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Schutzranzen Schüler-App in der Kritik

Straßenverkehr kann gefährlich sein, vor allem für Schulkinder. Die App „Schutzranzen“ soll die Sicherheit verbessern, indem sie Autofahrer vor Schülern auf der Straße warnt – allerdings fragen sich viele, ob es wirklich um Sicherheit geht, oder nicht eher ums Bespitzeln.

Von: Jerzy Sobotta, Christian Sachsinger

Stand: 31.01.2018

Hinter parkenden Autos sind Schüler kaum zu sehen, sie toben herum und sind abgelenkt. Autofahrer sind ebenfalls oft nicht aufmerksam, tippen auf ihrem Smartphone herum, oder telefonieren. Das Problem hatte sich Münchner Startups CooDriver vorgenommen, mit dem Projekt „Schutzranzen“. Die App schickt dem Fahrer einen Warnhinweis, wenn er sich Kindern nähert. Damit ein Kind von der Software erkannt werden kann, muss es einen speziellen GPS-Tracker, also ein digitales Ortungsgerät, im Rucksack tragen. Das kann auch das Smartphone sein, auf dem die Schutzranzen-App installiert wurde. Kommt der Autofahrer in die Nähe von Kindern, wird er von seinem Handy gewarnt – selbst, wenn sich die Kinder hinter der Ecke befinden und mit bloßem Auge gar nicht zu sehen sind.

Kritiker sehen großes Datenschutzproblem

Die App soll nicht nur Autofahrern helfen, indem es sie warnt. Auch besorgte Eltern können ihre Kinder damit per Knopfdruck orten. Es lassen sich bis zu fünf sichere Bereiche einrichten. Sobald das Kind diese Zonen verlässt, bekommen die Eltern eine Benachrichtigung. Datenschützer haben daher Alarm geschlagen. Es sei schamlos, Kinder derart zu überwachen und dies als Sicherheitsmaßnahme zu verkaufen, heißt es etwa beim Verein DigitalCourage. Zumal das Startup von der Wolfsburg AG mitfinanziert wird, an der auch der Volkswagen-Konzern beteiligt ist.

"Es geht bei diesem Projekt eben nur um das Geschäft und nicht um die Sicherheit."

Friedemann Ebelt von DigitalCourage:

Auch die Datenschutzbeauftragten von Niedersachsen und Baden-Württemberg haben sich der Kritik angeschlossen. Sie warnen vor Überwachung von Kindern durch ihre Eltern und befürchten, dass sich Autofahrer zu sehr auf die Technik verlassen. Kritisiert wird zudem, dass man mit der App dem Datenhandel Vorschub leiste.

Kein Daten-Geschäftsmodell

Walter Hildebrandt von CooDriver weist den Vorwurf des Datenhandels zurück. Er betont, dass das Projekt gerade auf Anonymität großen Wert lege und keine persönlichen Daten im Netz speichere.

"Wir wollen keine persönlichen Daten und wir haben kein Datenmodell hinten dran."

Walter Hildebrandt, Geschäftsführer, CooDriver

Städte reagieren unterschiedlich

Zwei Pilotprojekte hatte der „Schutzranzen“ dieses Jahr geplant: In den Städten Wolfsburg und Ludwigsburg sollten die Ortungsgeräte gratis an Grundschüler verteilt werden. So sollte die Technologie mit einer großen Anzahl von Schulkindern getestet werden. Nach der Kritik von Datenschützern liegt nun das für Februar geplante Pilotprojekt in Wolfsburg erst einmal auf Eis. Die Stadt hat den Schulen empfohlen, die Aktion vorerst auszusetzten. In Ludwigsburg hingegen hält man an der Zusammenarbeit unverändert fest. Die Technologie ist maßgeschneidert für selbstfahrende Autos.

App als Wegbereiter für selbstfahrende Autos

In Ludwigsburg soll Ende des Jahres der erste selbstfahrende Shuttlebus Fahrgäste befördern. Gerade die unsichtbaren Verkehrsteilnehmer, die eine Kamera nicht erfasst, könnten durch die neue Ortungstechnologie sichtbar gemacht werden. Schulkinder wären dabei nur die erste Versuchsgruppe. Ludwigsburg hat nun zu einem runden Tisch eingeladen. Daran sollen neben den Schutzranzen-Erfindern und DigitalCourage auch der Landesdatenschutz, die Polizei, der ADAC, Schulbehörden und der Elternbeirat teilnehmen. Die grundsätzliche Diskussion zwischen Datenschützern und Technologiebefürwortern hat mit Schutzranzen ein ganz konkretes Thema bekommen.


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