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30 Jahre Bayernligameisterschaft: Schnüdel "siegen" 3:3 bei 1860 | BR24

© BR Fernsehen

Am 11. Mai 1990 trotzte der FC Schweinfurt 05 dem TSV 1860 München im Grünwalder Stadion vor 34.000 Fans ein 3:3 ab. Durch das Unentschieden wurde der FC Schweinfurt 05 Bayernliga-Meister. Die zweite Halbzeit war an Dramatik nicht zu übertreffen.

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30 Jahre Bayernligameisterschaft: Schnüdel "siegen" 3:3 bei 1860

Unvergesslich: Im strömenden Regen trotzte der FC Schweinfurt 05 am 11. Mai 1990 den Münchner "Löwen" im Grünwalder Stadion vor 34.000 Fans ein 3:3 ab und wurde Bayernliga-Meister. Vor allem die zweite Halbzeit war an Dramatik nicht zu übertreffen.

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Eigentlich sollte an einem solchen Abend kein Hund vor die Tür gejagt werden. Es goss in Strömen und kalt war es auch. Doch von den bestimmt 34.000 Fußball-Fans im Grünwalder Stadion störte das Wetter niemanden, ja, es bemerkte sogar keiner. Ich auch nicht, denn zusammen mit einer Handvoll Schweinfurter Fußball-Fans hatten wir ein Auto voll gemacht und waren durch den Freitagabend-Stau nach München gefahren. Zum Glück hatten wir noch Karten bekommen, denn die Münchener hatten dem FC 05 keine 1.000 Tickets zugestanden. Zu dramatisch war das, was sich da auf Giesings Höhen abspielte. Dabei war es "nur" ein Spiel in der damals drittklassigen Bayernliga zwischen 1860 München und dem FC Schweinfurt 05. Das letzte in der Saison 1989/90.

© BR/Foto: Volker Hensel

Ich geh jetzt rein und mach ein Tor: "Rhönbomber" Joachim Reuß erzielte in München das 3:2.

"Löwen" gegen "Schnüdel" - das war ein echtes Endspiel

Denn hier spielte der Zweite gegen den Ersten. Die Münchner "Löwen" hatten in der Rückrunde sechs Punkte aufgeholt und wollten mit aller Macht in die 2. Bundesliga zurück. Es war klar, dass die "Schnüdel" zwingend ein Unentschieden brauchen würden, um Meister zu werden. Und die Schweinfurter, die die ganze Saison über Tabellenführer gewesen waren, wollten die historische Chance nutzen.

Es war vielleicht die beste Mannschaft, die die Grün-Weißen seit den Zeiten von Ander Kupfer und Albin Kitzinger hatten. Alle Spieler kamen aus der näheren Umgebung, Bernd Häcker, Rüdiger "Mambo" Mauder oder Elmar Drenkard etwa. Dazu Torjäger Bernhard Winkler (der nach der Saison nach Kaiserslautern in die Bundesliga wechselte, aus Schweinfurt verabschiedete er sich mit 23 Treffern) oder Erwin Albert aus Wülflingen bei Haßfurt, der zuvor Torschützenkönig und zweimal Fußballer des Jahres in der ersten Belgischen Liga gewesen war und seine Profi-Karriere in der Heimat ausklingen ließ.

© BR/Foto: Volker Hensel

Im Bayernliga-Finale schwer verletzt, später dann von 1992-94 beim FC Schweinfurt 05 auf der Trainerbank: Erwin Albert.

Es war auch ein Duell der Coaches: Münchens Trainerlegende Karsten Wettberg gegen Schweinfurts Werner "Beinhart" Lorant, dessen Stern gerade aufging. Am Ende soll Wettberg geweint und Lorant gelacht haben. Auch der Bayerische Fußball-Verband hatte das Beste aufgeboten, was es gab: Schiedsrichter war Aron Schmidhuber, FIFA-Referee, der kurz darauf als einziger deutscher Unparteiischer bei der WM 1990 in Italien pfiff und 1992 sogar zum Weltschiedsrichter gekürt wurde. Doch was vom BFV gut gemeint war, sorgte in Schweinfurt für Misstrauen, denn Schimdhuber kam aus Ottobrunn und dass ein Münchner Referee ein Endspiel mit Münchner Beteiligung pfiff, kam nicht gut an.

So murrten wir Fans, als die "Löwen" in der Nachspielzeit der ersten Hälfte mit der letzten Aktion durch einen umstrittenen Foulelfmeter von Walter Hainer in Führung gingen. Auch, als Torjäger und Kapitän Albert nach einer Stunde und einem Zweikampf schreiend zu Boden ging, gab es keine ernsthaften Konsequenzen. Dabei hatte Albert sich dabei das Wadenbein gebrochen, musste fast eine Viertelstunde auf dem Platz behandelt werden, ehe er abtransportiert werden konnte. "Jetzt ist alles aus", dachten wir Schweinfurter Fans.

Sanitäter trugen Albert aus dem Stadion, Bernhard Winkler machte 1:1

Noch während die Sanitäter Albert aus dem Stadion trugen, traf Bernhard Winkler zum 1:1 - Schweinfurt war zurück im Spiel. Jetzt wurde es richtig dramatisch: Die "Löwen" gingen durch Roland Kneißls genialen Hackentick erneut mit 2:1 in Führung (68.), doch nur zwei Minuten später verwandelte der leider schon verstorbene Oliver Wölfling ebenfalls einen Strafstoß (Winkler war gehalten worden) zum 2:2. Da waren wir "Schnüdel" auch wieder mit dem Münchner Unparteiischen versöhnt. In der 73. Minute vertändelte der Münchner Libero Walter Hainer 30 Meter vor dem eigenen Tor den Ball, der pfeilschnelle Joker Joachim Reuß eilte auf und davon, umspielte noch Löwen-Keeper Robert Dekeyser - 3:2 und der FC war ganz nah dran an der Meisterschaft. Ausgerechnet Reuß, genannt der "Rhönbomber", der für den verletzten Erwin Albert gekommen war.

Wie eine Prophezeiung war sein Interview unmittelbar vor seiner Einwechslung. Denn der Bayerische Rundfunk hatte damals wohl erstmals ein Bayernliga-Match in voller Länge live im Hörfunk übertragen. Gerd Rubenbauer hatte Reuß am Spielfeldrand gefragt, was er denn glaubte, ausrichten zu können. "Ich geh jetzt nei und mach ä Dor", antwortete Reuß im breitesten "Rhönerisch". Gesagt getan, sein Treffer war die Vorentscheidung. Denn auch wenn Reiner Maurer mit seinem ersten Saisontor per Kopf noch das 3:3 schaffte (79.), die Unterfranken brachten den gefühlten Sieg in einer wahren Abwehrschlacht und teils in Unterzahl (Zeitstrafe für Bernd Häcker) und ohne Trainer Lorant, der von Schmidhuber von der Bank verbannt worden war, über die Zeit.

© BR/Foto: Volker Hensel

In München traf Oliver Wölfling (rechts) per Foulelfmeter zum wichtigen 2:2 (70.). 2004 verstarb Wölfling an einer Gehirnblutung.

Für uns Schweinfurter Fans war das Spiel eine emotionale Achterbahnfahrt ohne Gleichen. Natürlich wurde nach dem Schlusspfiff ausgiebig gejubelt. Doch beim Weg aus dem Stadion haben wir FCler unsere Schals und Fahnen sicherheitshalber eingerollt und versteckt. Wir waren 1.000 Grün-Weiße gegen 33.000 Blau-Weiße. Und die Löwen-Fans waren ob der verpassten Meisterschaft "not amused" und reagierten teils sehr aggressiv. Zum Glück blieb es aber weitgehend ruhig. Unsere tropfnasse Fahrgemeinschaft "rettete" sich in eine Pizzeria. Schüchtern sagten wir erstmal, dass wir aus Schweinfurt kämen. "Ich bin Bayern-Fan", grinste der Wirt und bewirtete uns fürstlich.

Nach der Rückkehr feierten Mannschaft und Fans die Nacht durch

In der nachfolgenden Aufstiegsrunde qualifizieren sich "Schnüdel" zusammen mit Mainz 05 (damals mit einem gewissen Jürgen Klopp als Spieler) für die 2. Bundesliga. Doch ohne Albert, der nach seinem Beinbruch nie mehr Fußball spielte und Trainer wurde, Winkler und Coach Lorant (ging erst nach Aschaffenburg, dann zu 1860 München) und ohne das Geld für Verstärkungen standen die Grün-Weißen dort auf verlorenem Posten. Mit nur zwei Siegen und 13 Punkten stieg der FC 05 als Tabellenletzter sang- und klanglos wieder ab. Was aber in Schweinfurt kaum jemanden störte, weil das Team immer alles gab - es reichte halt einfach nicht. Das Gefühl im "großen Fußball" dabei zu sein, gegen Schalke 04 (mit Trainer Peter Neururer) oder den MSV Duisburg (mit Spieler Ewald Lienen) zu kicken, machte trotzdem Stolz. Damals ging es eben mehr um das Spiel, als um das Geld.

© BR/Foto: privat/Volker Hensel

Der Zweitliga-Aufstieg als Einstieg in den Journalismus: BR-Reporter Volker Hensel begann Anfang der 90er Jahre bei der FC 05-Stadionzeitung.

Für mich persönlich bedeutete der Aufstieg mehr oder weniger das Weichen stellen eines Lebensweges: Für die 2. Bundesliga suchte der FC 05 Mitarbeiter für eine Zweitliga-taugliche Stadionzeitung. Für mich war die Arbeit beim "Schnüdel-Express" der Einstieg in den Journalismus, der mich dann bis zum Bayerischen Rundfunk im Studio Mainfranken in Würzburg brachte.

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