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Youtube-Phänomen "Gongbang": Büffeln wird hip | BR24

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Stundenlang Lernen und sich dabei zuschauen lassen? Solche Clips werden auf Youtube immer beliebter und millionenfach angeklickt. Warum nur?

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Youtube-Phänomen "Gongbang": Büffeln wird hip

Stundenlang Lernen und sich dabei zuschauen lassen? Sogenannte "Gongbang"-Clips werden auf Youtube immer beliebter und millionenfach angeklickt. Doch warum?

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Nach einer Minute drapiert Sarang ordentlich vier Stifte neben ihre Unterlagen. Zwischen Minute zwei und Minute vier geht sie den Terminplaner durch. Bei Minute 4:30 steckt sich die Asiatin Stöpsel in die Ohren. In der nächsten Stunde ist der Zuschauer ganz nah dran, wenn Sarang in Unterlagen blättert, Notizen schreibt, liest, den Laptop auf- und dann wieder zuklappt, bisweilen wichtige Aussagen aus Standardwerken der Betriebswirtschaft herausschreibt und mit verschiedenfarbigen Filzstiften hervorhebt.

Youtube-Stars büffeln vor der Kamera

Das Youtube-Video "Study With Me at the New York Public Library" wurde immerhin von fast 38.000 Menschen angeklickt. Die User loben in den Kommentaren, wie anmutig Sarang ihr Federmäppchen öffnet, und erzählen, dass ihre Videos sie zum Lernen motivieren. Dass Menschen sich beim Lernen filmen, ist kein neuer Trend, aber ein Trend, der immer mehr Aufmerksamkeit bekommt. Manche der Lern-Clips werden hunderttausende Male angeklickt. Ein Clip, der den japanischen Youtube-Star Hajime Shacho eine gute Stunde dabei zeigt, wie er schreibt, schreibt, schreibt und bei Minute 37 kurz in die Kamera lugt, wurde bislang 4,2 Millionen Mal angesehen. Schade nur, dass zahlreichen Werbeunterbrechungen das passive Lernvergnügen trüben.

In Südkorea, wo das Video-Phänomen herkommt, wird es mit dem assoziationsgeschwängerten Begriff "Gongbang" bezeichnet, was sich aber harmlos als "Lernsendung" übersetzten lässt. In Japan heißen solche Videos "benkyou douga", in den USA findet man sie unter dem Schlagwort "study with me".

Warum sind "Gongbang"-Videos so beliebt?

Warum also schauen so viele Menschen Videos an, bei denen - nüchtern betrachtet - nicht besonders viel passiert? Anders als bei "Let’s Play"-Videos, bei denen Menschen sich beim Computerspielen filmen, werden die Videos nicht unterhaltsam kommentiert. Und wem nach Entschleunigung ist, der ist bei den beliebten ASMR-Flüstervideos vermutlich besser aufgehoben. Viele Kommentatoren sind sich aber sicher: "Gongbang"-Videos helfen bei der Konzentration. Im Gespräch mit dem Bayern 2 Podcast "Tagesticket" widerspricht der Lern und Gedächtnis-Experte Martin Korte jedoch dieser Theorie.

"Die Aufmerksamkeit wird geteilt, zwischen dem, was auf dem Bildschirm passiert, und dem, was ich selber versuche zu erledigen. Und das bedeutet, dass man nur einen Teil seiner Rechenkapazität und seines Konzentrationsvermögens zur Verfügung hat." Martin Korte, Lern und Gedächtnis-Experte

Die Frage scheint aber, wie viel Aufmerksamkeit man den letztlich doch recht spannungsarmen "Gongbang"-Videos wirklich widmet? Am ehesten lässt sich "Gongbang" vermutlich mit "Mok-Bang" vergleichen, auch das ein Trend aus Südkorea. In "Mok-Bang"-Videos filmen sich Menschen beim Essen.

Auch über "Mok-Bang" gibt es viele Theorien: Werden die Videos geschaut, weil man quasi passiv irgendwie mitisst? Geht es den Zusehern darum, sich weniger einsam zu fühlen? Was "Gongbang"-Videos angeht, könnte noch ein eher profaner Grund eine Rolle spielen: Wie eine Lerngruppe, sorgen die Videos für Disziplin und Struktur. Wer mit Sarang anfängt zu Lernen, hört eben erst dann auf, wenn die Youtube-Streberin anmutig die Stifte in ihr Federmäppchen gleiten lässt und endlich nach Hause geht.