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Not im Krankenhaus München gehen die Pfleger aus

Leere Betten, Patienten müssen weggeschickt werden. Münchens Krankenhäuser schlagen Alarm. Ihnen gehen die Pfleger aus. Schuld sind die steigenden Lebenshaltungskosten in München. Teilweise können die Krankenhäuser schwerkranke Patienten nicht versorgen. Selbst Krebspatienten mussten auf andere Krankenhäuser verteilt werden. Die Kliniken versuchen gegenzusteuern.

Von: Moritz Steinbacher, Christian Stücken

Stand: 16.01.2018

Die Haunersche Kinderklinik ist eine der führenden Kinderkliniken in Europa. Doch Notärzte fahren zur Zeit das Kinderkrankenhaus kaum noch an, denn die Notaufnahme ist offiziell abgemeldet. Das Problem:  Es fehlen zu viele Pflegekräfte. Wegen der fehlenden Mitarbeiter ist dort sogar eine komplette Station stillgelegt. Im vergangen Dezember mussten sogar krebskranke Kinder auf andere Krankenhäuser in Bayern verteilt werden.

Doch damit ist die Haunersche Kinderklinik nicht allein. Der Pflegemangel ist ein Problem, der alle öffentlichen Kliniken in München betrifft.

"Wir haben weniger Aufnahmekapazitäten, weil wir zu wenig Pflegekräfte haben. In allen Bereichen."

Anett Sander, Pflegeleitung in der Haunerschen Kinderklinik München

Pfleger-Notstand in Krankenhäusern kann gravierende Folgen haben

Das beobachtet auch der Münchner Kinderarzt Dr. Tobias Eisenhut. Vor wenigen Wochen hatte er einen dramatischen Fall: Ein Mädchen hatte Blut im Urin.

"Dann hieß es erstmal, das Kind kann an der Klinik oder den Kliniken in München nicht aufgenommen werden."

Dr. Tobias Eisenhut, Münchner Kinderarzt

Prämienzahlung für Vermittlung von Krankenhaus-Pflegern

Nach Recherchen von Kontrovers suchen alle Münchner Krankenhäuser händeringend nach Pflegern und müssen deswegen ihren Betrieb zurückfahren.

Nach Recherchen des BR Politikmagazins Kontrovers häufen sich diese Fälle in München. Der Grund ist immer der gleiche. Es fehlen zu viele Pfleger. Pflegekräfte werden weiter händeringend gesucht. Um Patienten dennoch angemessen versorgen zu können, muss die Bettenkapazität zurückgefahren werden. Um mehr Krankenpfleger zu finden, versuchen die Kliniken einiges. Teilweise werden sogar Vermittlungsprämien von bis zu 1.000 Euro geboten.  Doch bis jetzt vergeblich.

"Bayern fehlen 21.000 Klinikbeschäftigte, 10.000 in der Pflege."

Robert Hinke, Landesfachbereichsleiter für Gesundheit und Soziales bei Ver.di Bayern

Die Gründe: die hohe Arbeitsbelastung und die Bezahlung. Bis zu 100 Überstunden machen Krankenpfleger wie Carmen Mayr. Nebenher eine Familie zu organisieren – kaum  möglich.

"In Zeiten, in denen es hier sehr stressig ist und wir viele Patienten haben, merkt man das deutlich am Stimmungbild hier auf Station, dass auch viele Kolleginnen und Kollegen zu mir sagen: sie haben keine Lust mehr zu, sie suchen sich einen anderen Job."

Carmen, Mayr, Pflegerin

Hohe Lebenshaltungskosten in München sorgen für Pfleger-Notstand

Der andere Grund für den Notstand: Die meisten Pfleger sind im öffentlichen Dienst beschäftigt und das Gehalt ist zu gering, um sich ein Leben in einer der teuersten Städte Deutschlands leisten zu können.

"Ich bin ins Schwesternwohnheim zurückgezogen, weil der Mietspiegel so intensiv hoch ist, dass ich's mir eigentlich nicht mehr leisten kann."

Torsten Wellmann, Pfleger

Das für den Tarifvertrag zuständige bayerische Finanzministerium erklärt in einer Stellungnahme, dass man bei den Gehältern schon nachgebessert hat. Bei Fragen des teuren Wohnraums verweist das bayerische Gesundheitsministerium auf die Landeshauptstadt München. Doch das ist nur die halbe Wahrheit, sagt Christian Reischl von Ver.di.

"Das Land Bayern müsste Wohnungen bauen. Seit zehn Jahren sind ja die Länder ausschließlich zuständig für den sozialen Wohnungsbau."

Christian Reischl, Gewerkschaftssekretär bei Ver.di München

Bisher greifen die meisten Versuche gegenzusteuern nicht und die Not in den Münchner Krankenhäusern bleibt. Schwerkranke Patienten müssen weiterhin oft auf Krankenhäuser im Raum Oberbayern verteilt werden.


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Sebastian, Samstag, 20.Januar, 00:13 Uhr

28. Wir jammern nur,

in den meisten Kliniken und Pflegeeinrichtungen, wahrscheinlich sogar in allen Kliniken dieser Stadt ist Pflegepersonal sehr knapp. Ein Umdenken in Politik und Gesellschaft ist zwingend notwendig um diesen Missstand zu beheben. Aber vor allem sollte ein Umdenken beim Pflegepersonal selbst erfolgen. Anstatt immer wieder hilflos nach der Politik zu rufen, gilt es aufzustehen um für sich und seine Belange einzustehen. Nicht einmal 10 % aller Pflegenden sind in Berufsverbänden oder in einer Gewerkschaft organisiert. Von der Gründung einer Pflegekammer möchte ich hier noch gar nicht reden. Es liegt an uns dafür zu sorgen, dass wir bessere Arbeitsbedingungen und eine bessere Bezahlung erhalten. Deshalb die Aufforderung, werdet Mitglied in einem Berufsverband und der Gewerkschaft und kämpft für eine Pflegekammer, damit die Zustände irgendwann mal besser werden. Denn eins sollte inzwischen jedem bewusst sein, von der Politik und der Gesellschaft wird uns keiner helfen.

Stefanie , Freitag, 19.Januar, 02:59 Uhr

27. Pflegenotstand

Ich habe elf Jahre lang in einer großen Müncher Uniklinik auf der Intensivstation gearbeitet. Das ist jetzt schon fast fünf Jahre her und selbst damals hatten wir schon große Personalnot. Aber wen wundert's ich habe München jetzt verlassen verdiene jetzt ungefähr 400€ mehr, habe nicht mehr die hohe Arbeitsbelastung der Intensivstation und hat eine deutlich niedrigere Miete für eine deutlich schönere Wohnung. Ich bin froh das ich München verlassen hab, denn ich brauche keinen Nebenjob
mehr um mir meinen normalen Lebensunterhalt leisten zu können. Solange wie es in München keinen bezahlbaren Wohnraum gibt wird sich die Situation nicht ändern.

Theresia, Donnerstag, 18.Januar, 13:39 Uhr

26. Pflege

Die Situation in der Pflege wird sich nie ändern.Metropolen wie München sind nur für reiche.

Wieso ist der Personalschlüssel in anderen Ländern so wie er sein muss und warum erfährt man so gut wie keine Wertschätzung. Im Gegenteil, wenn man etwas sagt eben wegen dieser desolaten Situation in Pflege, dann kann man sich die Papiere abholen.

Martin, Mittwoch, 17.Januar, 21:31 Uhr

25. Pflegenotstand

Gier frist Hirn. Ein altes Sprichwort passt hier sehr gut zu diesem Thema. Eine Bekannte arbeitet auf einer Intensivstation in einer ländlichen Klinik. 2 Stationen je 16 Betten. Personalbesetzung 5 und 4. Den Zuschlag für die 5. Pflegeperson bekommt die Station bei der die Hütte lichterloh brennt. Pflegeschlüssel 1 zu 4. Stress pur und da darf nichts aussergewöhnliches passieren ( Zugänge usw.) Klinik macht Millionengewinne, Pflegepersonal uninteressant, die sollen arbeiten. Personal total frustriert und hat miese Stimmung. (Schlägt sich auf die Patienten nieder) Moderne Sklavenhaltung kann man da nur sagen. Zum Vorschlag von Egon: Jeder Klinikgeschäftsführer müsste ein halbes Jahr in der Pflege arbeiten bevor er seinen Job ausführen dürfte.

Bernd, Mittwoch, 17.Januar, 19:57 Uhr

24. Pflegenotstand

Es ist schon 5 nach zwölf, die Lage in der Pflege ist wie der Klimawandel soweit fortgeschritten das sie für die nächsten Jahrzehnte unumkehrbar ist.
Niemand will bei dieser Bezahlung und der großen Arbeitsdichte mehr in diesen Beruf arbeiten. Und wenn man doch die Ausbildung hinter sich gebracht hat hängt man den Job nach wenigen Berufsjahren an den Nagel.
Die Politik schaut weg sie will das Elend nicht sehen.Dabei ist das Risiko als Pflegefall Stundenlang in seinen Fäkalien zu liegen um einen extrem realen Faktor höher als einen Terroranschlag zum Opfer zu fallen. Auch für Politiker.