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Nach 120 Jahren Zugspitz-Wetterbeobachter beenden Arbeit

Deutschlands höchstgelegener Arbeitsplatz wird abgebaut. Nach fast 120 Jahren reduziert der Deutsche Wetterdienst zum 1. Juni seine Beobachter auf der Zugspitze. Norbert Stadler ist einer von ihnen - 40 Jahre und damit ein Drittel der Zeit war er dabei.

Von: Claudia Grimmer

Stand: 27.05.2018

Norbert Stadler, Wetterbeobachter beim Deutschen Wetterdienst auf der Zugspitze | Bild: picture-alliance/dpa/Angelika Warmuth

Nach fast 120 Jahren reduziert der DWD zum 1. Juni seine Beobachter an Deutschlands höchstem Berg. Damit sind nur noch etwa 15 Stunden pro Tag Menschen vor Ort. Sie messen die Schneehöhe oder den Niederschlag. Außerdem warten sie die Gerätschaften.

Norbert Stadler allerdings räumt mit seinen Kollegen den Arbeitsplatz. Der ist nicht besonders groß und geräumig. Gerade einmal 16 Quadratmeter standen den Wetterbeobachtern des Deutschen Wetterdienstes zur Verfügung. Norbert Stadler hat sich Urlaub genommen, wollte nicht das Ende der Wetterbeobachtung auf der Zugspitze hautnah miterleben.

"Ich bin nicht derjenige, der die letzte Beobachtung macht - das geht mir schon nah."
Norbert Stadler, Wetterbeobachter Zugspitze

Ein wehmütiger Abschied

Der Arbeitsplatz von Norbert Stadler und seinen Kollegen liegt auf 2962 Metern und überragt damit die Zugspitze, Deutschlands höchster Berg, noch um zwei Meter. Und damit ist es bislang definitiv auch Deutschlands höchster Arbeitsplatz. Die Durchschnittstemperatur liegt bei minus 4,8 Grad - ein Klima, wie in Südgrönland, meint Stadler. Der niedrigste Wert seit Beginn der Aufzeichnungen wurde am 14. Februar 1940 gemessen: minus 35,6 Grad Celsius. Im Winter müssen die Beobachter nachts aufstehen: Schnee räumen. "Sonst kommt man in der Früh aus dem Loch nimmer raus", sagt Stadler. Am schlimmsten seien Gewitter. Es kracht und scheppert rundum - trotz guter Blitzableiter.

Was macht ein Wetterbeobachter?

Norbert Stadler, Wetterbeobachter beim Deutschen Wetterdienst

Wetterbeobachter auf der Zugspitze zu sein heißt 24-Stunden-Schicht. Sie beginnt in der Regel am Mittag und hört tags darauf auf. Jede halbe Stunde müssen wichtige Werte gemessen werden, dazu zählt die Temperatur, aber auch Luftdruck, Windgeschwindigkeit, Sonnenscheindauer oder Luftfeuchtigkeit. Die Wettermelder der Zugspitze melden dann die Daten an die Zentrale des Deutschen Wetterdienstes weiter. Dazu kommen noch 1.800 ehrenamtliche Wetterbeobachter. Die Beobachtungen liegern einen wichtigen Baustein für die Erstellung von Wettervorhersagen, aber auch für Klimastatistiken. Die Daten werden weltweit verbreitet.

"Für die Radioaktivitätsmessungen werden auf der Zugspitze und in Garmisch-Partenkirchen Aerosolpartikel auf Filtern gesammelt und auf radioaktive Beimengungen geprüft. Diese Messungen ermöglichen den Klimaforschern Aufschlüsse über die Herkunft der luftchemischen Bestandteile und sind Teil des „Global Atmosphere Watch“-Programmes der Weltorganisation für Meteorologie."
DWD Infomationsbroschüre

Wetterbeobachtung heißt Synoptik

Der Turm des Deutschen Wetterdienstes steht bei Garmisch-Partenkirchen (Bayern) auf der Zugspitze neben der Alpenvereinshütte "Münchner Haus".

Die Turmplattform der Wetterwarte bietet an manchen Tagen eine Sicht von bis zu 265 Kilometern. Der Blick reicht bis zum Schwarzwald, dem Bayerischen Wald, dem Dachstein und dem Tauernmassiv. Hier oben erlebte das Team jedoch regelmäßig auch die extremsten Wetterphänomene. So wird zum Beispiel der Saharastaub hier zum regelmäßig wiederkehrenden Naturschauspiel. Auch optische Phänomene wie das Elmsfeuer oder die Glorie sind keine Seltenheit. Ein besonderes Jahr war 1980. Hier konnten die Wetterbeobachter die Rekordschneehöhe von 7,80 Metern messen.

Aus nach 120 Jahren

1898 wurde mit den ersten Planungen für die Wetterstation begonnen. Zwei Jahre später wurde die Einweihung des Beobachterturm gefeiert. Damals hieß sie "Königlich Bayerische Meterorologische Centralanstalt". Der erste Beobachter, der bekannte Bergsteiger und Meteorologe Josef Enzensperger, begann seine wissenschaftliche Arbeit. Die meteorologische Messreihe auf der Zugspitze ist seit 1900 fast ununterbrochen: Es fehlen lediglich die Daten zwischen dem 5. Mai und dem 4. August 1945. In dieser Zeit war die Zugspitze in der Hand US-amerikanischer Truppen. Die höchste Temperatur hier oben wurde am 5. Juli 1957 mit 17,9 Grad gemessen, die tiefste am 14. Februar 1940 mit -35,6 Grad. Früher wurde alles per Hand gelesen, jetzt zieht immer mehr auch hier das digitale Zeitalter ein.

Bis 2021 sollen alle 182 sogenannten hauptamtlichen Wetterstationen automatisiert laufen. 155 sind es jetzt schon, darunter auch die nächsthöhere am Feldberg im Schwarzwald, mit 1.486 Metern auf halber Zugspitz-Höhe. Vor der Automatisierung stehen demnächst die Stationen an Fichtelberg (1.215 Meter) und Brocken (1.141 Meter), sie sind Anfang 2019 und 2020 dran. Und nach 118 Jahren wird ein Kollege nun am 1. Juni die allerletzte "Augenbeobachtung" auf der Zugspitze vornehmen.

"Der Jüngste sperrt zu. Die Arbeit macht dann der Kollege Computer."
Norbert Stadler, DWD-Wetterbeobachter


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