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7.500 Zuschauer in München trotz erhöhtem Corona-Inzidenz-Wert? | BR24

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Der DFB-Pokal hat gezeigt: Nicht alle Zuschauer verhalten sich auf der Tribüne so vorschriftsgemäß wie die Funktionäre des FC Bayern.

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7.500 Zuschauer in München trotz erhöhtem Corona-Inzidenz-Wert?

Beim Saisonauftakt der Fußball-Bundesliga sind in der Münchner Allianz-Arena 7.500 Zuschauer zugelassen. Die Entscheidung erfolgte auf Grundlage einer Sieben-Tage-Inzidenz für München von 34,0. Heute liegt diese schon bei 47,6. Das wirft Fragen auf.

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Die Fußball-Bundesliga soll am Freitagabend beim Spiel des FC Bayern gegen Schalke 04 in der Münchner Allianz-Arena vor 7.500 Zuschauern eröffnet werden – und das offenbar trotz derzeit erhöhter Werte bei der Sieben-Tage-Inzidenz in der bayerischen Landeshauptstadt.

Corona-Testbetrieb eigentlich nur gemäß Sieben-Tage-Inzidenz

Eigentlich sind Großveranstaltungen und Versammlungen bis Jahresende von der Bundesregierung und der bayerischen Staatsregierung untersagt. Am Dienstag einigten sich die Bundesländer für den Profifußball aber auf einen sechswöchigen Testbetrieb mit Zuschauern unter Corona-Bedingungen. Die Grenze liegt bei 20 Prozent der jeweiligen Stadion-Kapazität. Dabei müsse allerdings das aktuelle regionale Pandemiegeschehen berücksichtigt werden, hieß es. Liegt die Sieben-Tages-Inzidenz pro 100.000 Einwohner am Austragungsort bei 35 oder darüber – und ist das Infektionsgeschehen nicht klar eingrenzbar – erfolgt in der Regel keine Freigabe für die Fans. Deshalb muss zum Beispiel der Zweitligist Würzburger Kickers seinen Saisonauftakt vor leeren Rängen bestreiten.

Reiter: "Ein vernünftiger Weg"

Die Entscheidung für die Zulassung von Zuschauern in der Allianz-Arena fußte laut Münchens Oberbürgermeister Dieter Reiter (SPD) auf dem Inzidenzwert des Robert-Koch-Instituts am Mittwoch: Da betrug der Wert für München noch 34,0 – und damit unter dem Frühwarnwert von 35.

Allerdings lagen zum Zeitpunkt der Entscheidung bereits neuere Zahlen des Bayerischen Landesamts für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit (LGL) vor, die München bei einem Wert von 45,53 sahen. Reiter verteidigte die Entscheidung am Abend damit, dass sich alle Bundesländer darauf verständigt hätten, bei Bundesliga-Spielen den RKI-Wert zur Grundlage zu nehmen. Man gehe aber einen Sonderweg und lasse statt der möglichen 20 Prozent der Zuschauer nur 10 Prozent zu. "Das halte ich für einen vernünftigen Weg", sagte der Oberbürgermeister.

RKI: Sieben-Tage-Inzidenz in München nun bei 47,6

An dem Treffen in der Staatskanzlei nahmen nach Angaben Reiters Ministerpräsident Markus Söder, Innenminister Joachim Herrmann (beide CSU), Vertreter der Ministerien und des FC Bayern München teil. "Der FC Bayern wird alle, wirklich alle, Schutzmaßnahmen treffen", betonte Reiter. Es werde nur personifizierte Karten geben. "Wir wissen bei jedem Menschen wo er sitzt, das heißt, wir können alle Infektionsketten gegebenenfalls nachvollziehen."

Heute Morgen liegt der RKI-Wert bei 47,6 und damit sogar sehr nah am bundesweit vereinbarten Corona-Alarmwert von 50, ab dem es zum Beispiel in Schulen und Kindergärten zu wesentlichen Einschränkungen kommen kann. Von einem klar eingrenzbaren Infektionsgeschehen ist in der Landeshauptstadt nichts bekannt.

Staatskanzlei verweist auf die Stadt München

Was die gestiegene 7-Tage-Inzidenz nun für die bislang vereinbarte Zahl von 7.500 Zuschauern in der Allianz-Arena bedeutet, wird sich heute herausstellen. Ein Sprecher der bayerischen Staatskanzlei teilte auf BR-Anfrage mit, dass die Stadt München zuständig sei.

© BR

Interview mit Münchens Oberbürgermeister Dieter Reiter am Mittwoch, 16.9.2020

BR24-User hinterfragen Sonderrolle des Fußballs

"Warum ist beim Fußball möglich, was sonst verboten ist?" Diese Frage stellen sich zahlreiche BR24-User. Der Leiter eins Gesundheitsamts in Schwaben twitterte nach der Entscheidung in München: "Wir haben also eine 'epidemiologische Notlage', wir schicken Kinder mit Masken in die Schule, wir schließen Klassen bzw. ganze Schulen, wir haben bereits eine zweite Welle oder sind kurz davor. Und dann das? Echt jetzt? Hallo?"

Einer anderer User kommentierte am Mittwoch: "Der Rest muss weiterhin sehen, wo er bleibt, die Schausteller und Kulturschaffende gehen reihenweise Pleite, ganze Familienbetriebe wissen weder vor noch zurück. Aber dieser blöde Fußball, wo es eh nur noch um Geld geht, wird bevorzugt." Ein anderer schrieb, es sei völlig grotesk, überhaupt nur darüber nachzudenken, "für völlig unwichtige Fußballspiele, für Leute, die unanständig Geld verdienen, Zuschauer in Massen zuzulassen".

Kritik an Ungleichbehandlung von Kultur und Sport

Warum werde Zuschauern beim Fußball mehr Verantwortungsbewusstsein attestiert als beispielsweise Konzertbesuchern, fragte ein weiterer User: "Es geht darum, dass beim Fußball (der wirklich nicht zu den bildenden Künsten gehört) notfalls es so hingebogen wird, dass 'was geht', während Konzepte für Kulturveranstaltungen (die definitiv zur Bildung gehören) auf sich warten lassen." Besucher von Konzerten und Opernvorstellungen kämen in der Regel nüchtern zum Event und würden "keine Gesänge in den öffentlichen Verkehrsmitteln grölen und nicht ausrasten, wenn einer nicht so 'spielt', wie sie sich das vorgestellt" haben. Speziell der Transfer zum Stadion warf bei den Usern immer wieder Fragen auf.

Verstöße gegen Corona-Hygienevorschriften beim DFB-Pokal

Als Blaupause für die Bundesliga galt die Austragung des DFB-Pokals am vergangenen Wochenende. Da sorgte ein Flickenteppich mit unterschiedlichsten Zuschauer-Kapazitäten für Stirnrunzeln bei neutralen Beobachtern. Während beispielsweise in Mecklenburg-Vorpommern beim Spiel in Rostock 7.500 Zuschauer zugelassen waren, mussten die bayerischen Vereine vor leeren Rängen spielen.

In Rostock gab es dabei Fanmärsche zum Stadion, bei denen die Mindestabstände nicht eingehalten wurden und auch während des Spiels befolgten nicht alle Zuschauer die Hygienevorschriften. Auch der Fall eines Profis des Hamburger SV beim Spiel bei Dynamo Dresden erhitzte die Gemüter. Er war nach dem Spiel auf die Tribüne gestiegen und lieferte sich eine Rangelei mit einem Fan.

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