| BR24

 
 

Bild

Ein enttäuschter Thiago nach dem Spiel
© picture-alliance/dpa

Autoren

Bernd Eberwein
© picture-alliance/dpa

Ein enttäuschter Thiago nach dem Spiel

Der britische Guardian brachte es in wenigen Worten auf den Punkt und pickte sich exemplarisch einen alternden Bayernhelden heraus. "Ja, die Beweise lassen sich nicht widerlegen, dass Bayern sich auf dem absteigenden Ast befindet, wie es der Verfall des einst eindrucksvollen Franck Ribéry zeigt. Auch ist der 28-fache Bundesliga-Champion fade geworden, vielleicht als Folge seiner wiederholten Erfolge daheim", analysierte die Tageszeitung nach dem 1:3 der Münchner in der Champions League gegen den FC Liverpool.

Die Bayern richteten nach dem verdienten Aus den Blick schnell nach vorne. "Unser Ziel ist es, die zwei verbleibenden Wettbewerbe zu gewinnen", sagte Trainer Niko Kovac mit Blick auf Meisterschaft und DFB-Pokal. Realistische Ziele angesichts des edlen Bayern-Kaders und der Bundesliga-Konkurrenz, die eigentlich nur aus Borussia Dortmund besteht. Doch ganz egal, wie erfolgreich die Saison noch ausgeht: Um auch auf europäischer Ebene wieder ganz vorne mitspielen zu können, müssen die Bayern auf große Einkaufstour gehen. Aber auch taktisch hakte es gewaltig.

FC Bayern trainiert am Tag nach dem Aus in der Champions League gegen Liverpool

FC Bayern trainiert am Tag nach dem Aus in der Champions League gegen Liverpool

Dem Kader fehlt die Breite

Was die Bayern im vergangenen Jahrzehnt stark gemacht hat, entwickelt sich derzeit zur größten Schwäche des Rekordmeisters, wenn er auf einen taktisch disziplinierten Gegner trifft. Seit der Verpflichtung der Flügelspieler Frank Ribéry und Arjen Robben liegen die Stärken der Bayern, unterstützt von offensiven Verteidigern wie David Alaba und Joshua Kimmich oder ehemals Philipp Lahm, auf den Außenbahnen.

Die Karriere von Ribéry und Robben neigt sich dem Ende entgegen. Mit Kingsley Coman und Serge Gnabry stehen die potentiellen Nachfolger parat. Doch beide sind jung, brauchen sicher noch Zeit - und weitere Alternativen fehlen noch. Sieht man einmal vom Kanadier Alphonso Davies ab, der sich mit seinen 18 Jahren aber erst noch entwickeln muss. Bereits in der Winterpause hatte Sportdirektor Hasan Salihamidzic das Bayern-Interesse am englischen Flügelspieler Callum Hudson-Odoi geäußert. Vermutlich ist er nicht der einzige Spieler für die Außenbahn, den die Münchner im Auge haben.

Es fehlt ein Plan B

Auch im Mittelfeld zeigte das Spiel gegen Liverpool die elementaren Defizite des deutschen Rekordmeisters. Am ehesten erreichte noch Lenker Thiago einigermaßen Normalform. Von James Rodríguez war wenig bis gar nichts zu sehen. Die ordnende Hand, die in Halbzeit zwei auch einmal für eine Beschleunigung des Spiels hätte sorgen können, fehlte. Oder auch einfach mal nur ein Antreiber der Kategorie Stefan Effenberg oder Mark van Bommel. Thiago und James sind eben Künstler - die diesem Spiel nicht ihren Stempel aufdrücken konnten. Fast schon erschreckend das fehlende Aufbäumen der Bayern in Halbzeit zwei. Oder wie es BR-Sport-Reporter Thomas Klinger unmittelbar nach Spielende analysierte: Den Münchnern wurde "der Stecker gezogen".

Video: Die Einschätzung von BR-Sport-Reporter Thomas Klinger kurz nach Spielende

Video: Die Einschätzung von BR-Sport-Reporter Thomas Klinger kurz nach Spielende

Bezeichnend ein Kovac-Wechsel kurz vor Schluss: Für Kreativspieler James kam der bullige Renato Sanches, ein Abräumer. Der zwar mit seiner Geschwindigkeit punkten kann, aber bisher kein Mann für die öffnenden Pässe ist. Auch ein Leon Goretzka ist (noch) nicht der große Spielgestalter, die klassische "10", eigentlich ist es auch nicht seine Rolle. Wie stark Weltmeister Corentin Tolisso nach seiner langen Verletzung zurückkommt, ist unklar. Ob die Bayern ihre Fühler eher in Richtung "Künstler" oder "Antreiber" ausstrecken, ebenfalls.

Großumbau in der Defensive nötig

Auf dem Prüfstand steht auch die Bayern-Defensive. Nationaltorwart Manuel Neuer dürfte sicherlich noch ein paar Saisons vor sich haben. Unübersehbar ist aber, dass auch er nach seiner langen Verletzungspause weit entfernt ist von Form, die ihn zum mehrfachen Welttorhüter machte.

Wichtigere Baustellen sind die Verteidigerpositionen, sowohl außen wie auch innen. Der Brasilianer Rafinha hat gezeigt, dass es auch bei ihm - ähnlich wie bei Ribéry - im europäischen Hochgeschwindigkeitsfußball nicht mehr ganz reicht. Mit David Alaba und Joshua Kimmich haben die Münchner nur zwei europataugliche Außenverteidiger. Der Handlungsbedarf ist groß.

Und in der Innenverteidigung demonstrierte Mats Hummels unfreiwillig, warum Bundestrainer Joachim Löw nicht mehr auf ihn setzt. Beim 1:2 sprang er gemeinsam mit Javi Martínez (auch ihm fehlt derzeit der frühere Nimbus des Unfehlbaren) nicht hoch genug, auch beim 1:3 war sein Gegenspieler enteilt. Mit Niklas Süle haben sich die Münchnern schon einen Innenverteidiger mit Zukunft gesichert, dazu kommt aus Stuttgart Weltmeister Benjamin Pavard. Gut möglich, dass nach dem Liverpool-Spiel auch dessen schon oft gehandelter Nationalmannschaftskollege Lucas Hernández von Atlético Madrid wieder weit oben auf dem bayerischen Einkaufszettel steht.

Autoren

Bernd Eberwein

Sendung

B5 Sport vom 14.03.2019 - 08:55 Uhr