BR24 Logo
BR24 Logo
BR24 - Hier ist Bayern

Hände mit Tabletten

Bildrechte: picture-alliance/dpa
Per Mail sharen
  • Artikel mit Video-Inhalten

ARD-Recherche-Sport: Doping mit Schilddrüsen-Hormonen

Die Schilddrüse, eines der wichtigsten Organe im Körper, rückt im Leistungssport immer mehr in den Fokus. Seit Jahren ist bekannt, dass Spitzensportler versuchen, sich durch die Einnahme von Schilddrüsen-Hormonen einen Vorteil zu verschaffen.

Von
Sebastian KrauseSebastian Krause
Per Mail sharen

Immer wieder tauchen Schilddrüsen-Medikamente auch im Zusammenhang mit Dopingfällen auf. Zuletzt im Skandal um das "Nike Oregon Project", die umstrittene Trainingsgruppe in den USA. Zu der auch die Läuferin Kara Goucher gehörte. "Mein Coach wollte, dass ich Cytomel nehme. Ein verschreibungspflichtiges Medikament für die Schilddrüse. Eine Nebenwirkung ist Gewichtsverlust. Damit wurde für mich eine rote Linie überschritten,“ so Kara Goucher. Ihr damaliger Coach, der Lauf-Trainer Alberto Salazar, ist inzwischen wegen Dopings gesperrt, dass "Nike Oregon Project" beendet.

Mit Schilddrüsen-Hormonen Prozesse beschleunigen

Warum sich Spitzensportler von Schilddrüsen-Medikamenten eine Leistungssteigerung versprechen? Für den Münchner Sportmediziner und Kardiologen Prof. Axel Preßler ist es nachvollziehbar. "Die Schilddrüse muss man sich im Prinzip wie so ein Kraftwerk im Körper vorstellen. Und ist sozusagen für Beschleunigung und auch Kontrolle von Stoffwechsel-Prozessen erforderlich", erklärt der Kardiologe. "Das heißt, dann wäre es natürlich schon denkbar, dass man durch Schilddrüsen-Hormone Prozesse halt beschleunigen kann, Energie-Herstellung vielleicht irgendwie unterstützen kann. Muskel-Power vielleicht stärken kann." Oder mehr Fett verbrennen und Gewicht verlieren kann.

Nur für die Experten der Welt-Anti-Doping-Agentur WADA fehlt der Beweis. Deshalb stehen Schilddrüsen-Medikamente auch nicht auf der Dopingliste. Dabei fordern Anti-Doping-Agenturen mehrerer Nationen schon lange ein Verbot, weil sie vom Missbrauch der Schilddrüsen-Hormone im Spitzensport überzeugt sind.

Doping-Fahnder in Italien

Auch die Doping-Fahnder in Italien sind alarmiert. Sie haben festgestellt, dass Schilddrüsen-Medikamente unter italienischen Spitzensportler weit verbreitet sind. Fast jeder dritte Fußball-Profi gab an, Schilddrüsen-Hormone einzunehmen. Im Radsport, Triathlon und Eislaufen soll die Zahl in den vergangenen Jahren angestiegen sein.

Eine Schilddrüsen-Unterfunktion, dass also tatsächlich Medikamente genommen werden müssen, kommt laut Experten in der vergleichbaren Normalbevölkerung nur bei etwa ein Prozent oder noch weniger vor. Bei den italienischen Spitzensportlern liegt der Prozentsatz zum Teil sogar mehr als 20 Mal höher.

Was steckt dahinter?

Doping-Forscher Xavier de la Torre und seine Kollegen vom Anti-Doping-Labor in Rom gehen auch dem Verdacht der versuchten Leistungssteigerung nach. "Ich glaube nicht, dass die Sportler etwas nehmen, was nichts bringt. Wir haben festgestellt, dass der Gebrauch größer ist, als er sein sollte. Jetzt müssen wir auch herausfinden, was wirklich der Grund ist,“ sagt de la Torre.

Dass die Athleten durch ihren Sport an der Schilddrüsen krank geworden sind und deswegen die Medikamente brauchen, gilt unter Experten als unwahrscheinlich. Endokrinologe Prof. Joachim Feldkamp vom Klinikum Bielefeld sagt ganz klar: "Nein, die bekommen das sicherlich nicht mehr. Also die hohe Leistung erfordert das nicht.

Gesundheitsgefahr durch Schilddrüsen-Hormone

Die Experten warnen sogar vor der Gesundheitsgefahr. Wer Schilddrüsen-Hormone einnimmt, ohne sie tatsächlich medizinisch zu brauchen, läuft Gefahr, sein Herz zu sehr anzukurbeln und auf dem Spielfeld oder der Strecke tot umzufallen.

"Wir wissen ja natürlich nicht immer, weshalb der einen oder der andere den Herztod erlitten hat, wir Kardiologen sagen natürlich meistens, das sind Herzgeschichten, aber oft sind es ja Rhythmus-Störungen, und wenn man das Szenario so durchdenkt, warum soll das nicht durch eine Überdosis von Schilddrüsen-Hormonen denkbar sein, also ich würde das nicht ausschließen,“ erklärt Prof. Axel Preßler.

Schilddrüsen-Hormone sollen auf die Beobachtungsliste

Die italienischen Doping-Forscher hoffen, bis Jahresende Erklärungen für die extrem hohe Zahl der Schilddrüsen-Medikamente liefern zu können. Und ob tatsächlich der Versuch der Leistungssteigerung dahintersteckt.

Für Deutschland fehlen Zahlen zur Einnahme von Schilddrüsen-Medikamenten komplett. Weder DOSB noch DFB und Anti-Doping-Agentur können Auskunft geben. Die NADA spricht sich aber dafür aus, Schilddrüsen-Hormone auf die Beobachtungsliste zu setzen.

Fälle fragwürdiger Schilddrüsen-Medikation in den Niederlanden

Andere Anti-Doping-Agenturen wie die der Niederlande fordern gar ein richtiges Verbot. Der Grund: Die Medikamente könnten nicht nur die Leistung steigern, etwa die Energiebereitstellung fördern. Sondern auch gesundheitsschädlich sein und sogar zum Herztod führen. Und, in den Niederlanden wurden auch schon Fälle fragwürdiger Schilddrüsen-Medikation bei Spitzensportlern festgestellt.

"Hier ist Bayern": Der BR24 Newsletter informiert Sie immer montags bis freitags zum Feierabend über das Wichtigste vom Tag auf einen Blick – kompakt und direkt in Ihrem privaten Postfach. Hier geht’s zur Anmeldung!

Sendung

BR24 im Radio

Schlagwörter