor zu bringen. Hier ist häufig von "vertikalen Pässen in die Schnittstelle der Abwehr" die Rede. Gelingt das schnelle Umschalten, öffnen sich im Idealfall Räume, in die die Angreifer stoßen können.

Für ein effektives Umschaltspiel wird der Gegner durch Pressing früh unter Druck gesetzt, um Ballverluste zu provozieren. Je kürzer der Weg dann zum gegnerischen Tor ist, desto besser.

Neben Jürgen Klopp lassen aktuell auch Leipzigs Julian Nagelsmann oder Thomas Tuchel (FC Chelsea) so spielen, wenn es der Gegner zulässt. Nachteil dieser Variante: Gegner, die sich selber zurückziehen, defensiv stehen und mit langen Bällen agieren, sind mit Umschaltspiel kaum zu knacken.

Bei der WM 2018 stieß Löws System an seine Grenzen

Die deutsche Fußball-Nationalmannschaft unter Joachim Löw stand viele Jahre für dominanten Ballbesitzfußball. Das ging lange gut, diverse WM- und EM-Qualifikationen beherrschte die DFB-Auswahl mit diesem Spielstil und auch der WM-Triumph 2014 resultierte daraus.

Doch spätestens bei der WM 2018 in Russland, als Deutschland in der Vorrunde ausschied, stieß diese Spielphilosophie an ihre Grenzen, und das sogar gegen vermeintlich schwächere Nationalteams wie Mexiko und Südkorea.

Danach verabschiedete sich Löw mehr und mehr von dieser Spielidee. Der Schwerpunkt lag und liegt aber auch weiterhin auf der Offensive.

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Ralf Rangnick als Trainer des VfB Stuttgart mit Taktiktafel

Vier Kandidaten - was bekommt der DFB von wem?

Aber wofür stehen Löws gehandelte Nachfolger? Was würde der DFB von welchem Trainer bekommen? Während Jürgen Klopp (der bereits abgesagt hat) und Ralf Rangnick ganz eindeutig für modernes Umschaltspiel mit frühem Pressing stehen, liegt die Sache bei Hansi Flick und Stefan Kuntz etwas anders.

Klopp feierte beim BVB und auch beim FC Liverpool mit aggressivem, hohen Pressing und blitzartigen Gegenangriffen große Erfolge. Von Ralf Rangnick, der zuletzt RB Leipzig in der Bundesliga trainierte und "im Moment frei" sei, wie er am Mittwochabend bei Sky betonte, weiß man, dass er die russische Trainerlegende Walerij Lobanowskyj (Dynamo Kiew) verehrt und sich dessen Ideen zu eigen machte.

Lobanowskyj gilt als der Trainer, der das Forechecking oder Pressing einführte und durch geschicktes Verschieben überall auf dem Platz Überzahlsituationen schuf. Der Visionär und oft als "Professor" verspottete Rangnick ließ dies auf all seinen Stationen ebenfalls praktizieren und sorgte vor allem mit der TSG 1899 Hoffenheim sowie mit RB Leipzig für Furore, auch wenn die ganz großen Erfolge ausblieben.

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Hansi Flick und seine Pokale als Bayern-Trainer

Flicks Flexibilität

Hansi Flick, aktueller Erfolgstrainer des FC Bayern München, trug als Co-Trainer von Jogi Löw bei der Nationalmannschaft dessen Spielprinzip mit. Beim FC Bayern muss er flexibler sein und seine Taktik an die Gegebenheiten anpassen. Der 56-Jährige lässt offensiv spielen und versucht, Spielsysteme zu variieren. Gerade gegen München rühren die Gegner gerne mal Beton an - da hilft dann kein Umschaltspiel. Vielmehr ist dann bei viel Ballbesitz Kreativität und Flexibilität gefragt.

Das könnte auch zum DFB passen, wobei Flick schon angedeutet hat, dass auch er die eine oder andere Veränderung im Verband als notwendig erachtet. Sein Weggang kam nicht von ungefähr.

Kuntz, der Kumpel-Kämpfertyp

Stefan Kuntz war schon als Spieler mehr der Kämpfertyp, ein Stürmer, der sich ins Getümmel schmiss und versuchte, den den Ball irgendwie über die Linie zu bekommen. Der 58-Jährige, der beim DFB nur das Büro wechseln müsste, steht also vor allem für Team- und Kampfgeist, hat sich aber auch taktisch zu einem vielseitigen Coach entwickelt, was er als Trainer der U21 unter Beweis stellt. Der Gewinn des EM-Titels 2017 spricht für ihn.

Kuntz hat seine Sicht auf die Dinge und hat sicher auch Ideen, gerade was die Nachwuchsarbeit angeht. Ob sein Standing im DFB ausreicht, um das auch durchzusetzen, müsste sich zeigen.

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Stefan Kuntz trainiert seit 2016 die deutsche U21

Wichtiges Kriterium: die menschliche Komponente

Auch die menschliche Komponente, Kommunikationsfähigkeit und andere "Soft Skills" könnten den Ausschlag geben, wen der DFB als Bundestrainer installiert. Die loyalen Stefan Kuntz und Hansi Flick könnten - auch wegen ihrer DFB-Vergangenheit - nahtlos an die Arbeit von Joachim Löw anknüpfen. Bei Jürgen Klopp und Ralf Rangnick müsste sich der Verband schon eher auf Veränderungen einstellen.

Christoph Daum, einst selbst als Bundestrainer im Gespräch, etwa glaubt, dass sich unter einem Bundestrainer Ralf Rangnick vieles im DFB verändern würde.

Daum: Rangnick nein, Flick und Kuntz ja

"Wenn man sich für Ralf Rangnick entscheidet, dann entscheidet man sich für einen Nationaltrainer, der das Heft des Handelns, den Generalschlüssel in die Hand bekommen will", sagt Daum: "Dann würde das für viele Personen beim DFB einen riesigen Einschnitt bedeuten."

"Bei so einem Amt spielen das Alter und die Erfahrung eine wichtige Rolle", so Daum weiter: "Man hat wenig Kontakt zur Mannschaft. Es gibt kaum Trainingszeit."

Der 67-Jährige kann sich daher Hansi Flick und Stefan Kuntz als Löw-Nachfolger vorstellen. "Er bringt alle Voraussetzungen mit, um so ein Amt zu übernehmen. Das wäre eine denkbare und gute Entscheidung", sagt Daum über Flick. Kuntz würde "für Aufbruch" und "für junge Spieler, die herangeführt werden müssen" stehen.