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Tiere leiden für die Modeindustrie Europas Gier nach Pelz

Echter Pelz an Jacken, Mützen, Taschen – vielen Käufern ist bewusst, dass dahinter Tierleid steckt, vor allem wenn die Ware aus Asien kommt. Was wenige ahnen: Europa mischt kräftig mit beim Milliardengeschäft Pelz. Die Industrie bewirbt europäischen Pelz mit mehr Tierschutz und wird dabei von der Politik unterstützt. Doch es sind faule Versprechen.

Von: Vanessa Lünenschloß und Jan Zimmermann

Stand: 26.02.2017

Nerz in einer Pelztierfarm in Deutschland | Bild: BR

Bei Minusgraden läuft Pawel Rawicki von der Tierschutzorganisation "Open Cages" durch einen Wald in Polen. Zwischen den Bäumen liegt eine Pelzfarm. Hunderte Füchse und Marderhunde sitzen in engen Käfigen, die Pfoten auf Drahtgitter, sie haben kaum Platz sich umzudrehen. Futter und Wasser sind gefroren. Einige Tiere drehen in der Enge der Käfige durch, andere sind völlig apathisch oder gar verletzt. Auf Nerzfarmen haben Pawel Rawicki und seine Kollegen noch Schlimmeres dokumentiert: verletzte und tote Tiere, Kannibalismus und Mitarbeiter, die Nerze totprügeln.

"Die Pelzindustrie in Polen hat sich den letzten Jahren stark entwickelt. Es gibt Investoren aus Holland und Dänemark. Polnische Nerzzüchter bauen immer neue Farmen. Auch das Geschäft mit Marderhunden hat leider einen großen Zuwachs."

Pawel Rawicki, Open Cages International

Die größten Produzenten: Polen und Dänemark

Polen ist für die Pelzindustrie in Europa ein wichtiger Wachstumsmarkt und inzwischen der zweitgrößte Produzent nach Dänemark. Über 800 Farmen gibt es landesweit. Die Tiere leben etwa sechs bis acht Monate, bis sie meist vergast oder mit Strom getötet werden und ihnen der Pelz abgezogen wird. Die Zuchttiere bleiben länger auf der Farm. Sie leben bis zu drei Jahre in Gefangenschaft in den engen Käfigen.

EU-Norm aus den 90ern

Unfassbar: Die winzigen Käfige in Polen verstoßen nicht gegen EU-Recht. Die Empfehlung des Europarates von 1999 sieht nur 0,8 Quadratmeter für einen Fuchs vor, ein Drittel davon für einen Nerz. Seither hat sich nichts geändert. Verbesserungen der Haltungsbedingungen scheitern in der EU an den Interessen der pelzproduzierenden Länder, allen voran Skandinavien.

Fuchs auf einer Pelztierfarm

Die Pelzindustrie bewirbt mit Imagekampagnen den angeblich besseren Pelz aus Europa. Sie entwirft Label wie "Origin Assured" und PR-Aktionen wie "Open Farms". Der Verbraucher soll den Eindruck bekommen, den Tieren gehe es gut. Doch die Realität in den Farmen ist eine andere. Unterstützung bekommt die Industrie von der Politik. In den Jahren 2014 und 2015 waren zwei Abgeordnete Schirmherren für Ausstellungen der Pelzindustrie mitten im EU-Parlament: Jens Rohde aus Dänemark und Nils Torvalds aus Finnland.

Die Tierschutzorganisation "Vier Pfoten" kritisiert, dass die Industrie und deren Kampagnen nicht hinterfragt werden.

"Es gibt keine offenen oder transparenten Farmen, es passiert alles hinter verschlossenen Türen. Keiner will, dass man das Tierleid sieht."

Martin Rittershofen, Vier Pfoten Deutschland

Fakten über die Pelzproduktion

Einige EU-Länder haben inzwischen Pelzfarmverbote oder strengere Vorgaben für die Haltung erlassen, auch Deutschland. Es gibt noch sechs Nerzfarmen, vor allem im Norden der Bundesrepublik. Die Betreiber bekamen zehn Jahre Übergangszeit für größere Käfige mit festen Böden, Spiel- und Klettermöglichkeiten sowie Schwimmbecken für die Tiere. Doch die Farmer setzen das nicht um.

"Wir haben auf allen deutschen Pelzfarmen diese schlimmen Zustände, dass die Züchter sich nicht an geltendes Recht halten. Das heißt, die Käfige sind immer noch auf dem Stand von vor fünf, sechs Jahren, wo sie hätten eigentlich aufrüsten müssen. Und das ist natürlich ein Skandal, dass so was noch erlaubt ist."

Frank Schmidt, PETA Deutschland

Haltungsvorschriften statt Pelzfarmverbot

Eigentlich wollte Bundeslandwirtschaftsminister Christian Schmidt, CSU, ein Pelzfarmverbot für Deutschland. Doch im vergangenen Jahr schrumpfte der Vorstoß zusammen. Aktuell ist nur noch ein Katalog strengerer Haltungsvorgaben als Gesetz geplant. Vorschriften, die bereits in einer Tierschutz-Verordnung existieren und von den Farmern ignoriert werden. Der Koalitionspartner SPD kritisiert das.

"Es blockieren vor allem die Wirtschaftspolitiker aus CDU und CSU, aber es ist auch sonst in der CDU-Bundestagsfraktion eine gewisse Lobby da, die sagt, wir brauchen wirtschaftliche Freiheit, und da ist es offenbar ganz egal, dass es um Lebewesen geht, die im Moment einfach unerträglich gequält werden."

Ute Vogt, SPD Vize-Fraktionschefin 

Tierschutz beim Pelzkauf unwichtig

Bei vielen Kunden spielt der Tierschutz indes kaum eine Rolle. Aus einer bundesweiten Studie der Dualen Hochschule Baden-Württemberg in Ravensburg, exklusiv für die ARD und den Bayerischen Rundfunk, geht hervor: Mehr als 60 Prozent der befragten Echtpelz-Träger kauften gezielt Fell vom Tier. 38 Prozent gaben an, der Echtpelz-Kauf sei keine Absicht gewesen.

"Die wichtigsten Gründe sind Aussehen, Tragekomfort, wie es sich anfühlt, und Preis-Leistungs-Verhältnis."

Bodo Möslein-Tröppner, Duale Hochschule Baden-Württemberg in Ravensburg

Überrascht hat die Wissenschaftler: 76 Prozent der Kunden, die sich bewusst für echtes Fell entschieden haben, kennen die Medienberichte über das Tierleid auf den Farmen. Woher der Pelz kommt und wie sehr die Tiere gequält werden, ist ihnen offenbar egal.


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Hadschi Halef Omar ben Hadschi etc. etc. etc., Sonntag, 26.Februar, 20:20 Uhr

11. Echtpelzverbot / einheimische Jagd

Ein generelles Echtpelzverbot wird wohl von der heimischen Jägerlobby auch blockiert, da auch einheimisches Haarwild Pelz liefert.
Dagegen wäre ein "Zuchtpelzverbot" ohne Jägerlobby eher durchsetzbar.
Dann könnte "Einheimischer Wildpelz" aus Jägerhand als im Rahmen des Bundesjagdgesetzes weidmännisch erlangtes Naturprodukt auftrumpfen.
DAS wäre mal was für die Jägerschaft, sich dafür einzusetzen.
Jäger: Ihr habt so viel Macht - machts doch mal was damit, womit ihr die Öffentlichkeit bravorufend hinter Euch habt.!

Bernhard, Sonntag, 26.Februar, 13:00 Uhr

10. Problem der EU

Ich kann nicht nachvollziehen, dass der BR vor allem nationale deutsche Gesetze fordert, obwohl das Hauptproblem in Polen und Dänemark liegt.
Ich bedaure, dass das Europaparlament während der Präsidentschaft des angeblichen Hoffnungsträgers Martin Schulz geschlafen hatte.
Wenn sich die SPD-Abgeordneten im Europaparlament zu wenig engagiert haben, sehe ich den SPD-Vorstoß in Deutschland als wenig glaubwürdig an.

  • Antwort von Rumplhanni, Sonntag, 26.Februar, 17:10 Uhr

    n-tv , 29.11.2012 ist ein Bericht zu finden: „Schächten in Polen verboten, Gericht ignoriert EU-Regelung“: „Für die einen ist es Tierquälerei, für die anderen wichtiger Bestandteil des religiösen Lebens. … und löst damit Proteste in den jüdischen und muslimischen Gemeinden des Landes aus.“ Lt. anderem Bericht sandte die European Jewish Association einem „Hilferuf an die EU“. Wer sich dagegen ausspricht ist zudem „antisemitisch“. Es wurde angeblich auch deshalb wieder aufgegeben, weil es sich als wirtschaftlicher Nachteil herausstellte - Schächten ist in ganz EU ein einträgliches Geschäft. Die Polen wollen keine Welt aus „Radfahrern und Vegetariern“? Verständlich! Ärmer als wir sind sie oft gezwungen dieses „freiwillig“ zu leben.

    Der Grüne Beck ist bekannt verständig dafür. Ob Grün Hofreiter dies wohl in seinem „brandheißen“ Fleischbuch angeprangert hat? SPD springt gerade auf diese Grüne „ideologische“ Linie auf. Rot-Rot-Grün wähle ICH sicher nicht!

Anita, Mittwoch, 15.Februar, 16:20 Uhr

9. Peelze

Schuld ist der Verbraucher, der unbekümmert kauft und diejenigen, die Pelz verarbeiten. Warum gibt es dafür kein Einfuhrverbot? Ausserdem wäre Aufklärung mit Bildern und Filmen in den Medien erforderlich, die zeigen, wie grausam Tiere dafür leiden müssen. Geht es um Hund oder Katze, da überschlägt man sich bei Tierquälerei ( ein zwei Tage wenigstens) Bei den " Pelzlieferanten" ist man grosszügig. Warum? Ich persönlich würde mich schämen, etwas zu tragen, wofür ein anderes Wesen hat leiden bzw sterben müssen.

Karin, Mittwoch, 15.Februar, 16:04 Uhr

8. Pelztiere

Diese Tiere, die so unendlich leiden für nichts als blödsinnige Mode, sind Geschöpfe Gottes, genau wie der Mensch. Und sie empfinden genau wie Menschen Leid, Trauer und Schmerz.

JEDER, der Echtpelz trägt, macht sich des MORDES an unseren Mitgeschöpfen schuldig! Das ist mit nichts zu entschuldigen. Und ich wünsche jedem dieser gedankenlosen Typen, daß auch sie eines Tages genau so leiden müssen.

Der Pelz gehört dem Tier, so wie die Haut und seine Haare dem Menschen. Ich persönlich empfinde nichts anderes als Verachtung für Pelzträger.

Was völlig fehlt, ist - mal wieder - die Politik, die rein gar nichts zum Wohle unserer Mitgeschöpfe unternimmt. Es ist einfach nur traurig...

Rainer, Mittwoch, 15.Februar, 15:43 Uhr

7. Pelztiere

Zuerst einmal danke schön an die Redakteure des Bayrischen Rundfunks dass sie immer wieder Tierschutzthemen aufgreifen.

Die Grausamkeit gegen die Tiere und auch die Teilnahmslosikeit gegenüber ihren Leiden ist nach meiner Ansicht eine der schlimmsten Sünden des Menschengeschlechts. Ich habe niemals an diese Millionen von still und geduldig ertragenen Leiden denken können, ohne von ihnen bedrückt zu werden.
Wenn der Mensch so viel Leiden schafft, welches Recht hat er dann, sich zu beklagen, wenn er selbst leidet?

Romain Rolland, Nobelpreisträger 1915

Ich denke, dem ist auch heute nichts hinzuzufügen.

  • Antwort von Oliver S., Mittwoch, 15.Februar, 16:22 Uhr

    " ... Wenn der Mensch so viel Leiden schafft, welches Recht hat er dann, sich zu beklagen, wenn er selbst leidet? ..."

    Solche Sprüche sind sinnlos. Denn auch unter den Menschen gibt es sehr viele, die leiden, aber nichts dafür können. Insbesondere Kinder - weltweit. Dieses weltweite Leid hat wohl nichts damit zu tun, wie der Mensch mit Tieren umgeht.

    Aber ansonsten stimme ich Ihnen zu. Wobei es ganz ohne Leid leider nicht geht. So ist das in dieser Schöpfung nun mal - fressen und gefressen werden. Genau betrachtet ist es sogar sinnvoll, wie es ist. Auch wenn es oftmals brutal anmutet, wenn man sich die Tierwelt so anschaut (Jagdverhalten, etc.). Verwerflich und problematisch wird es, wenn - wie hier - zusätzliches, sinnloses und vermeidbares Leid künstlich erzeugt wird. Früher musste sich der Mensch mit Pelz vor Kälte schützen, heute dient das lediglich der Mode für eine bestimmte Schicht. Darauf könnte man in der Tat gut verzichten.