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Kritik von Dekan Abgeschobene Afghanen: Deutliche Forderungen aus Weiden an Politiker

Aus Weiden sind letzte Woche zwei Afghanen in ihr Heimatland abgeschoben worden. Der Weidener Dekan Wenrich Slenczka kritisiert nun öffentlich das Vorgehen von Politikern. Ein Sprecher des Bayerischen Innenministeriums dagegen widerspricht der Darstellung des Vorgangs durch Flüchtlingsinitiativen.

Von: Margit Ringer und Uli Scherr

Stand: 11.07.2018

Demonstranten halten am 27.03.2017 vor dem Bundesamt für Migration und Flüchtlinge in Berlin, während einer Kundgebung des Berliner Bündnis gegen Sammelabschiebungen nach Afghanistan, ein Transparent mit der Aufschrift «Keine Abschiebung nach Afghanistan».  | Bild: picture-alliance/dpa

Nachdem sich ein aus Hamburg abgeschobener Afghane in seinem Heimatland das Leben genommen hat, ist die Bestürzung auch in Weiden groß. Auch hier wurden in der vergangenen Woche zwei junge Afghanen zusammen mit 67 anderen (davon 51 aus Bayern) abgeschoben. Einer der beiden, 26 Jahre alt, hatte bereits auf dem Weg zum Flughafen versucht, sich das Leben zu nehmen.

"Ich bin erbost über das was geschehen ist"

Zu ihm hat der evangelische Dekan Wenrich Slenczka nach wie vor per Mail oder Whatsapp Kontakt. Der Geistliche hat große Angst um seinen Schützling in Afghanistan, der im vergangenen Jahr zum evangelischen Glauben konvertiert ist und insgesamt acht Jahre lang in Weiden gelebt hat. Der 26-Jährige war integriert, sprach deutsch, arbeitete und hatte eine eigene kleine Wohnung. "Ich bin erbost über das was geschehen ist", so Slenczka. In Afghanistan habe der 26-Jährige keine Chance sich ein neues Leben aufzubauen, seine Familie sei tot und seinen christlichen Glauben müsse er geheim halten.

"Ich möchte unbedingt, dass die Öffentlichkeit wach wird"

Bei dem Geistlichen sei nun die Kampfeslust erwacht, sagt er. "Es ist schon viel getan, wenn man einmal wahr nimmt, wie verantwortungslos hier mit Menschen umgegangen wird. Da wird nur die Zahl 69 genommen und ein gewisser Herr feiert damit Geburtstag. Das ist so verantwortungslos, so kann man nicht mit Menschen umgehen. Und das darf auf keinen Fall wieder passieren", sagte Slenczka dem BR.

"Ich möchte unbedingt, dass die Öffentlichkeit wach wird und gewisse Politiker nicht mehr so verantwortungslos und unbedacht in die Gegend reden und handeln" Dekan Slenczka

Politiker sollen sich mehr um die Menschen kümmern

Von den Politikern fordert er, sie sollten zurückkehren, sich um die Menschen zu kümmern und sich auch die Einzelfälle ansehen. "Sie sollen sich nicht von denen treiben lassen, die vom rechten Rand meinen, alles aufmischen zu müssen". Er hat zusammen mit einem Rechtsanwalt und dem Arbeitskreis Asyl versucht, mehrmals gegen die Ablehnung zu klagen. Bei den anderen afghanischen Flüchtlingen werde "Willkür" wahr genommen, warum gerade diese beiden abgeschoben wurden. "Wenn er das, was er hier erlebt hat, in einem afghanischen Gefängnis erlebt hätte, hätte man ihm hier vielleicht Asyl gegeben".

"Die Vorwürfe sind falsch"

Ein Sprecher des Bayerischen Innenministeriums widerspricht auf Anfrage des Bayerischen Rundfunks der Darstellung des Vorgangs durch Flüchtlingsinitiativen. "Die Vorwürfe sind falsch", sagte der Sprecher. Jeder einzelne Fall sei von den zuständigen Verwaltungsgerichten geprüft worden. In allen 51 Fällen, habe es sich um volljährige, ausreisepflichtige, abgelehnte Asylbewerber gehandelt. Keiner der von der Abschiebung betroffenen Männer habe sich in einem qualifizierten Ausbildungsverhältnis befunden.

"3 plus 2-Regel“ eingehalten

In keinem der Fälle sei gegen die sogenannte "3 plus 2-Regel“ verstoßen worden, so der Sprecher. Diese Regel garantiert Asylbewerbern, die bereits ein Ausbildungsverhältnis aufgenommen haben, dass sie auch bei einer Ablehnung ihres Asylantrags die Lehre beenden (3 Jahre) und anschließend noch mindestens 2 Jahre in dem erlernten Beruf arbeiten dürfen. Die vom bayerischen Flüchtlingsrat erwähnte Selbstverpflichtung sei in dieser Form nicht mehr in Kraft.


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QuoVadis, Donnerstag, 12.Juli, 07:50 Uhr

3. Täter oder Opfer?

Festzustellen ist, dass jeder Mensch für sich und sein Handeln verantwortlich ist.
In einem Beitrag vom BR am 13.10.2016: Die Zahl der Menschen, die sich in bayerischen Gefängnissen das Leben nehmen, schwankt nach Erhebungen des bayerischen Justizministeriums sehr. Im Jahr 2004 gab es 18 Suizide in bayerischen Justizvollzuganstalten, 2009 waren es neun, 2013 sechs. Diese tragischen Fälle ließen sich leider nie völlig ausschließen, so Bayerns Justizminister Winfried Bausback.
Nun sicher war auch hier jeder Suizid einer zu viel. Die Situation des Afghanen dürfte mutmaßlich ähnlich gewesen sein. Bei der Abwägung, ob solch ein Suizid so zu werten sei wie der eines Opfers von Mobbing etc., verstehe ich persönlich die große Aufregung nicht. Viele andere Suizide haben auch Kirchenmänner, katholisch oder evangelisch, kalt gelassen. Also bitte auf dem Boden bleiben. Ich bezweifle, dass hier alzu leichtfertig abgeschoben werden und stehe voll hinter dem Vorgehen unseres Staates

Susi Müller , Mittwoch, 11.Juli, 19:51 Uhr

2.

Der Herr Dekan ist empört, na so was aber auch. Nachdem sich heute Grüne, Linke und Proasyl negativ über Herrn Seehofer geäußert haben und sogar seinen Rücktritt forderten, war jetzt in den Nachrichten zu hören, dass der Asylbewerber, der sich das Leben nahm, wegen Diebstahl, Drogen und Körperverletzung bereits des öfteren auffällig. Sowas wird von den Medien ja gerne verschwiegen. Ausgerechnet die Kirche sollte sich zurück halten, die sich jeden Handstrich fürstlich entgelten lässt . Wo waren denn die Grünen, Linken und die Kirche, als der Iraker Susanna ermordete und eine Elfjährige vergewaltigte. Da war Stillschweigen angesagt.

Many, Mittwoch, 11.Juli, 18:47 Uhr

1. Jeder Selbstmord

ist einer zuviel. Auch sollte man sich bei denen die zur Ausreise anstehen, überzeugen wie weit sie sich eingelebt haben. Der junge Mann war ein verurteilter Straftäter. Ich habe das Gefühl.daß solche Geschichten im Jahr des Wahlkampfes auch etwas aufgebauscht werden.
Bei Selbstmördern in Deutschland gibt es höchstens einen Zweizeiler,wenn überhaupt.

  • Antwort von Pia, Donnerstag, 12.Juli, 06:40 Uhr

    @Many
    Sicher ist jeder Suizid einer zuviel. Genauso, wie jeder Verkehrstote. Oder jedes Tötungsopfer.
    Nur zwei Dinge dazu.
    1. Gilt sonst immer so eine Art "Presseehrenkodex", dass Suizide nicht groß thematisiert werden, um Nachahmungen zu vermeiden, die bei dieser Thematik schnell auftreten (Werther-Effekt).
    2. Wo sind denn die Suizidmeldungen und Schuldzuweisungen, wenn sich jemand z.B. nach einer Entlassung etc. das Leben genommen hat? Auch bei dieser Person wäre davon auszugehen, dass sie ihr Leiden nicht mehr ertragen hat und keinen Ausweg wusste.