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Auf der Überholspur - die Reise des Jamal Musiala | BR24

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Jamal Musiala

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    Auf der Überholspur - die Reise des Jamal Musiala

    Als jüngster Bundesliga-Torschütze in der Geschichte des FC Bayern München hat sich Jamal Musiala in die Geschichtsbücher des deutschen Rekordmeisters verewigt. Der 17-Jährige gilt als Versprechen für die Zukunft.

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    München, Arena, 20. Juni 2020: Die Bundesliga-Saison 19/20 ist auf der Zielgeraden und der FC Bayern auf Triple-Kurs. In der 88. Spielminute steht ein Wechsel an. Thomas Müller verlässt den Platz und klatscht mit Bayerns Nummer 42 ab. Viele Fans reiben sich verwundert die Augen - wer ist diese Nummer 42? Dies ist der Moment, in dem Jamal Musiala erstmals die große Fußballbühne betritt und gleich FC-Bayern-Geschichte schreibt: Beim 3:1-Sieg gegen den SC Freiburg wird der englische U17-Nationalspieler mit 17 Jahren und 115 Tagen nämlich zu Bayerns jüngstem Bundesliga-Debütanten in der Vereinsgeschichte - und dabei hätte Musiala zu diesem Zeitpunkt noch in der B-Jugend spielen können.

    Nur drei Monate später der nächste Meilenstein: München 19. September 2020, in der Arena läuft das Eröffnungsspiel der Saison 2020/21. Der FC Bayern München empfängt Schalke 04. 71. Spielminute, Wechsel beim FC Bayern – Musiala kommt für Leroy Sané in die Partie. Dann die 81. Spielminute: Pass von Robert Lewandowski auf Linksaußen zu Musiala, dieser zieht mit Tempo in die Mitte, lässt zwei Schalker wie Statisten stehen und schließt mit einem präzisen Flachschuss ins linke untere Toreck zum 8:0 für die Bayern ab. Musiala schreibt erneut Geschichte – er ist nun nicht nur der jüngste Bundesliga-Debütant, sondern auch der jüngste Torschütze in der Bundesliga Geschichte des FC Bayern München.

    Förderer Hansi Flick empfiehlt Musiala dem DFB

    Nach dem Schalke-Spiel auf Jamal Musiala angesprochen, lobt und bremst Förderer Hansi Flick: "Wir erhoffen uns von ihm, dass er das, was er andeutet, weiter zeigt", so der Bayern-Trainer nach dem Premierentor des Teenagers, der mit seinem Treffer gleichzeitig zum fünftjüngsten Bundesliga-Torschützen wurde. "Er soll von den Topspielern möglichst viel annehmen und aufnehmen. Er ist einfach ein ausgezeichneter Fußballspieler, er ist technisch sehr gut und entwickelt Dynamik, wenn er im Ballbesitz ist“, so Flick.

    Der Fußballlehrer betonte jedoch auch, dass solch junge Spieler wie Musiala behutsam aufgebaut werden müssen. "Wir versuchen, sie dabei so gut wie möglich zu begleiten. Und freuen uns, dass wir solche Qualität haben.“ Auf die Frage eines Journalisten, ob der DFB sich schon wegen Musiala beim ihm gemeldet habe und was er Jogi Löw empfehlen würde, antwortete Flick vielsagend: "Ich würde mich auf jeden Fall um ihn bemühen. Aber das ist seine Entscheidung, er hat da auch klare Vorstellungen".

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    Hochveranlagt: Jamal Musiala

    Über Stuttgarts Hügel in die weite Welt

    Doch wer ist dieser Jamal Musiala überhaupt? Die Spurensuche beginnt im Ländle, in Stuttgart. Stuttgart steht für Multi-Kulti, für Schmelztigel, für Kreativität. Der Stuttgarter Musiker und "Freundeskreis“-Gründer Max Herre beschreibt den Stuttgart-Sound, als einen "Sound in dem sich die Welt spiegelt“, Stuttgarts Philosophie als „Street Poetry.“ Diese Metapher passt perfekt zu Jamal Musiala, zu seinem Spielstil und seinen Wurzeln.

    Seine Mutter kommt aus Stuttgart, hat deutsch-polnische Wurzeln, sein Vater stammt aus Nigeria. Jamals Spiel sprüht vor Kreativität, vor Spielfreude, es erinnert an das Spiel von Ronaldo, dem brasilianischen Weltmeister von 2002, das einst Tempo, Dynamik, Technik, Kreativität und Effizienz vereinte. Jamal ist einer dieser lange vermissten Straßenfußballer, auf die Fußballdeutschland und der FC Bayern seit den Tagen von Mehmet Scholl sehnsüchtig warten.

    Mal Ronaldo, mal Henry, dann wieder Zidane

    In Stuttgart geboren, im osthessischen Fulda aufgewachsen und in London schulisch und fußballerisch sozialisiert. Er ist ein besonderer Spieler, mit einer spannenden Geschichte und einer aufregenden Reise, die einst im beschaulichen Fulda, beim kleinen TSV Lehnerz, begann. Jamals Kindergärtnerin in Fulda war damals schon erstaunt, als Jamal mit drei Jahren bereits mit einem Ball dribbelte, wo andere Kinder einfach nur rennen wollten. Die Nachbarschaft hat Jamal jeden Tag auf der Straße Fußball spielen sehen, er hat die Tricks seiner Idole aus dem Fernsehen virtuos nachgeahmt - einen Tag war er Ronaldo, den anderen Henry, dann wieder Zidane.

    Es gibt Videoaufnahmen, auf denen zu sehen ist, wie der fünfjährige Jamal in bester Maradona-Manier über den ganzen Platz dribbelt und seine meist älteren Gegenspieler wie Slalomstangen stehen lässt. Sein erster Vereinstrainer beim TSV Lehnerz, Branko Milenkovski, hat damals schon erkannt, welch außergewöhnlicher Spieler Jamal einmal werden wird: "Er war vom Kopf her schon immer weiter als Gleichaltrige und hat deshalb auch immer eine Altersklasse höher gespielt“. Seine Stärken liegen im Dribbeln und der Schnelligkeit. Er hat pro Spiel vier, fünf Tore für uns geschossen“.

    London Calling

    Mit sieben Jahren führt ihn der Weg ins Mutterland des Fußballs: Seine Mutter beginnt ein Auslandsstudium. Über Southampton landet Musiala mehr oder minder durch Zufall in der weltberühmten Chelsea Football Academy in London. Von Scouts des FC Southampton entdeckt, dauert es nicht lange, bis auch die großen Londoner Klubs auf ihn aufmerksam werden. Die Familie zieht nach London, und Jamal wechselt zum FC Chelsea, besucht nun die Academy und die Corpus Christi Primary School in Croydon.

    Beim FC Chelsea schlägt Musiala gleich wie eine Bombe ein. In seinem ersten Spiel gegen Jude Bellinghams Birmingham City, erzielt das neue "Fußball-Wunderkind“ gleich mal vier Tore. Mit seiner Schule gewinnt er drei Premier-League-Schulturniere und wird dort zweimal Torschützenkönig. Nach der Primary School wechselt Jamal auf die elitäre Whitgift School, für die er durch seine guten sportlichen und schulischen Leistungen ein Stipendium bekommen hat. In der Schulfußballmannschaft bricht er alle Rekorde, auch den Torrekord von Chelsea-Jungstar Callum Hudson-Odoi.

    Der Junge mit dem "Gewinner-Mindset"

    Musiala gilt nun als das neue große Versprechen des FC Chelsea. Viele seiner ehemaligen Trainer und Weggefährten sagen über ihn, dass er nicht nur ein Unterschiedsspieler und absoluter Gewinner ist, sondern auch ein Vorbild. Neben dem Platz tritt er äußerst zurückhaltend, bescheiden und reflektiert auf. Er wirkt fast schüchtern, spricht leise und hört aufmerksam zu. Auf dem Platz explodiert er dann. Er ist ein Spieler, der sofort im Spiel ist. Er bringt nicht nur unglaublich viel Talent mit, sondern auch ein Gewinner-Mindset und Werte, die ihm durch die Erziehung seiner Mutter, die englischen Elite-Schulen und den FC Chelsea vermittelt wurden. Musiala möchte Vorbild und Inspiration für jüngere Spieler auf und abseits des Platzes sein.

    © Instagram jamalmusiala 10

    Als 13-Jährige gemeinsam für die "Three Lions": Jamal Musiala (l.) und Jude Bellingham

    FA oder DFB - Finale Entscheidung steht noch aus

    Bereits mit 13 Jahren wird Musiala in die englische U15-Nationalmannschaft berufen. Zu diesem Zeitpunkt sorgte auch ein anderer 13-Jähriger in Birmingham für Furore, ein gewisser Jude Bellingham, heute bei Borussia Dortmund. Das Schicksal führte die beiden bei den "Three Lions" zusammen. Der Beginn einer Freundschaft. Beide debütieren bereits als 13-jährige für die U15-Nationalmannschaft, wo sie sich fortan das Zimmer bei Lehrgängen teilen.

    Bei einem Verbandsspiel sorgt Musiala dann auch das erste Mal international für Furore, als er mit dem 2003er Jahrgang in seinem ersten U15-Länderspiel gegen die Niederlande innerhalb von 23 Minuten einen lupenreinen Hattrick erzielt. In der U17 ist Jamal dann mit Bellingham einer der drei Kapitäne von Cheftrainer Kevin Betsy.

    Dann der eingangs erwähnte 20. Juni 2020: Musiala, inzwischen vom FC Chelsea nach München gewechselt, feiert sein Bundesligadebüt für den FC Bayern, wozu ihm Gareth Southgate, Cheftainer der englischen Nationalmannschaft, per Videobotschaft persönlich gratuliert. Southgate hat seine Kronjuwelen Bellingham und Musiala längst auf dem Schirm. Das bedeutet auch: Der DFB muss sich massiv bemühen, um Musiala von einem Verbandswechsel zu überzeugen: Bellingham und Southgate sind für den 17-Jährigen sicher starke Argumente pro "Three Lions". Aus dem Umfeld von Musiala ist auf Nachfrage zu hören, dass die Tendenz Richtung England geht, aber noch keine Finale Entscheidung für die A-Nationalmannschaft gefallen sei.

    FC Bayern München - ein Kindheitstraum wird wahr

    Dass Musiala im Sommer 2019 zum FC Bayern München wechselt, ist seinem Kindheitstraum geschuldet. Halb Europa wollte Jamal zu diesem Zeitpunkt verpflichten, aber er entschied sich für den Herzensklub seiner Kindheit. Über die U17, die U19 und die U23 schafft er innerhalb nur eines Jahres den Sprung in die Bundesliga.

    Musiala durfte von Weltstars wie Miroslav Klose und Martin Demichelis lernen und hat in Sebastian Hoeneß einen großen Förderer gehabt, der ihm früh das Vertrauen in der U23 und der 3. Liga geschenkt hat. Ihnen allen ist er sehr dankbar. Musiala lebt sich immer besser ein. Inzwischen ist er in München "angekommen". In der ersten Mannschaft hat er auch erste Freundschaften geschlossen und wurde sehr positiv aufgenommen, insbesondere von Joschua Kimmich, Serge Gnabry und Alphonso Davies.

    Die Bundesliga kann sich in den kommenden Jahren auf einen spannenden Spieler freuen, auf einen viel gereisten, der im Mutterland des Fußballs, auf den Bolzplätzen Süd-Londons, in der Academy Chelseas und auch am FC-Bayern-Campus zu einem Spieler gereift ist, der das Potenzial hat, in Zukunft den Unterschied zu machen. Um es mit Hansi Flicks Worten zu sagen: Die Bundesliga kann sich auf einen technisch sehr guten Spieler freuen, der bei Ballbesitz eine unglaubliche Dynamik entfacht. Und vielleicht tragen Flick, Kimmich und Gnabry ja dazu bei, dass sich Jamal Musiala doch noch für den DFB entscheidet?