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Pflegenotstand Seniorenheime vor dem Kollaps

Kommt es zur Neuauflage der großen Koalition, dann sollen rund 8.000 neue Stellen im Pflegesektor entstehen. Eine Zahl, die dem wirklichen Personalbedarf in Deutschlands Altenheimen jedoch nicht annähernd gewachsen ist.

Von: Antonia Böhm, Verena Schälter

Stand: 19.02.2018

Ein schneller Ersatz im Krankheitsfall - im Pflegeteam des Heims SeniorenWohnen - Haus am Park in Bad Tölz ist das eine fast unlösbare Aufgabe, die mittlerweile Alltag geworden ist. Planbarkeit ist kaum in Sicht, denn es mangelt an Fachkräften. Leiterin Anke Bimschas ist besorgt, dass die Zusatzbelastung des jetzt vorhandenen Personals bei Ausfällen zu zusätzlichen Engpässen führt.

"Durch die Ausfälle ist es so, dass wir eigentlich ständig unseren Tag neu organisieren müssen, wir müssen Abläufe anpassen. Wir versuchen das sehr bewohnerorientiert zu machen. Aber das Umdenken, dieses ständige Umdenken, sich immer wieder neu auf die Situation einstellen müssen, ist extrem anstrengend. Und führt auch dazu, dass man viele Dinge als Stress empfindet."

Anke Bimschas, Heimleiterin 'SeniorenWohnen Haus am Park' in Bad Tölz

Die Bewohner haben besonders zu leiden

Nirgendwo sonst ist die Krankheitsquote so hoch wie in der Pflege. Hier in Bad Tölz versorgen zwölf Pflege- und Fachkräfte 29 Bewohner stationär in drei Schichten. Fällt eine Fachkraft aus, bringt das ein so kleines Haus wie dieses an seine Belastungsgrenzen. Das zeigt sich auch, wenn das Mittagessen verteilt wird. Einige Bewohner brauchen Hilfe. Es fehlt an Personal, um allen gleichzeitig gerecht zu werden - manche Bewohner müssen dann auf ihr Essen warten. Und das muss dann noch mal warmgemacht werden, sagt Margit Hiedl, die seit 23 Jahren als Altenpflegerin und gerontopsychatrische Fachkraft im Pflegeheim beschäftigt ist.

"Es brauchen noch mehr Unterstützung beim Essen und sie brauchen auch Ruhe dazu und auch die Gelegenheit, das umzusetzen. Das würde nicht immer so funktionieren, wenn wir nicht Angehörige hätten oder Ehrenamtliche, die uns dabei unterstützen. Denn was wir uns unter einer guten Pflege vorstellen, lässt sich mit den normalen Pflegesatzschlüssel nicht umsetzen."

Margit Hiedl, Altenpflegerin in Bad Tölz

Die Leidtragenden sind die Bewohner. Else Blumenthal lebt seit fünf Jahren in der Pflegeeinrichtung. Im Großen und Ganzen ist sie noch fit. Sie wünscht sich mehr seelische Zuwendung, Zeit für ein Gespräch.

"Sind oft überlastet, die Pflegekräfte, und wenn man sie braucht, dann sind sie nicht greifbar."

Else Blumenthal, lebt im Pflegeheim 'SeniorenWohnen Haus am Park' in Bad Tölz

Neue GroKo-Pläne halten der Realität kaum stand

Deswegen muss die Politik handeln. Die große Koalition will flächendeckende Tariflöhne einführen. Durch sie sollen Beschäftigte einheitlichere und vor allem höhere Gehälter in der Pflege bekommen. Außerdem sollen 8.000 neue Stellen für sofort einzustellende Fachkräfte entstehen.

Der Haken: Deutschlandweit gibt es rund 13.000 Pflegeeinrichtungen. So käme, wenn es im Fall der neuen großen Koalition zu den geplanten Maßnahmen kommen sollte, auf eine Einrichtung gerade mal etwas mehr als eine halbe zusätzliche Stelle. Und: Laut Experten fehlt es in Deutschlands Pflegeheimen nicht an 8.000, sondern schon heute an 50.000 Fachkräften. Für das Jahr 2030 geht der Deutsche Pflegerat von 300.000 zusätzlich nötigen Stellen aus.

Woher sollen die zusätzlichen Pflegekräfte kommen? Im Beruflichen Schulzentrum in Mühldorf am Inn, wo etwa 180 zukünftige Alten- und Krankenpfleger in drei Jahren ausgebildet werden, wären noch Kapazitäten da: um viel mehr hoch motivierte Leute auszubilden, die sich ganz bewusst für diesen Beruf entscheiden, denen es vor allem auch um den sozialen Austausch mit den Heimbewohnern und ihren individuellen Bedürfnissen geht. In der Praxis schreckt der Beruf jedoch viele ab, weiß Studienrat Holger Sahm, und sieht Handlungsbedarf:

"Wir haben Fachkräftemangel und die jungen Menschen konkurrieren auch mit vielen anderen Berufen. Und da muss sich halt die Pflege aufstellen und versuchen, so attraktiv wie möglich zu sein."

Holger Sahm, Berufliches Schulzentrum in Mühldorf am Inn

Mehr Anerkennung für den Pflegeberuf erforderlich

Für Altenpflegerin Margit Hiedl war ihr Beruf immer Herzenssache. Doch nach 35 Jahren in der Pflege musste sie viele Ideale aufgeben. Würde sie sich auch heute noch für diesen Beruf entscheiden?

"Ich glaube, unter den momentanen Bedingungen: nein. Aber solche Entschlüsse fasst man, wenn man sehr jung und idealistisch ist. Aber mit den jetzigen Erfahrungen: nein."

Margit Hiedl, Altenpflegerin in Bad Tölz

Doch wie kann man Fachkräfte wie Margit Hiedl halten und gleichzeitig für den Nachwuchs attraktiver werden? Geld allein reicht da nicht, glaubt Heimleiterin Anke Bimscher.

"Das ist so ganz typisch, dass auch Mitarbeiter mir schon erzählt haben, dass sie sich eigentlich schon gar nicht mehr trauen zu sagen, dass sie in der Altenpflege tätig sind. Also, da braucht es einfach ein gesellschaftliches Umdenken. Es braucht einen anderen Status für die Pflegekräfte, es braucht wesentlich mehr Akzeptanz und Anerkennung."

Anke Bimscher, Heimleiterin 'SeniorenWohnen Haus am Park' in Bad Tölz

Die Politik muss also noch weit mehr tun - damit das System nicht eines Tages kollabiert.


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Vogel Jürgen, Montag, 19.Februar, 18:23 Uhr

23. Pflege

Können sie mir erklären warum Pflegedienste für 30 Minuten Pflege pro Tag mehr als doppelt soviel Geld aus der Pflegekasse erhalten als Angehörige in der häuslichen Pflege die 24 Stunden am Tag für den zu Pflegenden da sind. Ich habe diese Frage der CDU, CSU, SPD und FDP auf ihren offiziellen Internetseiten gestellt und seit über einen Monat keine Antwort erhalten.

Stephanie Benneker, Montag, 19.Februar, 13:07 Uhr

22. Schräglage im gesamten Sozialen Bereich

Seit Jahren beobachte ich es mit entsetzen, dass es im Gesundheits- bzw. Sozialwesen zu einer gewaltigen Schräglage kommt.
Ich bin selbst Krankenschwester, bin mehr als die Hälfte meines Lebens für Menschen tätig. Auch ich kann bestätigen: Ich würde diesen Beruf so nicht mehr ergreifen.
Mein Vater war lange als Internist tätig, ebenfalls im Rettungsdienst. Dort lernte ich viele idealistische, junge Männer kennen, die die Ausbildung im Rettungsdienst begannen. Heute - viele Väter - mittlerweile getrennt weil der Schichtdienst belastend ist - brauchen einen Zweit- oder Drittjob.

Auch im Hebammenwesen - "die Erlöse" für eine Spontangeburt sind einfach zu gering lt. DRG.
Mittlerweile ertrage ich den Blick nur noch von außen auf das System. Und erkenne, wo es überall krankt. Es macht mich traurig, wenn ich sehe, das Menschen zu Fällen verkommen und die Ärzte Dollarzeichen in den Augen bekommen. Ethisch und moralisch fragwürdig!

Regina Lachmann, Sonntag, 18.Februar, 20:43 Uhr

21. Pflegenotstand

Solange die Politik es Betreibern von Pflegeheimen gestattet mit der Pflege alter Menschen Profit zu machen, wird sich an der immmer schlimmer werdenden Situation nichts ändern.

Günther Mulz, Sonntag, 18.Februar, 00:29 Uhr

20. Pflegenotstand

Ich bin nicht im Pflegedienst tätig, kann mir aber die Schwere der Arbeit am Menschen doch vorstellen.
Der Pflegenotstand ist ein klares Versagen der Politik, der lieber die Automobil- und Pharmaindustrie subventioniert anstatt für das erforderliche Pflegepersonal Steuerfreibeträge, kürzere Arbeitszeiten sowie mehr Urlaubstage für den Beruf Pflege einführt. Wie kann es sein, das Pflegeheime in den letzten Jahren gebaut wurden von denen aber nur teilweise 50% der Stationen wegen Personalmangel eröffnet wurden. Sollte jemand nach den Kosten fragen, es liegt an der Umverteilung.

Hildegard Dandlberger, Donnerstag, 15.Februar, 19:49 Uhr

19. Pflegenotstand

Ich bin selber Altenpflegerin und eigentlich liebe ich meinen Job aber schon in meinem ersten Lehrjahr musste ich die Schattenseiten kennen lernen. Es hieß pro Bewohner habe ich eine halbe Std. Zeit sollte aber gleich im Patientenzimmer die Dokumentation schreiben, für diese brauchte man schon 10 - 15 Min. So blieben für den Bewohner noch ca. 15 Min. Zeit zur Grundpflege. Das ist nur hetzen aber kein schönes arbeiten und geht zu Lasten der alten Leute.
In der Pflege wird nicht nur mehr Personal gebraucht, sondern auch die Bürokratie sollte erleichtert werden und der Pflegeschlüssel überdacht werden. Die Pflegegrade waren schon mal ein Anfang aber der war so minimal, dass er in den Heimen fast nicht zu spüren war. Ebenso wird von den 8.000 Stellen nichts zu merken sein, wenn sich nicht mehr finden die diesen eigentlich schönen Beruf machen wollen. Die Lobby gegen über unserer alten muss verbessert werden.