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Nach Shitstorm Real nimmt Nazi-Memorabilia aus dem Sortiment

Am Sonntag entfachte Entertainer Jan Böhmermann einen Shitstorm gegen die Kaufhauskette Real, weil dies Nazi-Memorabilia online zum Verkauf bot. Nach heftigem Protest nahm Real die Produkte aus dem Sortiment. Anderswo kann man sie noch kaufen.

Von: Max Muth

Stand: 04.12.2017

Helm des Afrikakorps | Bild: Screenshot Real.de

Onlineshop gehackt? Wehrmachts-Romantik im Online-Shop von Real.

Die Warenhauskette Real hat nach Protesten ca. 50 Produkte aus ihrem Online-Shop entfernt. Ein Twitter-Nutzer hatte Sonntagmittag entdeckt, dass sich unter den 12 Millionen Produkten, die es bei real.de zu kaufen gibt auch ein Tropenhelm befindet, der den Afrikakorps-Helmen der Wehrmacht nachempfunden ist. Wenige Stunden später nahmen sich unter anderem Jan Böhmermann und der Tagesspiegel Journalist Matthias Meisner der Sache an. "Bitte sagt, dass der Onlineshop gehackt ist," schreibt Meisner mit Hinweis auf den Tropenhelm via Twitter.

Der Tropenhelm ist kein Einzelfall

Hunderte Retweets und wenige Stunden später steht fest: der Tropenhelm ist kein Einzelfall. Ein Kochbuch zum Überleben in den deutschen Kolonien, herausgegeben vom Oberkommando der Wehrmacht, eine Wehrmachtsuniform, Nazi-Lektüre, verschiedene Aufnäher. Dutzende solcher Produkte haben es durch die Filter des Online-Shops geschafft. Das Unternehmen reagiert vergleichsweise schnell. Noch am Abend entfernt Real einige der beanstandeten Produkten aus dem Sortiment. Auf Twitter stellte das Unternehmen am Montag klar:

"Wir distanzieren uns von sämtlichen Artikeln, die die Vorgänge in der Zeit des Nationalsozialismus verherrlichen und als Fan-Artikel angeboten werden. Wir bitten alle um Entschuldigung und entfernen entsprechende Artikel sofort."

@realMarkt auf Twitter

Doch wie kamen die Artikel ins Real-Sortiment? Mitte 2016 hat Real das Online-Kaufhaus "hitmeister.de" übernommen und das komplette Marktplatzgeschäft in Real eingegliedert. Das heißt: Drittanbieter können über den Online-Marktplatz ihre Waren anbieten. Das Sortiment wird dadurch riesig. Im Februar startete der Real-Onlinemarktplatz mit 5,5 Millionen Produkten. „Bereits damit waren wir, was die Größe des auf dem Online-Marktplatz angebotenen Sortiments betrifft, auf einen Schlag der drittgrößte Onlinemarktplatz hinter Amazon und Ebay in Deutschland. Mit deutlichem Abstand natürlich.“

Neu auf der Blacklist: "Afrikakorps"

Bis heute sind noch einmal rund 6 Millionen Produkte dazu gekommen. Wurden die alle überprüft? Ja, sagt Real-Pressesprecher Markus Jablonski. Allerdings geschehe diese Prüfung meist nicht durch Mitarbeiter, sondern durch Maschinen. Zum einen gebe es bei Real eine Blacklist von Produkten, die von vornherein nicht verkauft werden dürfen, sagt Jablonski. Außerdem werden neue Produktangebote nach Schlüsselwörtern durchsucht und Mitarbeiter auf mögliche Verstöße aufmerksam macht. Seit Sonntag steht auch "Afrikakorps" auf der Schlüsselwort-Blacklist.

"Viele der Produkte, um die es hier geht, sind strafrechtlich vermutlich nicht problematisch,“ sagt Jablonski. Zumindest eines der angebotenen Produkte könnte für den Verkäufer ein juristisches Nachspiel haben. Ein Aufnäher mit einem Totenkopf mit Wehrmachtshelm und Deutschlandfahne wirbt in den Metadaten:

"Auch nach dem Tod kämpft dieser Schädel noch für die Ideale des 'Dritten Reichs', wobei er immer noch einen Helm der Wehrmacht in den Farben von Deutschland trägt. Mit diesem Aufnäher können Sie deutlich machen, dass Ihnen einige Ideen aus dieser Zeit auch heute noch gefallen."

Aus den Metadaten eines auf real.de angebotenen Aufnähers

Anzeige gegen Unbekannt

Der Sprecher der Grünen Jugend Würzburg, Sebastian Hansen, hat wegen des Aufnähers laut eigener Aussage Anzeige gegen Unbekannt wegen Volksverhetzung erstattet.

Sollten Polizei oder Staatsanwaltschaft tatsächlich entscheiden zu ermitteln, dann dürfte "Unbekannt" recht schnell bekannt werden. "Anders als das etwa bei anderen Online-Marktplätzen der Fall sein kann, wissen wir konkret, wer als Marktplatzhändler bei uns verkauft," sagt Pressesprecher Jablonski. Heißt: Wer bei Real Waren anbieten will, muss sich registrieren und seine Identität per Personalausweis bestätigen. Mit Strafverfolgungsbehörden würde Real selbstverständlich kooperieren, sagt Jablonski. Anfragen dazu gebe es bisher aber noch nicht.

Real ist Shitstorm-erprobt

Es ist nicht das erste Mal, dass Real auf einen Shitstorm reagiert. Zuletzt nahm Real Produkte aus dem Sortiment, die ein Staatsgebiet Kurdistans mit international nicht anerkannten Grenzen symbolisierten. In einem anderen Fall entfernte Real einen Waschtisch-Unterschrank aus dem Angebot. Der Grund: auf dem Möbelstück war eine Moschee abgebildet, was Muslimen nicht gefiel. Diese Rücksichtnahme auf die Gefühle muslimischer Kunden führte dann im Umkehrschluss zu weiteren Protesten: diesmal von Rechts.

Übrigens: Real ist bei weitem nicht der einzige Online-Händler, bei dem es Produkte zu kaufen gibt, die das Dritte Reich romantisieren. Amazon verkauft nach wie vor den Wehrmachts-Tropenhelm, die Bücher-Versandhäuser Weltbild und Thalia führen die Kochtipps des Wehrmacht-Oberkommandos im Sortiment.


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