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YouTube-Aus: Kopf der Identitären hat ein Reichweitenproblem | BR24

© picture alliance/ZUMA Press

Martin Sellner gilt als Kopf der rechtsextremen Identitären Bewegung. Innerhalb weniger Tage haben Twitter und YouTube seine Accounts gesperrt.

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    YouTube-Aus: Kopf der Identitären hat ein Reichweitenproblem

    Die sozialen Netzwerke gehen neuerdings entschiedener gegen Hassrede vor: Nach Twitter hat nun auch YouTube Accounts von Martin Sellner, dem Kopf der rechtsextremen Identitären Bewegung, gelöscht. Damit steht der nun vor einem Problem.

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    Hass im Netz ist ein großes Problem, gegen das die großen Plattformen aber immer entschiedener vorgehen. Nach Twitter hat nun auch YouTube Accounts der rechtsextremen Identitären Bewegung bzw. ihres Kopfes Martin Sellner gelöscht.

    YouTube nannte keine konkreten Anlässe für die Sperrung der Sellner-Accounts, klar ist aber, dass sie wegen Verstößen gegen die Richtlinien zur Hassrede erfolgt ist. "Jeder Kanal, der wiederholt oder ungeheuerlich gegen diese Richtlinien verstößt, wird geschlossen", teilte ein YouTube-Sprecher mit.

    In den Richtlinien heißt es: "Hassrede ist auf YouTube nicht zulässig." YouTube entfernt Inhalte, die in Bezug auf bestimmte persönliche Merkmale zu Gewalt oder Hass gegen Einzelpersonen oder Gruppen aufrufen. Dazu zählen unter anderem auch die ethnische Herkunft, Nationalität, Rasse und Einwanderungsstatus.

    Identitäre Bewegung gilt als rechtsextremistisch

    Die Identitäre Bewegung Deutschland (IBD) behauptet, dass es in Deutschland eine unkontrollierte Massenzuwanderung gebe, die zu einer Heterogenisierung der Gesellschaft führe. Sie wendet sich gegen den "Großen Austausch" der einheimischen Bevölkerung gegen Migranten und "fordert im Rahmen ihrer Kampagnen unter dem Schlagwort 'Remigration' die Rückführung von Migranten in deren Heimatländer", wie es im gerade erschienenen Verfassungschutzbericht 2019 heißt. Das Bundesamt für Verfassungsschutz stuft die IBD als "gesichert rechtsextremistisch" ein, eine Bezeichnung, gegen die die IBD gerade geklagt hat.

    Kopf der Identitären Bewegung im deutschsprachigen Raum ist Martin Sellner. Der Österreicher gilt auch als Verbindungsmann zwischen der Szene der "Neuen Rechten" in den USA und Europa. Auf YouTube betrieb er mehrere Accounts mit zusammengenommen mehr als 160.000 Abonnenten, seine Videos hatten mehr als 20 Millionen Views erzielt.

    Twitter verbannte IB vergangene Woche

    Vergangene Woche hatte Twitter den Account von Sellner mit rund 40.000 Followern und einige Accounts der Identitären Bewegung auch aus anderen europäischen Ländern gesperrt mit der Begründung, dass dort Terrorismus und Gewalt verherrlicht worden seien. Facebook- und Instagram hatten bereits 2018 Konten von Sellner und der Identitären Bewegung gesperrt.

    Mit YouTube ist nun eine weitere große Plattform weg – zumindest für Sellner persönlich, denn der YouTube-Account der Identitären Bewegung Deutschland war am 15. Juli noch online.

    "Die Sperrung seiner YouTube-Accounts trifft Martin Sellner stark, weil er nun keine Mainstream-Plattform mehr hat, auf der er ein großes Publikum erreichen kann", sagt Stefan Lauer, Referent bei der Amadeu-Antonio-Stifung, die sich für die Stärkung einer demokratischen Zivilgesellschaft einsetzt, die sich konsequent gegen Rechtsextremismus, Rassismus und Antisemitismus wendet, zu BR24.

    Deplatforming ist effektiv

    Das Deplatforming, also das Entfernen von Kanälen, die regelmäßig zum Hass anstacheln, bei Facebook, Instagram und jetzt bei Twitter und YouTube, hält Lauer für "effektiv. So kann Menschenfeindlichkeit nicht mehr im großen Rahmen verbreitet werden."

    Allerdings sei die rassistische Weltanschauung an sich weiter da. Die Zivilgesellschaft müsse auch auf anderen Ebenen versuchen, daran zu arbeiten und Leute stärken, die dagegen arbeiteten, so Lauer weiter.

    Sellner will sich zwar juristisch gegen die Sperrungen zur Wehr setzen, ist aber fürs Erste gezwungen, neben seiner Website auf eine Handvoll unbekannterer Plattformen auszuweichen, auf denen er keine vergleichbar große Reichweite erzielt. Dazu zählt das Videoportal BitChute, das "seit längerem ein Ausweichkanal für rechtsextremes Gedankengut ist", wie Lauer sagt. Auch Nikolai Nerling alias "Der Volkslehrer", der 10.000 Euro Strafe wegen Volksverhetzung bekam, ist dahin ausgewichen.

    Rechte setzen auf Dark Social

    Je mehr die großen, reichweitenstarken Plattformen wie Facebook, Twitter und YouTube rechtsextreme Inhalte und Akteure von ihren Plattformen verbannen, umso wichtiger werden Messenger-Dienste wie WhatsApp oder Telegram. Weil die Kommunikation dort nur halböffentlich ist, zählt man Messenger zur Kategorie "Dark Social".

    Speziell Telegram ist bei Rechtsextremen und Anhängern von Verschwörungserzählungen sehr beliebt. Zum einen, weil sie eine große Reichweite haben: Gruppen können bis zu 200.000 Mitglieder haben und Channels, in denen wenige schreiben und der Rest nur mitliest, gar unbegrenzt viele. Zum anderen ist Telegram inhaltlich nur wenig reguliert. "Hier wird die Meinungsfreiheit auf US-Level ausgelegt: Es kann alles gesagt werden, auch wenn es menschenfeindlich ist", sagt Lauer.

    Telegram als wichtigster verbliebener Kanal für Sellner

    Als Facebook und Instagram 2018 rechtsextreme Accounts stilllegten, setzte in der rechten Szene eine Run auf Messenger wie Telegram und Whatsapp ein. Martin Sellner war dabei einer der Vorreiter.

    Telegram ist nach Ansicht von Stefan Lauer der wichtigste verbliebene Kanal für Sellner. Auf Telegram ruft Sellner seine mehr als 50.000 Follower dazu auf, seine Posts und Videos auf anderen Netzwerken zu teilen bzw. sie dort hochzuladen. Offenbar möchte er seine durch die Twitter- und YouTube-Sperrungen reduzierte Reichweite auf diesem Weg wieder erhöhen.

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