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Forscher und Dozenten warnen Wie die englische Sprache die Wissenschaft beherrscht

Die Weltsprache Englisch dominiert immer stärker auch die Wissenschaft. Hochschulen richten komplette Studiengänge auf Englisch ein, Förder-Anträge werden auf Englisch eingereicht, erfasst und bewertet. Forschungsergebnisse werden auf Englisch publiziert. Welche Folgen hat das langfristig für die Wissenschaft? Und gibt es eine Gegenbewegung? All das wurde diese Woche auf einer Tagung der Akademie für politische Bildung in Tutzing bei München diskutiert.

Von: Gerhard Brack

Stand: 04.03.2018

In den Geisteswissenschaften reicht die englische Sprache oft nicht aus, um den Forschungsgegenstand angemessen zu beschreiben, ist der Münchner Philosophie-Professor Julian Nida-Rümelin überzeugt:

"Germanistik ohne Deutsch geht gar nicht. Philosophie ohne intime Kenntnis der großen deutschsprachigen Werke ist jedenfalls schwierig, wenn man diesen Schwerpunkt hat, und da gibt es nun eine Art Abwertung, wenn man so will, der Originaltexte. Also selbst hervorragende Verlage wie zum Beispiel Oxford University Press wollen keine Verweise auf deutschsprachige Originaltexte. Das kann ich belegen, ich habe die Emails aufgehoben. Und das heißt, dass im Grunde gar nicht mehr auf diese Quelle verwiesen werden kann.  Denn wenn man nur englische Übersetzungen am Ende heranzieht, dann heißt das, dass man die spezifische Interpretation, die ja mit jeder Übersetzung einhergeht, auch mit übernimmt. Bei Texten von Heidegger oder Fichte oder Hegel kann man nicht einfach übersetzen. Da steht nicht dasselbe in den Übersetzungen."

Julian Nida-Rümelin

Nida-Rümelin hält es für einen Fehler, so zu tun, als könnten die  Geisteswissenschaften auf Deutsch als Wissenschaftssprache verzichten. Aber genau das geschehe - vor allem in den USA:

"Über Fichte und Heidegger und Wittgenstein wird locker publiziert, ohne dass man die Originaltexte kennt. Und das ist schon eine Form von, wenn man es boshaft sagt, Kolonialisierung, das heißt, die Abwertung von allem Nicht-Englisch-Sprachigen."

Julian Nida-Rümelin

Wissenschaft braucht Diversität

Tatsächlich verschwinden außer Englisch mehr oder weniger alle anderen Sprachen aus dem Wissenschaftsbetrieb. Doch die Wissenschaft profitiert davon, wenn sie in verschiedenen Sprachen denken und sich äußern kann, betont Winfried Thielmann von der Universität Chemnitz:

"Diese Vielfalt ist ein Gewinn für die wissenschaftliche Erkenntnis. Und wir haben diese Vielfalt ja nicht einfach so. Wir hatten nämlich schon mal eine allgemeinverbindliche Sprache, das Lateinische. Und das Lateinische ist aufgegeben worden, weil es für die neuzeitliche empirische Naturwissenschaft die Ressource nicht vorhielt. Das heißt, man hat eine universale Sprache aufgegeben für wissenschaftliche Zwecke. Man ist in diese Einzelsprachen hinein, weil man Naturwissenschaft machen wollte. Und jetzt zu glauben, der Monolingualismus sei eine Antwort auf die Bedürfnisse moderner Wissenschaft, die noch sehr viel stärker auf Diversität angewiesen ist, das ist ein Irrweg und das ist ein Irrtum."

Winfried Thielmann von der Universität Chemnitz

Karriere nur mit englischen Fachzeitschriften

Aber klar ist: wer Karriere machen will, muss in englischsprachigen Fachzeitschriften publizieren, die in den weltweiten Datenbanken ganz oben stehen. Siegfried Gehrmann, Vorstand des Zentrums für europäische Bildung der Universität Zagreb, hält das für fatal:

"Ich muss als Wissenschaftler einen möglichst hohen Impact erreichen, also Zitationspunkte. Das erreiche ich, wenn ich englischsprachig veröffentliche. Das erreiche ich noch mehr, wenn ich in den ganz hoch gerankten wissenschaftlichen Zeitschriften veröffentliche. Buchbeiträge kommen nicht vor. Monografien kommen nicht vor."

Siegfried Gehrmann, Vorstand des Zentrums für europäische Bildung der Universität Zagreb

Zwar öffnet das Englische einen weltweiten Diskursraum. Dafür aber verschwinden kleinere Diskursräume und Fragestellungen. Das aber sei in einer immer komplexer werdenden Welt nicht hinzunehmen. Die globale Anglophonisierung der Wissenschaft durch den wachsenden Einfluss der Datenbanken bringt auch schwere inhaltliche Verluste, sagt Gehrmann:

"Da Theoriebeiträge häufig in Zeitschriften nicht gefasst werden können, weil sie einen größeren Raum anbieten, fallen größere Theoriebeiträge aus diesen Zitationsdatenbanken heraus. Das heißt: Bestimmte Theorien kommen nicht mehr vor. Sie werden sozusagen unsichtbar gemacht. Was unsichtbar gemacht wird, wird nicht rezipiert. Was nicht rezipiert wird, kommt nicht vor. Hier haben wir Lenkungsmechanismen in Richtung Theorien, in Richtung Modelle, die sich an den hoch gerankten englischsprachigen Zeitschriften orientieren. Das heißt, hier übt der hegemoniale Macht aus, der die Verteilermacht hat. Und die Verteilermacht sind die Datenbanken."

Siegfried Gehrmann, Vorstand des Zentrums für europäische Bildung der Universität Zagreb

Gehrmann rät dazu, diese Datenbanken zu europäisieren.

DFG-Präsident Strohschneider: Pluralismus der Sprachen bereichert

Auch der Präsident der Deutschen Forschungsgemeinschaft, Peter Strohschneider, bestätigt: Mit der Vorherrschaft einer Sprache gehe auch Machtverteilung einher – samt wirtschaftlichen, politischen und sogar militärischen Interessen.

"Für die Wissenschaft noch wichtiger ist, wenn sie einsprachig würde, was sie in großen, meiner Ansicht nach zu großen Bereichen de facto vielfach schon ist, dass dann etwas verloren geht, was für den Pluralismus, die Denkoffenheit von Wissenschaft, entscheidend ist, nämlich die Unterschiede der Sprachen, die Differenzen der Sprachen, der Pluralismus der Sprachen. In den Unterschieden der Sprachen und in den Schwierigkeiten des Übersetzens, des Erwerbens von Fremdsprachen und des Übersetzens von einer Wissenschaftssprache in eine andere, in diesen Differenzen steckt eine enorme intellektuelle Produktionskraft, will ich mal sagen. Denn mit Sprachen verbinden sich Muster des Argumentierens, des Weltverhältnisses, der Weltauslegung, auf die eine vielfältige und insofern produktive, reiche Wissenschaft nicht verzichten sollte."

Peter Strohschneider, Präsident der Deutschen Forschungsgemeinschaft

Nicht nur in der Forschung, auch in der Lehre verbreitet sich Englisch. Mittlerweile sind von 18.000 anerkannten Studiengängen in Deutschland schon über 1.000 vollständig auf die englische Sprache umgestellt. Viele Hochschulen wollen damit ausländische Studierende locken. Cornelia Schu dagegen, Geschäftsführerin des Sachverständigenrats deutscher Stiftungen für Integration, sieht eher ein Hindernis. Viele Ausländer wollten später in Deutschland arbeiten. Deshalb müssten sie auch Deutsch lernen. Und nicht zuletzt sollen die Bürger auch die Ergebnisse der Wissenschaft verstehen.

"Die Voraussetzung dafür ist, dass die Wissenschaftssprache verständlich ist. Also, es ist ein gemeinsames Interesse, dass eben die Wissenschaft auch verständlich kommuniziert, um eben auch Gehör zu finden."

Cornelia Schu, Geschäftsführerin des Sachverständigenrats deutscher Stiftungen für Integration

Italien: Rein englischsprachige Studiengänge verfassungswidrig

Jetzt setzen die Verteidiger der deutschen Sprache ihre Hoffnung auf Italien. Dort hat der Verfassungsgerichtshof gerade ein Urteil zugunsten der Landessprache gefällt: Studiengänge, die nur in einer Fremdsprache angeboten werden, sind verfassungswidrig. Ralph Mocikat, Vorsitzender des Arbeitskreises Deutsch als Wissenschaftssprache, sieht in dem Urteil auch Strahlkraft für den gesamten europäischen Raum:

"Das sollte uns allen durchaus zu denken geben, weil die verfassungsrechtliche Situation in Italien der deutschen durchaus vergleichbar ist."

Ralph Mocikat, Vorsitzender des Arbeitskreises Deutsch als Wissenschaftssprache


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Manfred F. Gratzer, Mittwoch, 07.März, 09:16 Uhr

14. ad fontes

Je älter die Menschheit wird, desto klüger wird sie auch - im Allgemeinen wie auch in ihren "Fächern", anders gesagt u.A. auch in ihren wissenschatlichen Disziplinen. Aufgabe der (Sprach-)wissenschaft wird es wohl sein, die "Verfachlichung" in ihren Termini national wie international einzufangen, einen Wildwuchs in der allgemeinen wie auch, resp. besonders in der fachlichen Kommunikation zu vermeiden. Faktum ist, dass Englisch als Lingua Franca ihre Aufgabe hat, die ganz sicher im Allgemeinen gegenseitige Verständigung zum Ziel hat. Ist "Verständigung" aber auch "Verstehen"? Oder ist es vielmehr nicht so, dass - jetzt kommt ein weiter Bogen: zum Verständnis der Bevölkerung eines Staats mit seiner Kultur und seinen "Fächern" auch das Beherrschen ihrer Sprache notwendig ist? Darüber hinaus sind die wissenschatlichen Disziplinen unterschiedlich mit Fremd- und Lehnwörtern durchmischt - siehe "Medizin" und "Rechtswesen", "Polizeisprache", "Militärsprache" u.v.m.

Hans Holtz, Montag, 05.März, 12:24 Uhr

13.

Wenn die Deutschen schon seit Jahren im Mittelmaß versinken, dürfte es selbstverständlich sein, dass wissenschaftliche Eröffnungen vorrangig auf Englisch erfolgen und somit diese Sprache dominiert. Das, was Sarrazin und andere unbequeme Zeitgeister offen angeprangert haben, dass sich Deutschland mit seiner von Links-Grün dominierten anspruchslosen Schulbildung weg bewegt, "helle Köpfe" zu fördern, die später herausragende Leistungen erbringen, um die ehemalige Weltgeltung zu halten, zeigt sich eben bereits.

Prof. Dr. Klaus Wolf, Montag, 05.März, 09:46 Uhr

12. Wie die englische Sprache die Wissenschaft beherrscht

Nicht einmal das Lateinische hatte im Mittelalter das Monopol als Wissenschaftssprache. Seit den Anfängen mittelalterlicher Universitäten gab es europaweit besonders in den Fächern Medizin und Astronomie immer auch volkssprachige Traktate. Dies gilt im Heiligen Römischen Reich nördlich der Alpen auch für die 1365 gegründete Wiener Universität und für die 1386 gegründete Heidelberger Universität. Deutsch ist Wissenschaftssprache seit über einem halben Jahrtausend!

  • Antwort von Barbara, Montag, 05.März, 13:29 Uhr

    Anscheinend ist der Herr Professor nicht katholisch, denn sonst wüßte er, daß sich die Lateinische Sprache seit 2000 Jahren in der Kirche erhalten hat. Alle wichtigen Texte der kath. Kirche wurden stets auch auf Latein verfaßt. Einfach mal das "Paternoster qui es in coelis" beten lernen.

strange, Sonntag, 04.März, 18:44 Uhr

11. Englisch dominiert nicht nur die Wissenschaft

Wissenschaft light.

Muttersprachler, Sonntag, 04.März, 13:33 Uhr

10. Mehr Deutsch!

Kaum ein Land übt sich gemessen an seiner Größe derart im Kotau vor dem Englischen wie Deutschland! Das ganze mag ja historisch bedingt sein als Besatzungszone und US-Satellitenstaat. Nur ist das heutzutage doch längst überholt, überlebt und nur noch peinlicher Ausverkauf! Wer so etwas betreibt, übt sich darin, vermeintlichen Trends hinterherzulaufen, Scheinriesen wie das Englische überhaupt erst zu produzieren, nachzuäffen anstelle tatsächlich selbst Forschung und Wissenschaft zu betrieben, Licht ins Dunkel zu bringen! Genau daran hapert es gewaltig, der Originalität. Man degradiert sich zum Entwicklungsland, Marionette, Mitläufer und Befehlsempfänger, was eigentlich längst vorbei ist. Deutsch ist nach dem Russischen die meistgesprochene Muttersprache in Europa. Ich hoffe, das dringt wieder stärker ins Bewusstsein, was doch längst der Fall ist!