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Aufarbeiten der Vergangenheit BR-Reporterin begleitet Missbrauchsopfer nach Donauwörth

Im ehemaligen Kinderheim Heilig Kreuz in Donauwörth haben Kinder jahrelang psychische und phyische Gewalt erlebt. Zwei Schwestern brachten den Stein ins Rollen und kamen jetzt zum ersten Mal nach langer Zeit zurück. BR-Reporterin Judith Zacher hat sie begleitet.

Stand: 06.03.2018

Schwestern stoßen Aufarbeiten der Gewalt im Heilig-Kreuz-Kinderheim in Donauwörth an | Bild: BR/Judith Zacher

"Also ich hab schon nochmal einen Anlauf gebraucht  - weil das jetzt alles so nah ist. Die Erinnerungen kommen immer wieder, es taucht immer wieder was auf."

Marsha, Missbrauchsopfer

Marsha wusste nicht, wie sie reagieren würde, wenn sie zurückkommt. Gemeinsam mit ihrer Schwester Susanne hat sie letztlich doch den Weg nach Donauwörth gewagt. Judith Zacher trifft beide auf einer Anhöhe oberhalb von Donauwörth mit Blick auf die Stadt. Der Kirchturm von Heilig Kreuz überragt viele Gebäude - es ist der Ort, an dem die beiden furchtbare Dinge erleben mussten. Dort oben, mit etwas Abstand, können sie es aushalten, sagen sie. Dort, neben dem Schwimmbad, kommen sogar schöne Erinnerungen. Dort erlebten sie als Kinder etwas Freiheit – bevor sie zurück mussten, ins Heim, über dem der Kirchturm in die Höhe ragt:

"Also wenn ich mir die Heilig Kreuz-Kirche anschau, da kommt eine bestimmte Traurigkeit hoch, wie verloren sich eigentlich jeder dort gefühlt hat, so alleine, obwohl wir alle Ähnliches erlebt haben. Jeder war für sich allein, in seinem Schmerz. Keiner hat dem anderen mehr vertraut, man wusste nicht mehr, wer ist Freund oder Feind."

Marsha

Die Erziehungsmethoden im Heim haben die in den 1960er und 1970er Jahren noch üblichen Ohrfeigen bei weitem überstiegen. Es gab Prügel mit dem Stock nach der Beichte vom Heimleiter, Priester und Monsignore Max Auer – oder sie wurden zu nächtelangem Knien auf Kleiderbügeln gezwungen, weil sie im Bett geredet hatten. Wer ins Bett nässte, durfte zwei Tage lang nichts trinken. Jahrzehntelang wusste oder wollte man in Donauwörth davon nichts wissen. Deshalb war es den beiden Schwestern ein großes Anliegen, das an die Öffentlichkeit zu bringen:

"Ich finde es ein schönes Gefühl, dass die Menschen in Donauwörth und darüber hinaus, dass sie Bescheid wissen. - Es ist fast so, als wäre eine Lawine von mir gefallen."

Marsha und Susanne 

Nach dem BR haben weitere Medien über die jahrelange Gewalt in dem Kinderheim berichtet, andere ehemalige Donauwörther Heimkinder haben sich gemeldet. Die Pädagogische Stiftung Cassianeum, die das Heim geleitet hatte, reagierte bestürzt und kündigte an, aufzuarbeiten – nach über 40 Jahren. Stiftungsvorstand Peter Kosak gibt auch klar zu: In der Vergangenheit wurden große Fehler gemacht.

"Man hätte schon ab 2011, als das erste Mal diese Vorwürfe öffentlich dokumentiert waren, übrigens für jeden auch einsehbar im Internet, da hätte man sicherlich nachdrücklicher darauf eingehen können. Und das tun können, was wir jetzt tun wollen, nämlich offensiv in die Kommunikation zu gehen, zuzuhören und aus dem Zuhören auch Fakten zu schaffen."

Peter Kosak, Vorstand Pädagogische Stiftung Cassianeum

Eine Entschädigung vom Bistum, die gab es wohl. Aber keiner wollte berichten, keiner etwas sagen - und nun, nach dem jahrelangen Kampf um Öffentlichkeit sind die beiden Schwestern ihrem Ziel damit endlich einen Schritt näher gekommen:

"Das war das erste Mal, dass jemand ohne wenn und aber gesagt hat: Wir arbeiten das auf, wir sind erschüttert. Das war das erste Mal, dass ich mich verstanden gefühlt habe."

Marsha

Inzwischen hat die Stiftung mit sieben Betroffenen Kontakt – sie will versuchen, weitere zu finden, ruft ehemalige Donauwörther Heimkinder auf, sich zu melden. Noch im Frühjahr soll ein runder Tisch mit möglichst vielen Betroffenen stattfinden. Die beiden Schwestern sehen dem mit gemischten Gefühlen entgegen. Da mischt die Angst vor Retraumatisierung mit, aber auch die Freude, das etwas passiert. Und das, so ihr Vorschlag, könnte man in gewisser Form auch sichtbar machen - mit einem Stolperstein vor dem Denkmal des Heimbegründers.


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Frank Siekmann, Mittwoch, 07.März, 23:23 Uhr

1. Kann die Schwestern sehr gut mitempfinden

Kann es sehr gut nachvollziehn was in den Schwestern abgeht - seelisch und geistig ,
hab ebenfalls solche Erfahrungen machen müßen,.
Als Kind waren mein Schwestern und ich im Waisenhaus in Straubing von 1965 - 70 bei Kath.Betschwestern.
der Orden waren die Mallersdorfer Schwestern.
Die Methoden die ich hier lese, kann ich nur bestätigen ...
Prügelstrafe, Erbrochenes essen, Tatzen mit Lineal, Holzscheitknien, Kopfnüsse mit schwerem Schlüßelbund, Prügel mit Ledergürtel , alles Wahrheit.
Das verfolgt einen das ganze Leben , da hilft auch das gutgemeinte Aufarbeiten der Fälle im Nachhinein nichts ,
Mir und meinen Schwestern geht es mehr als schlecht , da ein normales Leben einfach nicht möglich war und ist- und die Katholische Kirche verschweigt und vertuscht in hunderttausenden Fällen. Das Vertrauen ins Leben wurde zerstört - und kein Gott hilft - kein Papst oder sonst irgend was , ...was bleibt ist Deppressionen gepaart mit PTBS - Erwerbsunfähigkeit - inneres Elend