NSU-Prozess


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418. Verhandlungstag, 17.4.2018 Keiner will anfangen

Am 418. Verhandlungstag kam es wieder nicht zum Beginn der Plädoyers. Dabei stehen die Schlussvorträge der Verteidigung schon seit mittlerweile fünf Wochen auf dem Programm des Münchner NSU-Prozesses. Heute waren es keine Ablehnungsgesuche oder Beweisanträge die das Verfahren verzögerten, sondern abwesende Verteidiger.

Von: Eva Frisch

Stand: 17.04.2018

Eva Frisch | Bild: Bayerischer Rundfunk

17 April

Dienstag, 17. April 2018

Erinnern Sie sich an folgende Situation aus der Schulzeit: Der Lehrer kommt morgens in die Klasse und fragt: Wer kann mir denn diese Exponentialfunktion hier an der Tafel ableiten? Betretenes Schweigen. Keiner meldet sich. Auf keinen Fall drankommen, hoffen die meisten. Es werden noch einige Ausreden von Kopfschmerzen oder von der Oma, die gestern spontan vorbei kam, ausgepackt. Aber am Ende hilft es nichts. Einer muss als erstes nach vorne und sich mit der Ableitung abquälen. Ein leichtes Gefühl von "bloß nicht als erstes drankommen wollen", bekamen wir Gerichtsreporter auch heute im NSU-Prozess mit.

Niemand kann oder will plädieren

Denn der, der heute eigentlich dran gewesen wäre, ist gar nicht erst erschienen: Hermann Borchert, Wahlverteidiger der Hauptangeklagten Beate Zschäpe. Er sei wegen eines dringenden privaten Notfalls verhindert, ließ er durch seinen Kollegen Mathias Grasel wissen. Dabei wollte es der Vorsitzende Richter Manfred Götzl heute aber nicht bewenden lassen. Also fragte er die Verteidigung von Holger G. Man wolle an der vorher festgelegten Reihenfolge nichts ändern und lieber nicht anfangen, sagte Verteidiger Stefan Hachmeister. Er brachte auch durchaus für seinen Mandanten nachvollziehbare Gründe dafür vor. G. habe Zschäpe belastet und deshalb sei es inhaltlich für ihn relevant was deren Verteidigung vortrage.

Schon am 13. März sollten Plädoyers starten

Nächster Versuch: Verteidigung von Ralf Wohlleben. Götzl fragt auch hier an. Er selbst könne schon beginnen, sagt Verteidiger Olaf Klemke. Aber seine beiden Kollegen hätten noch etwas in ihre Plädoyers einzuarbeiten. Aber in der nächsten Woche sei man bereit. Bei André E. nachzufragen spart sich der Vorsitzende Richter, denn dessen neuer Wahlverteidiger Daniel Sprafke fehlt ebenfalls. Er sei aktuell wegen eines medizinischen Notfalls im Krankenhaus. Der Senat hat nichts mehr auf dem Programm außer den Plädoyers der Verteidigung und den Schlussworten der Angeklagten. Seit dem 13. März versucht Götzl die Plädoyers starten zu lassen. Das kann doch alles gar nicht sein, denken wir uns auf den Presseplätzen. Doch. Das ist momentan der NSU-Prozess.

"Stellen Sie sich auf ihre Schlussvorträge ein"

So einfach einen Schüler zur Ableitung nach vorne zu zitieren, so einfach hat es Götzl nicht mit den Verteidigern und ihren Plädoyers. Aber heute hat er klar gemacht, nächste Woche müssen alle bereit sein zu liefern. Egal wer. Ob sie wollen oder nicht. "Ich bitte sie sich auf die Schlussvorträge einzustellen", so Götzl. Es könne nächste Woche auch zu einer anderen Reihenfolge kommen. Sprich wenn die Zschäpe-Verteidigung wieder nicht kann, kommen eben Wohllebens Verteidiger dran. Oder die von Holger G., André E. oder Carsten S. Damit bleibt kaum mehr ein Hintertürchen offen, nicht plädieren zu können. So ist wenigstens die Chance gestiegen, dass die Verteidigung endlich mit den Schlussvorträgen beginnt.


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