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1860-Investor Ismaik: "Aufgeben gibt es bei mir nicht" | BR24

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Nachdem mit Daniel Bierofka die absolute Identifikations-Figur der Löwen das Handtuch geworfen hat, äußert sich Investor Hasan Ismaik in einem exklusiven Interview zu Trainerentlassung, 50+1-Regel und den Verantwortlichen beim TSV 1860 München.

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1860-Investor Ismaik: "Aufgeben gibt es bei mir nicht"

Nachdem mit Daniel Bierofka die absolute Identifikations-Figur der Löwen das Handtuch geworfen hat, äußert sich Investor Hasan Ismaik in einem exklusiven Interview zu Trainerentlassung, 50+1-Regel und den Verantwortlichen beim TSV 1860 München.

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Beim TSV 1860 München läuft es derzeit sportlich nicht rund. Nach dem überraschenden Rückzug von Daniel Bierofka als Trainer des Traditonsvereins stellt sich Hasan Ismaik den Fragen von BR-Reporter Dominik Vischer: Der umstrittene Investor hatte noch versucht Bierofka umzustimmen. Jetzt kritisiert er den Umgang mit dem 40-jährigen Kult-Löwen und lobt dessen Einsatz für den Verein. Er sei "immer ein Fan seiner Arbeit" gewesen. "Mit Daniel hatten wir vor allem eins: Stabilität." Die Schuld des Bierofka-Rückzugs sieht der Jordanier vor allem bei den Vereinsverantwortlichen.

Das Verhältnis zwischen dem 43-jährigen Millionär und der Führungsebene der Sechziger ist schon immer ein Schwieriges. Ein persönliches Treffen mit dem Jordanier als Chef der KGaA und Robert Reisinger als Präsident der e.V gab es bislang nicht. Zudem versuchen auch die gegen Ismaik agierenden Löwen-Fangruppierungen, die Vereins-Entscheidungen zu beeinflussen. "Die Zügel hält eigentlich nicht das Präsidium oder der Verwaltungsrat in der Hand, sondern PRO1860 und die Ultras", so Ismaik.

Ismaik fehlt die Wertschätzung

Trotz aller Widerstände hält der Jordanier aber weiter beharrlich am Verein und seinen Anteilen fest. "Aufgeben gibt es bei mir nicht". Auch von einem Verkauf will er nichts wissen: "Wenn mir jemand etwas bieten sollte, dann muss es ein Angebot sein, dass dem Verein auch eine Perspektive gibt. Und so ein Angebot gab es bislang noch nicht." Ismaik fehlt bisweilen allerdings die Wertschätzung für sein Engagement beim derzeitigen Drittligisten: "Ja, ich vermisse den Respekt, ich kenne keinen anderen Geldgeber, mit dem so umgegangen wurde." Dennoch hält er weiter an seinem Traum von einem erfolgreichen TSV 1860 fest: "Ich werde weiter alles dafür tun, dass 1860 eines Tages auf der Ebene von Bayern oder Dortmund steht." Der Investor wirbt für den Klub, denn "man darf das Potenzial von 1860 nicht unterschätzen." Er glaubt, wenn man es richtig nutzen würde, könne man aus seiner Sicht etwas "Großartiges entstehen lassen."

Teil 1 des ausführlichen Exklusivinterviews mit Hasan Ismaik zum Nachlesen

Dominik Vischer: Daniel Bierofka hat sein Engagement beim TSV 1860 München beendet. Sie haben noch versucht ihn umzustimmen. Wie war das Treffen?

Hasan Ismaik: Es war leider ein trauriges Treffen, da Daniel den Verein endgültig verlassen hat. Das Gespräch war ein Versuch, ihn vielleicht doch noch zu überzeugen, bei 1860 zu bleiben. Aber, die Art und Weise, wie mit Daniel umgangenen wurde, wie man nicht nur ihn, sondern auch seine Frau und seine Kinder, seine Familie diesem Druck ausgesetzt hat, war das entscheidende. Es ist beschämend und traurig, dass man so mit einer Person und vor allem mit seiner Familie umgegangen ist. Es ist bei 1860 leider so, dass der Erfolgreiche und Ambitionierte so behandelt wird.

Dominik Vischer: Wie haben Sie Daniel Bierofka gestern erlebt? Wie emotional war es?

Ismaik: Daniel war sehr enttäuscht, davon wie mit ihm umgegangen wurde. Dabei ist es mit Daniel eigentlich sehr leicht: Er hat klare Vorstellungen und braucht nur ein gutes Umfeld, in dem er in Ruhe arbeiten kann. Ich will eines klar stellen: Ich habe keine wirklich persönliche Beziehung zu Daniel Bierofka. Wir treffen uns vielleicht einmal im Jahr. Aber ich war immer ein Fan seiner Arbeit. Wir erinnern uns, dass er zweimal in der Relegation geholfen hat, dass zweimal auch geschafft hat - da hat meine Bewunderung für ihn und seine Arbeit angefangen. Auch hat er den direkten Aufstieg nach dem Absturz in die 4. Liga geschafft - ich bin eher ein Fan von ihm, als der Mehrheitsgesellschafter oder sein Arbeitgeber."

Vischer: Sie haben auch Drohungen gegen die Familie von Daniel Bierofka erwähnt. Gibt es da konkrete Vorwürfe?

Ismaik: Ich weiß nicht, ob Daniel möchte, dass ich darüber spreche. Ich habe nicht das Recht dazu, darüber zu sprechen. Ich kann nur sagen, dass die Entscheidung von Daniel in erster Linie für seine Familie war ... Ich kann nur sagen, dass seine Familie, sein Vater, seine Frau und seine Kinder mit hinein gezogen wurden und er an diesem Punkt gesagt hat 'Familie geht vor' und er daraufhin seine Entscheidung getroffen hat. Ich habe gestern, nachdem ich mich mit Daniel Bierofka getroffen habe und seine Entscheidung feststand, auf Facebook gepostet.

Diesen Post habe ich in Trauer geschrieben. Ich habe mit Absicht ein Bild von ihm und Jürgen Klopp verwendet, weil ich in Daniel viele Eigenschaften von Jürgen Klopp sehe. Ich glaube, dass Daniel eine ebenso große Zukunft vor sich hat und ein ebenso großes Potenzial. Ich würde mir wünschen, ihn eines Tages in so einer großen Rolle sehen zu können. Sicherlich wird das Zeit brauchen, er wird an sich arbeiten und weiterentwickeln müssen, aber ich sehe das Potenzial in ihm. Ich wünsche ihm, dass er eines Tages seine Ziele erreichen kann, weshalb ich auch Verständnis für seine Entscheidung habe, denn die Gegebenheiten dafür sind bei 1860 nicht da. Es stagniert, es geht nichts voran und es ist für Daniels weitere Entwicklung momentan besser, dass er diese Entscheidung getroffen hat.

Vischer: Welche Konsequenzen sehen Sie für den Verein? Schließlich war Bierofka die Identifikationsfigur von 1860.

Ismaik: Es wird mit Sicherheit negative Auswirkungen haben - das Trainer-Thema war bei 1860 in der Vergangenheit immer ein Problem. Jetzt nachdem Daniel leider gegangen ist, wird es wieder ein Problem sein, weil wir sehen müssen, wer nach ihm die Mannschaft trainieren wird. Das wird meines Erachtens schwierig werden, aufgrund der aktuellen Lage bei 60. Mit Daniel hatten wir vor allem eins: Stabilität. Die haben wir jetzt nicht mehr und das wird auf jeden Fall ein Problem sein ... Das ist die Konsequenz.

Vischer: Wer wird neuer Löwentrainer?

Ismaik: Ich werde mich, was den Trainer angeht, nicht einmischen. Der Verein hat die letzten Jahre 50+1 mehrmals eingesetzt, was mich dazu bringt, dass ich mich da raushalte. Sie haben Daniel Bierofka vergrault. Jetzt müssen sie die Konsequenzen aus ihrem Handeln selbst ausbaden.

Vischer: Daniel Bierofka hat immer wieder den mangelnden Rückhalt im Verein bemängelt. Ihn hat geärgert, dass Interna aus der Mannschaft in die Öffentlichkeit kamen. Wen sehen Sie da als Hauptverantwortlichen?

Ismaik: Ich sehe die Schuld bei den Verantwortlichen im Verein. Beim Präsidium und auch bei den Verantwortlichen hinter dem Präsidium. Wir müssen festhalten, dass sie die Macht im Klub haben, sie haben 50+1, sie können das immer entscheidend einsetzen und dort liegt somit auch die Verantwortung. Mit Daniel haben wir das größte Kapital bei 1860 verloren, nicht nur ihn als Person, sondern auch das, was er geschaffen hat. Er hat in kürzester Zeit eine Mannschaft aufgebaut, wo die Chemie gestimmt hat, wo der Grundstein für eine Fortentwicklung gelegt worden war, und das haben wir nun verloren. Nun müssen wir schauen, ob der Nachfolger das überhaupt schafft, ob er diese Mannschaft überhaupt zusammenhalten kann - das wird die größte Aufgabe sein.

Vischer: Vermissen Sie Respekt und Anerkennung von Seiten des Vereins? Sie haben immer behauptet, dass kein Geldgeber in der Bundesliga so schlecht behandelt wird, wie Sie?

Ismaik: Ja, ich vermisse den Respekt, ich kenne keinen anderen Geldgeber, mit dem so umgegangen wurde. Es ist nicht nur, dass man meine Unterstützung bekämpft hat. Es sind die Beleidigungen, der fehlende Respekt. Alles was ich für 1860 gemacht habe - materiell oder emotional - das wird nicht honoriert und nicht mit dem nötigen Respekt begegnet. Aber ich muss eines klar stellen: Das gilt nicht für den ganzen Klub 1860 München. Es gibt auch wunderbare, treue Fans, die mir auch den Respekt zeigen und honorieren, was für den Verein getan wird. Diese Leute schätze ich sehr. Aber wir wissen - das kann man auch so deutlich ansprechen - das es bei 1860 München eine ganz spezielle Gruppe gibt: PRO1860 - die verfolgen eine Ideologie, eine Gesinnung, die nicht den sportlichen Erfolg beinhaltet, sondern eine ganz eigene Agenda, die nur ganz bestimmte Interessen verfolgt, die nicht unbedingt mit dem sportlichen Erfolg einhergeht. Die anderen Fans werden auch durch diese Organisation - man kann fast sagen - bedroht und daraus ergibt sich das Problem, dass wir die Fans, die wir jetzt als Rückhalt brauchen, nicht haben, weil sie sich nicht trauen. Ich kann aber sagen, dass diese Agenda, die PRO1860 verfolgt, vielleicht derzeit die bestimmende ist ... Aber die Zukunft wird zeigen, dass diese Leute auf dem falschen Weg sind. Diese Leute sind für so einen großartigen Verein wie den TSV 1860 eine Schande."

Vischer: Der TSV 1860 ist ein großer Traditionsverein, viele Anhänger erinnern sich gerne an die großen Zeiten der Vergangenheit. Ist es das, wie Sie weiterhin zu einem Engagement veranlasst?

Ismaik: Absolut, zu 100 Prozent.

Vischer: Gibt es für Sie einen Punkt, wo Sie für sich sagen: Unter diesem Umständen ist eine Weiterentwicklung des Vereins nicht möglich, ein weiteres Engagement macht keinen Sinn mehr?

Ismaik: Aufgeben gibt es bei mir nicht - aufgeben werden eher die Leute, die nicht am Erfolg des Profi-Fußballs bei 1860 München interessiert sind. Ich habe das schon in der Vergangenheit gesagt: Deutschland ist ein großartiges Land, mit der viertgrößten Wirtschaft der Welt, wir sind hier in Bayern, einem großartigen, wirtschaftlich starken Bundesland. Wir sind hier in München, einer großartigen Stadt, einer Weltstadt und 1860 verdient es, umgeben mit all diesen positiven Faktoren Erfolg zu haben. Ich werde weiter alles dafür tun, dass 1860 eines Tages auf der Ebene von Bayern oder Dortmund steht. Warum ist es nicht erlaubt zu träumen, auch mal international zu spielen. Zum Beispiel gegen Liverpool. Das ist das was, der TSV 1860 München verdient.

Vischer: Gab es Angebote, Ihre Anteile zu kaufen? Wenn ja, warum haben Sie diese nicht angenommen?

Ismaik: Ich bekomme täglich Angebote, aber meine Anteile sind unverkäuflich. Wenn mir jemand etwas bieten sollte, dann muss es ein Angebot sein, dass dem Verein auch eine Perspektive gibt. Und so ein Angebot gab es bislang noch nicht.

Vischer: Es gibt offensichtlich zwei Lager beim TSV 1860: Die einen möchten langsame, kontinuierliche finanzielle Konsolidierung in der 3. Liga oder auch in der 4. Liga - dies hat auch Präsident Robert Reisinger bei uns in der Sendung Blickpunkt Sport geäußert – Sie und viele Fans würden gerne in die 2. oder gar 1. Liga aufsteigen. Diese innere Zerrissenheit im Verein – ist da ein konstruktives Miteinander überhaupt möglich?

Ismaik: Das ganze ist eine komplexe Situation und ich nehme hier jetzt auch kein Blatt vor dem Mund. Die Zügel hält eigentlich nicht das Präsidium oder der Verwaltungsrat in der Hand, sondern PRO1860 und die Ultras. Die haben ihren eigenen Plan und ihre eigene Ideologie, die sie durchsetzen und umsetzen. Ich muss sagen, ich habe eigentlich Mitleid mit Präsident Reisinger. Es ist bekannt und wurde auch an mich herangetragen worden, dass beispielsweise bei der Mitgliederversammlung Fans und Mitglieder die gegen PRO1860 und die Ultras sind, eingeschüchtert wurden, bedroht und eingeschüchtert wurden und viele erst gar nicht zur Mitgliederversammlung gegangen sind. Davor darf man die Augen nicht verschließen: die Entscheidungsgewalt liegt nicht beim Präsidium und den Gremien, die Entscheidungsgewalt liegt bei diesen Gruppierungen. Es ist eine kleine Gruppe, die aber wirksam vorgeht.

Das ist wie gesagt, eine komplexe Situation - und die zwei Lager, die Sie ansprechen, die gibt es so eigentlich nicht, weil die Entscheidungsgewalt liegt gar nicht beim Präsidium, sondern die Entscheidungsgewalt liegt irgendwo hinter den Kulissen. Damit bin ich auch beim Thema 50+1. Wir müssen diese Regel akzeptieren, aber dennoch möchte ich diese Regelung anprangern, denn dies befähigt diese Leute den Verein komplett zu kontrollieren, eine eigene Agenda und Ideologie durchzusetzen.

Für mich ist diese Regel eher diktatorisch, als demokratisch und dient in keinster Weise - wie immer behauptet - dazu, die Tradition zu schützen. Diese Regel wird schlichtweg ausgenutzt. Ich wundere mich dahingehend immer über zwei Dinge: Zum einen wird hier darüber diskutiert, dass 50+1 vor allem die Tradition und die Traditionsvereine schützen soll. Im Gegenzug wird aber überhaupt nicht erwähnt, dass überall in Europa bei anderen Traditionsvereinen in Italien, Spanien, England Investoren einsteigen und der Verlust der Tradition überhaupt kein Thema ist.

Die Tradition lebt weiter in diesen Vereinen, man profitiert ja auch davon! In Deutschland dagegen sieht man diese Regel nur vor dem Hintergrund, die Vereine vor Investoren zu schützen, um die Tradition zu wahren. Aber man verschließt die Augen davor, dass der deutsche Fußball im europäischen Vergleich an Wert verliert. Jedes Jahr wird es selbst für den FC Bayern schwieriger, im Konzert der Großen mitzuhalten und die Top-Spieler nach München zu holen. Das gilt nicht nur für den FC Bayern, auch andere haben diese Probleme, aber ich erwähne Bayern, weil sie eigentlich der wirtschaftlich stärkste Verein in Deutschland sind und trotzdem kaum mehr mithalten können. Vor dieser Realität verschließt man die Augen, nennt die Dinge nicht beim Namen. Die Vereine werden durch 50+1 unterwandert, weil diese Regel ausgenutzt wird. Ich habe mehrere Male dazu aufgerufen, dahingehend eine Diskussion zu führen - aber wieso drückt man sich davor.

Wieso nimmt man es in Kauf, dass der deutsche Fußball mittelfristig an Stellenwert verlieren wird? Obwohl das Potenzial da wäre, beispielsweise die Spitzenposition der Briten nach dem Brexit einzunehmen - wieso stellt man sich nicht den Fakten und diskutiert darüber? Die Begründung, dass 50+1 bleiben muss, um Tradition, Verein und Fans zu schützen ist eigentlich falsch. Als Investor kommt man doch nicht nur, um schnelles Geld zu machen. Es sind die Fans, die Stadt, die Umgebung, das Umfeld - würde ein Investor daran etwas ändern, würde er doch sofort verlieren. Das sind doch die Assets, der Grund, um bei einem Verein einzusteigen - das heißt im Umkehrschluss, nur mit dem Verein, mit seiner Geschichte, mit seiner Anhängerschaft, mit seiner Tradition kann ein Investor erfolgreich sein. Ohne das ist das nicht möglich, das ist doch die Garantie für die Tradition.

Eine Diskussion um 50+1 ist also mehr notwendig zu diesem Zeitpunkt. Nochmal: Man darf das Potential von 1860 nicht unterschätzen. Es gibt andere Traditionsvereine, die nicht solche Voraussetzungen haben. Aber bei 1860 sind es die Stadt, die Fans, München, Bayern - das sind Komponenten, die 1860 ein Potenzial geben, das - wenn richtig genutzt - Großartiges entstehen lassen könnte.