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Frei, wild und politisch Die 68er-Bewegung in Füssen: Zeitzeugen erinnern sich

Auch in kleinen Städten hat die 68er-Bewegung für Umwälzungen gesorgt - zum Beispiel in Füssen. In der beschaulichen Kleinstadt lehnte sich die Jugend auf gegen den Mief der Alten. Und ganz vorne mit dabei: der heutige Bürgermeister von Füssen.

Stand: 16.04.2018

Karin Ketterl, Paul Iacob und Hans Schütz in Füssen: Alle drei waren aktiv in der  68er-Bewegung in Füssen | Bild: BR/Rupert Waldmüller

Wenn Bürgermeister Paul Iacob und der pensionierte Mittelschullehrer Hans Schütz auf dem Platz vor dem Füssener Rathaus stehen, werden die Erinnerungen an die 68er Bewegung sofort wieder lebendig. Hier haben sie beide demonstriert - gegen den Vietnamkrieg, gegen die Notstandsgesetze und für mehr internationale Solidarität. Paul Iacobs Schwarz-weiß-Fotos von damals zeigen junge Leute mit langen Haaren und Schlaghosen, mit Megafon, Gitarren und großen Transparenten.

"Für eine kleine Stadt wie Füssen war das natürlich schon etwas Außergewöhnliches, wenn eine Demonstration mit jungen Leuten durch die Reichenstraße hoch marschiert. Das war auch für diese Stadt, für Füssen, wie für alle Städte etwas ganz Wichtiges."

Paul Iacobs, Bürgermeister von Füssen

Die 68er haben frischen Wind nach Füssen gebracht

Des Besondere in Füssen: Im benachbarten Schwangau auf dem Zeltplatz der Falken war die sozialistische Jugend aus Berlin regelmäßig zum Sommerlager zu Gast. Das brachte den Geist aus der Großstadt auch ins Ostallgäu. Und Hans Schütz, damals noch Schüler am Füssener Gymnasium, hatte das Gefühl: Wir können jetzt die Welt verändern.

"Das war ein ganz ein muffiges Zimmer bei dem plötzlich die Fenster aufgestoßen wurden, und der frische Wind kam rein. Das hat die ganze Generation geprägt. Man hat plötzlich Freiheiten bekommen. Man hat mehr Möglichkeiten gehabt. Und ein Teil davon hat sich dann natürlich auch ein bisschen tiefer damit beschäftigt, hat das hinterfragt und ist politisch sehr aktiv geworden."

Hans Schütz, pensionierter Mittelschullehrer

Die Jugendlichen der 68er-Bewegung wollten vor allem Freiheit

Mehr Freiheiten, weg vom alten Mief, Schluss mit dem Krieg in Vietnam und natürlich der Aufstand gegen eine sehr konservative Elterngeneration - das trieb die Jugendlichen auf die Straße.

"Und da haben wir dann auch das Lied gesungen 'Wir machen einen Schinken aus dem Arsch von Josef Strauß'. Wenn ich das heute sehe, würde ich so was nicht mehr singen. Aber damals war es einfach aus der Bewegung heraus vielleicht aus einer gewissen Spontanität geboren."

Paul Iacobs, Bürgermeister von Füssen

Musik und Flower-Power

Die Beatband First of Second: Der heutige Bürgermeister Paul Iacob (in der Mitte am Mikrofon) war Sänger der Beatband First of Second.

Lange Haare und dann noch die verpönten Jeans - schon vom Äußeren her wollten Paul Iacob und seine Freunde zeigen, dass  sie anders sind und etwas anderes wollen. Der heutige Bürgermeister sang damals in der Beatband "First Seconds". Wie Pilze schossen die Bands 68 in Füssen aus dem Boden erzählt, Karin Ketterl. Für die damals 18 Jahre junge Schülerin war vor allem die Musik der Ausdruck der neuen Freiheit.

"Die haben auch diese Thematik des Umbruchs thematisiert in ihren Songs. Und das hat mich fasziniert. Und das fasziniert mich heute noch. Zum Beispiel: Scott McKenzie. Wenn ich den heute noch höre, dann träume ich immer noch von der großen weiten Welt. Der Blütenkranz durfte nicht fehlen. Das hat mir sehr, sehr imponiert."

Karin Ketterl

Gammeln statt streben

Treffpunkt für die Jugendlichen der 68er Generation war der Baumgarten. In dem Park direkt hinter dem Hohen Schloss in Füssen ließen sie es sich gut gehen.

"Das war für uns manchmal deutlich attraktiver als die Schule. Vielleicht hatte einer eine Gitarre dabei. Und man hatte auch immer zwei Liter Lambrusco dabei. Das waren einfach wunderbare Erlebnisse von Freiheit, die wir uns auch genommen haben."

Hans Schütz, pensionierter Mittelschullehrer

Die 68er haben auch in Füssen etwas bewegt

Auch wenn die Gammler, wie die Jugendlichen oft genannt wurden, manch einem Füssener ein Dorn im Auge waren, Hans Schütz ist überzeugt: Die 68er waren auch für Füssen eine bedeutende Zeit:

"Das hat auch so einer verschlafenen Kleinstadt gut getan, wenn hier Anti-Vietnam-Demonstrationen stattgefunden haben. Dass man auch der Bevölkerung zeigen konnte: Es gibt auch eine andere Meinung und man kann das auch anders sehen. Und diese Öffnung hat auch dazu geführt, dass die Gesellschaft in allen Dingen wesentlich freier geworden ist."

Hans Schütz, pensionierter Mittelschullehrer

Wer mehr über die wilde Zeit in Füssen erfahren will: Die Volkshochschule veranstaltet am kommenden Samstag um 18 Uhr ein Erzählcafé mit Alt-68ern, die aus ihrer Sturm und Drang Zeit in Füssen berichten. Und ab 12. Mai gibt es in den vhs-Räumen noch eine Ausstellung zu den 68ern in der Region.


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